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Gibraltar und Baden-Baden in englischer Hand
26.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Walter Metzler

Baden-Baden - Vor Jahren, im Fußballmärchensommer 2006, verkündete ein über den Leopoldsplatz gespanntes Transparent, Baden-Baden drücke der englischen Nationalmannschaft die Daumen. Damals dürfte den Verantwortlichen dann doch ein Stein vom Herzen gefallen sein, als die Engländer ausschieden, bevor sie auf die deutsche Mannschaft treffen konnten. Die Engländer reisten ab, das Banner wurde eingerollt und gelangte als historisches Objekt ins städtische Museum.

Das war das bislang letzte Mal, dass Gäste aus Großbritannien hier so große öffentliche Aufmerksamkeit erfuhren.

Bereits im 19. Jahrhundert genossen Briten aber die badische Gastfreundschaft, und sie haben das Leben in Baden-Baden mitgeprägt wie kaum eine andere Nation. Schließlich stellten sie mit etwa 20 Prozent Anteil am Besucheraufkommen die größte ausländische Gruppe nach den Franzosen.

Spuren der englischen Präsenz sind in Baden-Baden durchaus noch zu finden. In der Stadt hatte sich im 19. Jahrhundert eine englische Kolonie gebildet, die eine eigene Kirche errichten ließ, die noch heute als "englische Kirche" bekannt ist. Briten waren Gründungsmitglieder des Internationalen Clubs und machten diverse Sportarten, darunter Fußball und Tennis, schon früh hier heimisch, und last but not least hat die englische Königin Victoria Baden-Baden zwischen 1872 und 1880 mehrfach besucht und für wenige Jahre sogar ein Landhaus in der Kapuzinerstraße ihr Eigen genannt.

Die Geschichte beginnt aber schon wesentlich früher: Der erste namentlich bekannte Tourist, der Baden-Baden im Rahmen einer Bildungsreise - und nicht einer Badekur wegen - aufsuchte, war der englische Reisende und Schriftsteller Thomas Coryat, der als einer der Väter der Grand Tour gilt. Am 4. September 1608 stattete er, von Straßburg kommend, der Bäderstadt einen Kurzbesuch ab.

Richtig ins Blickfeld britischer Touristen geriet Baden-Baden im frühen 19. Jahrhundert, als reisende Briten die Stadt zumindest eines Zwischenstopps auf ihrer "summer excursion" für wert erachteten. Das Ende der napoleonischen Kriege und die damit verbundenen Reisemöglichkeiten für die lange Jahre isolierten Briten führten nach 1815 zu einem regelrechten touristischen Ansturm auf das europäische Festland. Die Bildungs- und Erholungsreise, die bislang nur wenigen möglich gewesen war, wurde nun im Zuge der Industrialisierung zum "Muss" für eine wohlhabende Schicht wirtschaftlicher Aufsteiger. Es ist kein Zufall, dass mit Thomas Cook ein Engländer das erste Reisebüro eröffnete und den Keim für den Massentourismus legte. Beliebtestes Ziel in Deutschland wurde das Rheintal, und diejenigen, die hierfür das Terrain bereiteten, waren die Künstler und Schriftsteller. Man denke etwa an den Maler William Turner und seine lichtdurchfluteten Ansichten vom Rhein oder an Lord Byron, der geradezu zum Begründer der englischen Rheinromantik wurde.

Einen wesentlichen Beitrag zur raschen Popularisierung der Rheingegend leistete der von England ausgehende technische Fortschritt. Die Dampfmaschine veränderte auch die Art zu reisen: An die Stelle von Segelschiffen und Kutschen traten nun Dampfschiff und Eisenbahn, die das Reisen billiger, schneller und bequemer machten. Direkte Auswirkungen wurden in Baden-Baden spürbar, als 1830 Mannheim und wenig später auch Iffezheim und Straßburg mit dem Dampfschiff angesteuert werden konnten. Ein Besuch der Bäderstadt ließ sich nun ohne großen zeitlichen Aufwand in die romantische Rheinreise integrieren. Die Zahl der britischen Gäste stieg rasant und die bald darauf erfolgte Anbindung der Stadt an das Eisenbahnnetz tat ein Übriges, den Zustrom zu fördern.

