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Unter ständiger Beobachtung
31.10.2019 - 00:00 Uhr
Baden-Baden (red) - Im Rahmen von "Baden-Baden schreibt ein Buch" werden die Erinnerungen von Menschen gesammelt, die eine Flucht erlebt und in der Kurstadt eine neue Heimat gefunden haben. Das BT veröffentlicht eine Auswahl. Heute erzählt Elisabeth Schröder. Sie war der Geburtsurkunde nach Tschechin, aber im Jahr 1939 nahm ihr Vater gezwungenermaßen die deutsche Staatsbürgerschaft an, und auch sie bekam einen deutschen Pass, der 1945 zur Lebensgefahr wurde. Die Eltern flohen mit ihr aus der damaligen Tschechoslowakei (bei Tabor, Böhmen) zunächst in Richtung Linz (Österreich), später nach Nordhessen. Als sie dort ankamen, war Elisabeth Schröder elf Jahre alt.

"In der Tschechoslowakei hatten mich meine Eltern auf eine deutsche Schule schicken müssen und als ich im Hessischen ankam, sprach ich einigermaßen gut Deutsch. Dennoch verstand ich erst mal gar nichts mehr. Die Leute in diesem gottverlassenen Dorf im hessischen Reinhardswald sprachen einen Dialekt, der nicht umsonst als Hinterländer Platt bezeichnet wird. Die Sprache war das eine, hinzu kam, dass meine Mutter unsere altmodische tschechische Kleidung mit Flicken über Flicken ausbesserte. Besonders zwei Jungen machten mir das Leben schwer, Uwe, hieß der eine. Sie rissen mich an den Haaren oder zogen mir mit dem Fuß den Stuhl weg und lachten sich kaputt. Wenn ich auf dem Boden lag und heulte, schrien sie: ,Dann geh doch dahin, wo du herkommst.' Eigentlich war ich schüchtern und angepasst, bis ich Uwe einmal gepackt und zu Boden gerissen habe und es im Kampf tatsächlich schaffte, die Oberhand zu gewinnen. Das brachte mir etwas Respekt ein. Aber alles was ich tat, wurde nicht etwa als Eigenart von mir gesehen, sondern als ,die ist ja keine von uns' eingeordnet. Dabei versuchte ich, möglichst unauffällig zu sein. War still und freundlich und stellte mich für das Schulessen - fünfmal in der Woche gab es Spinat - immer ganz hinten an. Trotzdem merkte ich, wie immer wieder über mich getuschelt wurde.

Oft, wenn ich zu einer Gruppe von Kindern hinzutrat, verstummten die Gespräche. Ich erinnere mich noch, ich muss etwa 13 Jahre alt gewesen sein und mich besonders ausgeschlossen gefühlt haben, da erzählte ich ein paar Mädchen auf dem Schulhof von unserem Rittergut mit den Feldern und dem 1 000 Hektar großen Wald drumherum. Ich wurde ausgelacht. ,Ha, ha, das hast du dir ja schön ausgedacht.' Sie glaubten mir kein Wort und wieder hatten wir Flüchtlinge einen Stempel mehr: Wir waren Märchenerzähler.

