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Leidvolle Episode der Baden-Badener Historie
07.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Adalbert Metzinger

Baden-Baden - Weit abgelegen von der Baden-Badener Kernstadt am südöstlichen Ende der Stadt wurde 1936 auf der Gemarkung Malschbach ein Lager errichtet, das ursprünglich dem Reichsarbeitsdienst (RAD) zur Ableistung der Arbeitsdienstpflicht diente. Das Lager lag an der heutigen B 500 am Anfang der Schwarzwaldhochstraße, die aus militärischen Gründen angelegt wurde. Die Straße war als strategisch wichtige Zufahrt für den Bau der dritten Linie des Westwalls vorgesehen. Auf Weisung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) wurden nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 in allen 17 Wehrkreiskommandos im Reichsgebiet Kriegsgefangenenlager eingerichtet.

Dadurch veränderte sich die Funktion des Lagers, es diente bis Frühjahr 1942 als Kriegsgefangenenlager. Das Gelände wurde mit fünf Wachtürmen und einem Stacheldrahtzaun umgeben und erhielt die Bezeichnung "Stalag VC Malschbach". Die römische Ziffer V wies auf den entsprechenden Wehrkreis hin. Das "C" war der Kennbuchstabe nach der zeitlichen Abfolge des Lageraufbaus. Der Begriff "Stalag" bezeichnete ein Mannschaftsstammlager für bis zu 10 000 Gefangene.

An der Zufahrt zur Schwarzwaldhochstraße befand sich der Haupteingang. Die Wachmannschaft war außerhalb des Lagers in zwei großen Baracken untergebracht, der Lagerkommandant wohnte in einem Blockhaus. Nach Angaben der "Merkur-Rundschau" (Bezirksausgabe der NSDAP-Propaganda-Zeitung "Der Führer") vom 6. Februar 1940 waren die Gefangenen, damals hauptsächlich aus Polen stammend, "gut" im Lager untergebracht. Für die deutsche Bevölkerung war der Umgang mit den Kriegsgefangenen verboten, den Gefangenen Zigaretten zuzustecken sogar strafbar.

Wenig Information über Lebensbedingungen

Nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion am 22. Juni 1941 sollten auf Befehl des OKW sowjetische Kriegsgefangene unter äußerst schlechten Verhältnissen leben müssen und nur die notwendigste Verpflegung erhalten. Im Herbst 1941 wurde von verschiedenen Konzernen und Wirtschaftsdienststellen ein Arbeitseinsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen gefordert. Dieses Verlangen wurde für Wirtschafts- und Industriezweige, zum Beispiel Rüstungsbetriebe, zugestanden, sodass im Lager Malschbach neben den verbliebenen Kriegsgefangenen zunehmend zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppte "Ostarbeiter" aufgenommen wurden. Deshalb wurde ab April 1942 Malschbach nicht mehr als Kriegsgefangenenlager geführt, stattdessen übernahm das Lager in Offenburg diese Funktion.

Nach 1945 führte der Internationale Suchdienst Bad Arolsen 4 190 Menschen (überwiegend polnische und russische Zwangsarbeiter) auf, die vermutlich im Lager Malschbach unter schwierigen Lebensbedingungen gefangen waren. Über die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gefangenen im Lager Malschbach ist bis heute wenig bekannt.

Eine Liste russischer Kriegsopfer vom Fachgebiet Friedhof der Stadtverwaltung Baden-Baden führt insgesamt 33 Kriegsgefangene auf, die zwischen dem 21. Juli 1942 und dem 13. Juni 1944 gestorben sind. Von Juli 1942 bis Mitte Juni 1944 wurden im Lager Malschbach verstorbene sowjetische Kriegsgefangene auf dem jüdischen Friedhof in Lichtental beerdigt. Danach wurden Verstorbene auf dem neu eingerichteten Lagerfriedhof Malschbach beigesetzt, wie beispielsweise im Fall des an Tuberkulose erkrankten Iwan Nikitenko. Die Personalkarte des am 15. Oktober 1903 in Sassosna geborenen Nikitenko datiert seinen Aufenthalt im Lagerlazarett ab dem 21. Dezember 1943 bis zu seinem Tod am 3. August 1944 um 14.50 Uhr. Beerdigt wurde er laut seiner Personalkarte auf dem Lagerfriedhof Feld B, Reihe I, Grab 10. Dies passt zum handschriftlichen Vermerk unter dem letzten Namenseintrag vom Juni 1944 im Begräbnisbuch: "Von jetzt ab werden die sowjetischen Kriegsgefangenen auf dem Friedhof beim Lager Malschbach beerdigt."

