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Ein Antidepressivum in siebenfacher Dosis
09.11.2019 - 00:00 Uhr
Von Franz Vollmer

Baden-Baden - Die Seele ist ein empfindsames Gebilde. Wer wüsste das besser als Jürgen Junk. Der ehemalige Leiter der Gunzenbach Klinik Baden-Baden kennt allerdings nicht nur die Schattenseiten des psychischen Daseins, sondern auch die berührenden, aufhellenden Aspekte. Und dafür reicht mitunter schon der hobbymäßige Griff zur Gitarre. Aus seinem Hobby ist mittlerweile eine Passion geworden und aus der Passion eine erste CD - mit insgesamt sieben Songs. "Schenk mir ein Lächeln" heißt das Debütalbum, das der Diplompsychologe im zarten Alter von 73 vorlegt, und das kleine Werk kann durchaus als musikalisches Antidepressivum durchgehen.

"Es sind natürlich viele Inhalte, die eng mit meinem Job zusammenhängen", gesteht der Psychiater, wobei die Texte relativ offen gehalten sind und der positiv-beschwingte Ton dominiert. Thematisch geht es um Tröstungen und Mutmacher aller Art, aber auch um Krisen ("Komm mit mir"), Trennung, Verzweiflung oder um Achtsamkeit und To-Do-Listen. Selbst die heutige Ratgeber-Manie und die Umweltzerstörung ("Mann im Mond") kommen zur Sprache - kurioserweise im gutgelaunten Countryrhythmus. "Das sollte eigentlich etwas ernster werden", räumt Junk ein.

Doch CD-Produktion ist immer auch der liebe Kampf mit dem Produzenten. In diesem Fall mit Steffen Müller, in dessen Malscher Studio die Songs instrumental "aufgemotzt" wurden, mit Mundharmonika und Akkordeon etwa - abgesehen von jenen zweien, für die Anders Forstmann (Steinbach) verantwortlich zeichnete.

Rein musikalisch kommt das Ganze - auch dank Junks warmer Baritonstimme - sehr eingängig daher und könnte nahtlos auf jeder SWR-4-Playlist stehen. Wobei Junk nicht nur auf die Schlagerschublade reduziert werden möchte.

Initialzündung für seine Kreation war kurioserweise eine "ratsuchende Frau", die sich statt dröger Pillen oder tumber Therapie etwas Unorthodoxes gegen ihre Schlafstörungen wünschte: Einen selbst geschriebenen Song. Ein Ansinnen, das der singende Psychiater zunächst nicht ernst nahm. Doch als der Wunsch Wochen später per Mail erneuert wurde, ließ sich der Hobbymusicus in ihm nicht zweimal bitten. Ergebnis des Musenkusses war das "Gutenachtlied", eine Ballade, die laut Junk "wohl jede Frau gern hören würde". Und positive Rückmeldungen bliebben nicht aus.

So kommt eines zum andern. Drei Jahre und einige Gesangsstunden später reicht das Material für eine CD, bei einer Auflage von 500. "Es wäre schön, wenn wenigstens die Unkosten reinkommen", umreißt der Autodidakt seine bescheidenen ökonomischen Ziele. Ihm geht es aber vor allem um den Draht zur Musik, der bei ihm früh implantiert wurde - bei einer sangesfreudigen Großfamilie kein Wunder. "Ich habe schon mit jungen Jahren geklimpert, meist im kleinen Kreis und zur Entspannung", erzählt der heutige dreifache Vater, der sich anfangs auf Coversongs von Leonard Cohen über Elvis bis Neill Diamond fokussierte. Ob beim Geburtstagsständchen, beim ersten Realschulauftritt mit "Hey Joe" oder im Klinikalltag - die Gitarre war immer dabei.

Therapeutisch wertvoll war es wohl auch, als er als Medizinstudent in Heidelberg bei der Nachtschicht die Psychiatrie-Patienten mit Liedern vor die Tür lockte. Auch bei der Abschlussfeier in der Sprachenschule Germersheim vor 300 Leuten war Candlelight-Stimmung angesagt. "Das war ein tolles Gefühl", gesteht er heute. Selbst die Abschiedsrede an der Gunzenbach Klinik, die der gebürtige Siegerländer aus dem Bierstädtchen Krombach ("Ich habe sogar einen Verwandten in der Führungsetage") stolze 22 Jahre leitete, war ein Song zur Gitarre.

Das ist nun neun Jahre her, seitdem betreibt Junk eine Privatpraxis für Psychotherapie in der Innenstadt, allerdings nur noch bis nächstes Jahr, dann will er sein Halbtagespensum von zuhause aus bewältigen. "Das ist schon meine zweite Heimat in der Stadt geworden", sagt er mit einer Träne im Knopfloch. Aber vielleicht wird die Altbauwohnung ja bald zum Lied veredelt.

Die nächsten Projekte liegen jedenfalls schon in der Schublade, darunter ein politisches Anti-Hetz-Lied, aber auch so manch heikle Gratwanderung zwischen Kunstwelt und Berufs-/Privatleben. Sicher ist nur: Der Unplugged-Anteil soll sich erhöhen, sprich mehr Gitarre bitte, Herr Produzent. Vielleicht weil sie letztlich doch mehr berührt - gerade die menschliche Seele.

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