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Die Kunst der Vernetzung und nervende Brüder
17.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Franz Vollmer

Baden-Baden - Die gähnende Leere füllt sich allmählich. Mit Personen, die nach und nach die Bühne betreten, und mit Wortfetzen, die etwas befremdlich, um nicht zu sagen "strange" klingen. "Labdaa tsi ne lock" etwa oder "Role Roga RoRo" oder auch "Monokoza Lamero". Dass das eine für Leidenschaft steht, das zweite "Kämpft für die Unterwelt" bedeutet und das dritte einfach "Mein Bruder nervt mich", muss man nicht wissen. Man fühlt es auch so.

Minuten später rennt die Gruppe mit irgendwelchen Papierzetteln bewaffnet wie eine wildgewordene Hummelhorde immer schneller im Kreis herum, spätestens bei Intensitätsstufe fünf. "Lücken schließen. Keine Zwischenräume lassen", geben Choreographin Lil Egner und Theaterpädagogin Nelly Noack zu verstehen. Letzte Polierarbeiten für ein recht komplexes multimediales Bühnenwerk, das am Sonntag nach Möglichkeit stehen sollte.

"Diggin Opera" heißt das Stück, an dem diese Woche im Festspielhaus eifrig geprobt wird, und dahinter verbirgt sich erstens ein ambitioniertes Laienschulprojekt nach dem Motto "Wir machen unser eigenes Ding" und zweitens reichlich Arbeit für die drei beteiligten Schulen, was nicht nur den Lehrkräften Respekt abringt. "Hut ab, wie ihr da so lange durchhaltet", meint etwa Tilo Beier von der 8a der Theodor-Heuss-Schule, die neben der 10 b vom Gymnasium Hohenbaden und der Realschule (zehnte Klasse) beteiligt ist. Das Ganze ist der gelungene Versuch, Jugendlichen von 14 bis 16 Jahren im weitesten Sinn die Welt der Oper schmackhaft zu machen. Das Ergebnis: experimentelles Musiktheater at it's best und jede Menge Einfälle, die substanziell letztlich von den Schülern selbst stammen, inklusive Text und Musik.

"Jeder hat seinen eigenen Weg und seine individuelle Sichtweise. Die Expertise liegt bei der Gruppe", umreißt Nelly Noack das Konzept und spricht von einem "bilderreichen, sinnlichen" Resultat. Von Zensur also keine Spur. "Wir haben alles aufgenommen, was kam, und lediglich etwas optimiert", ergänzt Komponist Jan Paul Werge, der das klangliche Material zusammengeführt hat. So lautete eine Aufgabe, dass jeder Teilnehmer eine Folge von drei Tönen kreiert. Diese wurden von Werge zu einer kunstvollen, fast schon seriell anmutenden Arie zusammengesetzt, die auch für Ruben Olivares Jofré, einen der drei involvierten Profisänger, eine Herausforderung darstellt.

Einen echten Plot, sprich eine lineare Handlung, hat "Diggin' Opera" nicht, es geht eher um Emotionen, Kommunikationskonstellationen oder Gefühlsschichten. Insgesamt ein sattes Dutzend von Szenen, Arien und Chöre sind so entstanden. Wobei rund die Hälfte laut Noack fix notiert ist und die Hälfte improvisiert wird.

Wesentlicher Teilaspekt des Projekts ist nicht zuletzt die Digitalität, was auch im Titel anklingen soll. Kurioserweise waren aber weder Handymanie noch die sozialen Medien Thema bei den Jugendlichen. "Das tiefere Thema ist Vernetzung auf allen Ebenen", gibt Werge zu verstehen. Etwa die Einsicht in die Konsequenz eigenen Handelns. Und sei es nur, dass beim Brainstorming Schimpfwörter kreiert wurden, die dann tatsächlich auf der Bühne landeten - sehr zum Erschrecken der Schüler. "Es war letztlich auch viel Selbstreflexion bei der Arbeit dabei", berichtet Felix Vogt vom Hohenbaden.

Professionelle Schützenhilfe erhalten die Jungartisten auch von Musiker und Medienkünstler Stefan Zintel, der am Rechner/Controller die visuellen Fäden zusammenhält. Dazu zählen etwa die Lichtinstallationen, die zum Teil an die Sprechrhythmen gekoppelt sind, oder jene Lichtschranken, die via Bewegungsimpuls einen Blätterregen auslösen.

"In der Gruppe wächst man über sich raus"

Seit Februar sind die 70 Schüler und Schülerinnen in den Klassen aktiv, erhielten wöchentliche Inputs der Fachkräfte und in diversen Workshops einen kleinen Rundumschlag in Sachen Musiktheater: Von Stimmbildung über Körperübung bis zur Bühnentechnik. Was mit reichlich Nebeneffekten verbunden ist, auch für die eigene Persönlichkeit. "Nicht alle sind ja vom Selbstbewusstsein her gleich stark, aber in der Gruppe wächst man dann doch über sich raus", findet etwa Zehntklässlerin Clara Keim (Realschule). Auch von Berührungsängsten zwischen den verschiedenen Schultypen keine Spur. "Da lief sehr viel über Gemeinschaft. Und mit Profis macht selbst das Singen richtig Spaß", versichert Sabrina Sölter. Allein schon durch die gemeinsame Überwindung des Lampenfiebers und gegenseitigen Support.

Doch auch für die Schulen bleibt an didaktischem Input viel hängen, allein was selbstständiges Lernen angeht, was im Übrigen in einer Nachbereitung festgehalten werden soll. "Das ist keine Orchideenveranstaltung, sondern sind Kompetenzen, die mit dem Lehrplan kompatibel sind wie Musik gestalten und reflektieren", gibt Achim Fessler, Lehrkraft am Hohenbaden, zu verstehen.

Fürs Festspielhaus selbst ist es nach dem über drei Jahre laufenden Odyssee-Projekt mit Grundschulen das zweite theaterpädagogische Großprojekt auf Schulebene. Fortsetzung - sehr wahrscheinlich. "Ich denke, das Wichtige ist", so Rüdiger Beermann, Mediendirektor am Festspielhaus, "dass die Jugendlichen mal erfahren, wie sich Bühne anfühlt, und letztlich dann vielleicht auch beurteilen können, was ein Schauspieler oder Sänger so leistet."

Seit dieser Woche wurde nun die heiße Probephase eingeläutet, bevor dann am Sonntag die Schüler und ihre Kreationen für 40 Minuten die große Bühne erobern. Eintritt ist frei, Beginn 17 Uhr - wohl erstmal mit einer gähnend leeren Bühne.

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