In der Zeitschrift "Europa", die regelmäßig Berichte über den Verlauf der Saison in Baden-Baden brachte, war 1839 zu lesen: "Die Briten waren, wie in jeglichem Sommer, wiederum die zahlreichsten ... Baden ist während der Saison eine englische Kolonie, die ein getreues Abbild des Lebens und Treibens im Mutterland liefert". Im Jahr zuvor hatte es dort geheißen: "Durch Gibraltars Okkupation beherrschen sie das Mittelmeer; durch Badens friedliche Besetzung dominiert englische Mode, Sprache und Literatur. Jeder Eselsbube in Baden spricht englisch und kennt Lord Byron".

1855: Thomas Cook macht Verluste

Es verwundert daher nicht, dass der momentan die Schlagzeilen füllende Thomas Cook für die erste von ihm organisierte Rundreise durch Europa auch Baden-Baden ins Programm aufnahm. Am 4. Juli 1855 startete eine etwa 40-köpfige Reisegruppe in Harwich, um die Niederlande, Belgien, Deutschland und Frankreich zu bereisen. Mit dem Dampfschiff fuhr man bis Mannheim und, nach einem Abstecher nach Heidelberg, mit der Eisenbahn weiter nach Baden-Baden, wo die Truppe am 12. oder 13. Juli eintraf. Nach kurzem Aufenthalt ging es über Straßburg und Paris zurück auf die Insel. Die Bilanz, die der Veranstalter Thomas Cook damals zog, klingt höchst aktuell: "Dies war eine charmante Tour, wenn auch getrübt durch finanziellen Verlust."

In Baden-Baden hatte man sich schnell auf die englischen Gäste eingestellt. Der Buchhändler Marx hielt in seinem Lesekabinett im Konversationshaus eine Reihe englischer Zeitungen, es wurden englische Gottesdienste abgehalten und man veranstaltete englische Picknicks. Unter den Hotels erfreute sich der "Badische Hof" bei den Briten größter Beliebtheit, da er die englischen Essgewohnheiten berücksichtigte: "Besonders spricht sich dies an der um vier Uhr stattfindenden allgemeinen Tafel aus, wo sich dem englischen Gaumen die beliebten Würzen von Cayenne und Madeira, das saftigrote Fleisch, die Fische nach der Suppe, das einfach zubereitete Gemüse, der Plumpudding und dergleichen nicht vorenthalten."

Auch am gesellschaftlichen und kulturellen Leben nahmen Engländer regen Anteil. Die Schriftstellerin Frances Trollope hielt sich im Sommer 1833 in Baden-Baden auf. In ihrer Beschreibung der Reise schildert sie einen Besuch im Theater, das vor ihren Augen jedoch keine Gnade fand: "Das Stück hieß ,Fra Diavolo': Aber diese Vorstellung gehörte nicht zu den musikalischen Hochgenüssen Deutschlands. Ganz gewiss konnte nichts schlechter sein als die Musik und die Aufführung." Auf der Promenade hatte Trollope Gelegenheit, die internationale Badegesellschaft zu beobachten: "Franzosen tranken Kaffee und Cognac, Deutsche rauchten, Engländer aßen Eis und zechten Wein oder was sonst noch zu Höchstpreisen zu bekommen war."

Zu den bekannten britischen Persönlichkeiten, die nach Baden-Baden reisten, gehörten neben Königin Victoria auch die beiden künftigen Premierminister William Gladstone und Benjamin Disraeli sowie etliche Literaten wie Mary Shelley, die Verfasserin von "Frankenstein", Robert Louis Stevenson, George Eliot und William Makepeace Thackeray, dem nicht nur die prägnante Einschätzung zu verdanken ist, Baden-Baden sei "die schönste Bude auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten", sondern der die Stadt auch erstmals in einem Roman der Weltliteratur zum Ort der Handlung macht.

Der "reisende Engländer" wurde im 19. Jahrhundert zu einem Topos, der von zahlreichen Karikaturisten aufgegriffen wurde. Zu seiner Charakteristik gehörten zunächst der obligate karierte Anzug, das Perspektiv und "Murray 's Handbook for Travellers", die Reise-Bibel schlechthin. Hinzu kam ein Skizzenbuch, in dem alles festgehalten wurde, was auf der Reise sehenswert war.

Immer wiederkehrende Stereotype sind Blasiertheit und übertriebene Sparsamkeit. Nicht zu vergessen: das Essen. Die englische Küche stieß auf allerlei Vorbehalte, die bis heute nicht ganz ausgeräumt sind. Der Spötter Heinrich Heine sah darin gar die eigentliche Ursache für die Reiselust der Engländer.

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