Dabei war die Geschichte nicht nur wahr, sondern sogar der Grund für unsere Flucht gewesen. Meine Großeltern waren sehr reich, besaßen viele Immobilien, darunter ein Rittergut circa 90 Kilometer von Prag entfernt, das sie meinem Vater geschenkt hatten. Dort lebten wir und bewirtschafteten das Gut mit sechs festen Angestellten und vielen Lohnarbeitern. Nachdem 1939 die deutsche Wehrmacht in die Tschechoslowakei einmarschiert war und Hitler Böhmen und Mähren annektiert und als deutsch erklärt hatte, wurden immer mehr unserer Nachbarn enteignet. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann auch wir dran wären. Dann, eines Tages, überraschten die Nazis meinen Vater mit einem Angebot. Wobei das Wort ,Erpressung' es besser trifft: Meine Mutter war Österreicherin, und nun stellte man meinen tschechischen Vater vor die Wahl: enteignen oder die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen. Er entschied sich nach langem Ringen für Letzteres. Auch wenn keiner von uns mit Hitler sympathisierte, hofften wir, dass wir so auf unserem Gut bleiben könnten. Doch dann veränderte sich die politische Lage grundlegend. 1943 ahnte mein Vater, dass Hitler den Krieg nicht gewinnen würde und er in Tschechien als Verräter und Kollaborateur kaum überleben würde. Als wir 1945 bereits das Geschützfeuer der Roten Armee hörten, flohen wir in der Nacht zum 30. April und nahmen nur das Nötigste mit. Zum Glück hatten wir auf unserer dramatischen Flucht - immer wieder wurden wir von Tieffliegern beschossen - 40 Flaschen Obstler aus unserer Schnapsbrennerei dabei, die wir immer wieder gegen Essen eintauschen konnten oder als Bestechung, um zum Beispiel ein Versteck für die Nacht zu bekommen.

Aber zurück ins hessische Dorf: Ich wurde älter, doch das Gefühl, unter ständiger Beobachtung zu stehen, blieb. Hinzu kam, dass mein Vater, als traditioneller Tscheche, mein Außenseitertum beförderte. In Böhmen, in unseren Kreisen, durfte selbst ein verlobtes Mädchen niemals alleine ihrem zukünftigen Mann begegnen und wurde von einer Anstandsdame begleitet. Im ,lotterigen' Deutschland passte mein Vater nun besonders auf mich auf. Ich durfte nicht mit zu Schulausflügen, nicht zum Dorffest und auch nicht zur Tanzstunde gehen. So hörte ich von den anderen Mädchen oft mit scheinbar mitleidigem aber eigentlich spottenden Ton: ,Ach, DU kannst ja wieder nicht mit.'

Als ich mich mit 21 dann verliebte und heiraten wollte, waren mein Vater und meine Mutter mit meiner Wahl jedoch einverstanden. Ganz im Gegensatz zur Mutter meines Mannes. Ich hatte sie kaum kennengelernt, da ich im letzten Jahr vor unserer Hochzeit in Köln war. Ich werde nie vergessen, wie ich in unserer zukünftigen Wohnung gerade vor dem Spiegel den weißen Spitzen-Schleier richtete, als es klingelte. Meine Schwiegermutter stand in der Tür. Ich bat sie hinein und sie sagte schroff und ohne mich anzusehen: ,Dann muss ich jetzt wohl DU zu dir sagen.' Als ich sie völlig fassungslos anschaute, fügte sie hinzu: ,Du kannst ja froh sein, von meinem Sohn geheiratet zu werden, da, wo du herkommst! Mit leeren Händen!'

Ich war wie versteinert. Für wenige Sekunden spürte ich den Impuls, mir den Schleier vom Kopf zu reißen und einfach wegzulaufen. Aber draußen warteten mein wirklich großartiger Mann, meine Eltern und all die anderen Gäste. Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, vors Haus zu treten und so zu tun, als wäre nichts passiert. Mein Mann und ich verbrachten glückliche 60 Jahren zusammen, bis zu seinem Tod. Es war eine große Liebe. Zuhause und frei habe ich mich erst so richtig gefühlt, als mein Mann und ich - die Kinder waren schon groß und aus dem Haus - nach Baden-Baden zogen. Dass ich mich hier so wohl fühle, liegt auch daran, dass mich das Stadtbild an unser Rittergut in Böhmen und an die Villen in Prag erinnert. Vor allem aber liegt es daran, dass ich mich hier von Anfang an angenommen und nicht kritisch beobachtet fühlte. Die Menschen hier, die aus verschiedenen Gegenden kommen, beurteilen einen nicht danach, wo man herkommt, sondern wie m an als Mensch ist."

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