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden im Sommer 1945 nach Auskunft der Friedhofsverwaltung auf Anordnung der französischen Militärverwaltung insgesamt 85 Verstorbene von diesen beiden Begräbnisplätzen auf den Ehrenfriedhof in Lichtental umgebettet. Von diesen 85 Opfern sind 40 namentlich bekannt.

Durch engagiertes und umfangreiches Recherchieren stieß die Friedhofsverwaltung im Internet überraschend auf 18 Personalkarten von russischen Kriegsgefangenen des Lagers Malschbach (elf von der Liste der 33 Toten und sieben weitere Opfer). Dadurch können von über 18 Verstorbenen anhand dieser Unterlagen Informationen wie Geburts- und Todesdatum, Geburtsort, Namen der Eltern, Dienstgrad, Zivilberuf, Ort und Datum der Gefangennahme sowie die Todesursache angegeben werden. Als Berufe werden Arbeiter, Bauer, Buchhalter, Bäcker, Chauffeur, Elektriker, Schlosser und Zimmermann genannt.

Bei Nikolaj Mjasnikow, geboren am 28. November 1924, der am 28. Juni 1942 mit 17 Jahren gefangen genommen wurde, handelt es sich um einen Schüler, der am 30. Dezember 1944 im Alter von 20 Jahren im Lager Malschbach starb.

Grigori Schapowalow, geboren am 3. August 1919 in Charkow, starb als einziger erst nach Kriegsende am 7. Januar 1946 an Tuberkulose. Das Durchschnittsalter der bekannten 40 russischen Opfer betrug 33,7 Jahre, wobei der jüngste 18 und der älteste 50 Jahre alt war (Geburtsjahrgänge zwischen 1893 und 1924).

Als Todesursachen wurden überwiegend Herzschwäche, allgemeiner Kräfteverfall und Lungentuberkulose vermerkt. Dass russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für diese Todesursache so anfällig waren und diese Erkrankungen auch unter den Jüngeren häufig auftraten, ist das Ergebnis von mehreren gesundheitsschädigenden Umwelteinflüssen: einförmiges, vitaminarmes und mangelhaftes Essen, unzureichende Kleidung, überlange Arbeitszeit (zwölf bis 14 Stunden), Schikanen am Arbeitsplatz, schlechte medizinische Versorgung, mangelnde Hygiene und die Unterbringung in oft dicht belegten, feuchten Unterkünften.

Die Gemeinden wurden verpflichtet, die Bestattung von Leichen sowjetischer Kriegsgefangener unverzüglich durchzuführen, heißt es im "Schnellbrief" des Reichsministers des Innern vom 27. Oktober 1941. Nach einem weiteren "Schnellbrief" vom 5. November 1941 war für die Bestattung kein Sarg vorgesehen, sondern die Leiche "ist mit starkem Papier (möglichst Öl-, Teer- oder Asphaltpapier) oder sonst geeignetem Material vollständig einzuhüllen." Außerdem sollte die Bestattung unauffällig stattfinden, für den Begräbnisplatz war ein entlegener Ort zu wählen, und Feierlichkeiten sowie Ausschmückungen der Gräber hatten zu unterbleiben.

Dass es auch zu Fluchtversuchen kam, zeigt das Beispiel des 23-jährigen Gontraumer Waszew, der am 11. März 1943 um 7 Uhr von einem Wachposten durch einen Bauchschuss getötet wurde. Am gleichen Tag noch wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Lichtental beerdigt.

Vonseiten der Malschbacher Einwohner bestanden kaum Kontakte zu den Gefangenen. In einzelnen Fällen arbeiteten Zwangsarbeiter bei einheimischen Landwirten, aber meist bestand kein Kontakt zwischen Malschbachern und den Lagerinsassen.

H. H. (Geburtsjahr 1936) aus Malschbach erinnert sich, dass ihre Eltern im Wald damals auf russische Kriegsgefangene trafen und ihnen etwas zum Essen gegeben haben. Während es ein Wachsoldat erlaubt hatte, hatte ein anderer den Russen mit einer Rute auf die Finger geschlagen. Auch einzelne Geroldsauer haben öfters den Gefangenen etwas zum Essen über den Zaun geworfen. Die Gefangenen revanchierten sich meist mit kleinen selbst gebastelten Geschenken.

1950 wurden zu den 85 russischen Opfern des Lagers weitere 168 Leichen sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter vom heutigen Hauptfriedhof (zehn Leichen), vom Friedhof Baden-Oos (sechs Leichen) und von Gemeindefriedhöfen der Landkreise Bühl und Rastatt (zusammen 152 Leichen) auf den Ehrenfriedhof überführt, sodass in der dortigen Sammelgrabstätte insgesamt 253 Verstorbene ruhen. Vier der sechs in Oos beerdigten Russen (I. Perelt, A. Krichanowski, P. Podaduk und P. Nassarow) kamen am 30. Dezember 1944 ums Leben, als gegen 14.15 Uhr "etwa 80 amerikanische Großbomber über den Stadtteil Baden-Oos Spreng- und Brandbomben" abwarfen. Alle vier Getöteten hatten dort als Zwangsarbeiter gearbeitet.

Nach der Zubettung wurde auf Anordnung und Kosten des französischen Hohen Kommissariats in Freiburg auf dem Gräberfeld des Ehrenfriedhofs ein Gedenkstein für alle bestatteten russischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter erstellt. Die Aufschriften auf dem russischen Ehrenmal lauten: vorn: "Hier sind 235 sowjetische Bürger beigesetzt", links: "4. März 1950", rechts: "Den in der faschistischen Gefangenschaft Gefallenen" und hinten: "Ewiger Ruhm den Kämpfern für die Freiheit". Für die Differenz zwischen 235 und 253 Opfern gibt es laut Frank Geyer, Leiter der Friedhofsverwaltung, keine sichere Erklärung. Wahrscheinlich wurden nach Fertigstellung des Denkmals im März 1950 noch weitere Umbettungen vorgenommen. Leider lassen sich weder alle Namen noch die genaue Zahl der Toten feststellen.

Das BT berichtete am 13. April 2005, dass die französische Militärregierung Ende April 1945 ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus dem Lager Malschbach im "Waldhotel Fischkultur", im "Korbmattfelsenhof", im "Holland-Hotel", im "Quellenhof" und im "Selighof" unterbrachte. Die Baden-Badener Stadtverwaltung musste die Verpflegung dieser 1 127 ehemaligen Lagerinsassen, überwiegend Russen und Polen, übernehmen.

Das Lager Malschbach bekam mit der Besetzung Baden-Badens am 12. April 1945 eine neue Funktion. Ab dem 19. April 1945 begann die französische Militärverwaltung Mitglieder und Funktionäre der NSDAP in Malschbach zu internieren. Nach Angaben der Franzosen wurden Mitte Mai 1945 im Lager aber nur etwa 110 Parteimitglieder der NSDAP gefangen gehalten, obwohl es im April 1945 in Baden-Baden insgesamt 3 864 NSDAP-Mitglieder gab. Zudem mussten sich alle Männer zwischen 16 und 50 Jahren im Lager registrieren. Dort entschied sich, ob man wieder entlassen wurde oder in französische Gefangenschaft geriet. Bis zu 700 deutsche Kriegsgefangene, internierte Nazis und in anderen Zonen entlassene Kriegsgefangene waren bis zur Entlassung im Lager interniert.

1960: Lagerbaracken

werden demontiert

1948 schloss die französische Militärverwaltung das Lager. Die Franzosen brachten eine Transporteinheit bis etwa 1955 im Lager unter. Ab Dezember 1957 bis Anfang 1960 lebten im Lager Flüchtlinge aus der sogenannten "Ostzone". Im Frühjahr 1960 wurden die Baracken demontiert und das Lager dem Erdboden gleichgemacht.

Das Lager Malschbach durchlief von seiner Entstehung 1936 bis zu seiner Demontage 1960 eine wechselvolle Geschichte, über die Zeit von 1940 bis 1945 ist bis heute wenig bekannt. Über das Wachpersonal und die Kommandantur gibt es bislang keine verwendbaren Quellen.

Das alte Lager und der ehemalige Begräbnisplatz, der sich unmittelbar neben dem Lager befunden hatte, sind heute spurlos verschwunden. Es gibt in der Nähe keinen Gedenkstein und damit kein Zeichen der Erinnerung an die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die unter unmenschlichen Bedingungen im Lager Malschbach inhaftiert waren und zum Teil zu Tode kamen.

Auf der Suche nach der russischen Vergangenheit während des Zweiten Weltkrieges findet man nur auf dem Lichtentaler Ehrenfriedhof ein Denkmal. Es wäre also sinnvoll, in der Nähe des ehemaligen Lagers Malschbach an der B 500 ein mehrsprachiges Mahnmal oder einen Gedenkstein als Zeichen der Erinnerung an die russischen Kriegsgefangenen zu errichten.

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