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Von gebrochenen Herzen und Rachegelüsten
05.12.2019 - 00:00 Uhr
Von Werner Frasch

Baden-Baden - Der traditionelle Heiratsschwindler hat einen modernen Nachfolger. Ganz zeitgemäß wird das, was er tut, nicht mehr "Heiratsschwindel" genannt. Dafür ist der international gebräuchliche Begriff des "Love Scamming" im Umlauf. International sind auch die Täter - Ghana, Nigeria und zunehmend Osteuropa. Eine betroffene Frau aus der Region war dazu bereit, dem BT aus ihrer Sicht Einblick in das raffinierte Vorgehen der Männer zu geben, die Internet-Dating-Portale nach Profilen von Frauen auf der Suche nach Partnern durchkämmen.


Bei einem Prozess am Amtsgericht gegen einen 28-Jährigen wurden jüngst Details über dieses perfide Spiel mit der Sehnsucht nach Liebe auch in unserer Region bekannt, bei dem es ausschließlich um das große Geld leichtgläubiger Opfer geht. "Sie sprechen nur Frauen an, die älter als 50 Jahre sind", ist die Erfahrung der Informantin, die aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben möchte und deshalb hier Annemarie T. genannt wird. Aufmerksam sind wir auf sie durch ihre Zeugenaussage im oben genannten Prozess gegen einen Angeklagten geworden, der im Auftrag eines unbekannt gebliebenen Hintermannes von Polen in die Kurstadt gereist war, um die beim Opfer locker gemachten 86 000 Euro abzuholen. Als vermeintliche Überbringerin dieser Summe in Vertretung ihrer hinters Licht geführten und angeblich überraschend nach Dubai geflogenen Freundin hatte sie ihn im August auf der Terrasse eines Innenstadt-Restaurants am Ufer der Oos getroffen.

"Er hat mich mit Handkuss begrüßt und einen Espresso bestellt", erinnert sich Annemarie T. an die Begegnung. Vorgestellt hatte sie sich als "Tante Mathilde", den Briefumschlag mit der geforderten Summe wollte sie nur gegen eine Quittung herausgeben. Die Polizei war eingeweiht, griff blitzschnell zu und beendete die "Karriere" des angeblich ahnungslosen Geldboten, noch bevor er bemerkte, dass ihm kopierte Geldscheine offeriert worden waren.

Auch in diesem Fall war zwischen dem vermeintlichen Liebhaber und seinem Opfer nur auf elektronischem Wege über E-Mail oder WhatsApp kommuniziert worden, wohl auch, um mangelnde Sprachkenntnisse zu verbergen. Erfahrungsgemäß spielen die Täter erfolgreiche berufliche Positionen als Manager, Arzt oder Ingenieure vor. Nach anfänglichem Liebesgeplänkel, unter Einsatz von Übersetzungsprogrammen oft in holprigem Deutsch, kommen sie bald zur Sache: Für Großprojekte, Flugreisen zur "Geliebten" oder kostspielige Operationen wird Geld benötigt - meist fünfstellige Summen oder mehr. Zögert das Opfer mit der Überweisung, wird Druck gemacht und mit der Bloßstellung im Freundeskreis gedroht.

Schriftliche Botschaften hinterlassen jedoch verräterische Spuren im Netz und geben den Opfern "Munition" für ihre Abwehrstrategie an die Hand. Die Betrogenen treten außerdem mehr und mehr aus dem Schatten ihrer Scham heraus, solidarisieren sich und setzen zum Gegenschlag an. "Wir sind ein Netzwerk - Opfer zu Opfer", sagt Annemarie T. und verweist auf die längst praktizierten Reaktionen, stets an der Seite der Kriminalpolizei.

"Ich fühlte mich im Kopf vergewaltigt"

Bei nüchterner Betrachtung wäre es leicht zu durchschauen, worum es den Liebesbetrügern geht - ähnlich dem bekannten Enkeltrick, der nach wie vor funktioniert. Zurück bleiben Frauen mit verletzten Gefühlen, gebrochenen Herzen und tiefen Demütigungen, aus denen Rachegelüste erwachsen, begründet Annemarie T. unumwunden ihre Motivation und die ihrer Mitstreiterinnen. Fast alle schlagen sich - jedoch erst wenn es zu spät ist - mit einer Frage herum, auf die sie selbst nur schwer eine Antwort finden: Wie konnte ich nur auf ein so plumpes Verhalten hereinfallen?

Annemarie T. empfand als "regelrechte Gehirnwäsche", was sie während des wochenlangen Hin und Her ihrer Fernbeziehung erlebte. "Ich habe mich im Kopf vergewaltigt" gefühlt, beschreibt sie die Niedergeschlagenheit nach dem Dating-Kontakt. "Ab einem gewissen Punkt lebt man nur noch für diese Kerle und hat Angst, sie melden sich nicht mehr", räumt sie selbstkritisch ein. Ohne therapeutische Hilfe ließen sich die Folgen der "enttäuschten Liebe" und der erlittenen Schmach nicht bewältigen. Zum BT-Gespräch kam sie auch unmittelbar nach einer Behandlung bei ihrer Therapeutin.

"Wir wollen die Betrüger mit ihren eigenen Waffen schlagen", so die im Umgang mit Love-Scammern erfahrene Frau. Das schaffe Genugtuung. Zum Schein wird auf die Liebesschwüre solange eingegangen, bis das Thema "Geld" zur Sprache kommt. Parallel dazu läuft die Recherche im Internet, um Informationen über die angeblichen Liebhaber zu beschaffen, die mit Fake-Fotos und Fantasie-Lebensläufen Eindruck machen wollen. Mittel und Wege dazu liefert das Internet, beispielsweise eine Bildergalerie mit Fotos, die immer wieder von Betrügern verwendet werden.

"Zur Zeit habe ich sieben Aktionen laufen"

Auch Annemarie T. verfolgt im Netz einschlägige Liebesbetrüger. "Zur Zeit habe ich sieben Aktionen laufen", offenbart sie im BT-Gespräch. Für jede hat sie sich eine Legende ausgedacht - penibel dokumentiert, um nichts durcheinanderzubringen. "Wir beschäftigen die Männer mit dem Frage- und Antwortspiel möglichst lange, denn in dieser Zeit machen sie keine Dummheiten", ist die Strategie des Opfernetzwerks. "Wenn ich heute Abend nach Hause komme, rechne ich fest mit der Antwort eines angeblich international agierenden Investors, der mir seine Liebe geschworen hat", vermutet Annemarie T., die ihren "Lover" - ein "Star-Architekt" - mit einem übersandten Fake-Grundriss ihres renovierungsbedürftigen Luxus-Badezimmers aus der Reserve locken will. Über kurz oder lang werde es auf eine Geldforderung hinauslaufen, ist sie sich scher. Zur - scheinbaren - Geldübergabe wird sie dann auf einem persönlichen Kontakt bestehen, damit die Polizei zugreifen kann. "So habe ich bereits mehrere Betrüger zur Strecke gebracht."

Dass dies in der Region keine Einzelfälle sind, bestätigen auch Mitarbeiter von Geldtransferstellen, die Zahlungen ins Ausland abwickeln. "Wenn mir eine Überweisung dubios erscheint, spreche ich die Kunden darauf an, und nicht nur einmal sollte die Überweisung an einen Love-Scammer gehen", so eine Mitarbeiterin im BT-Gespräch. Opfer sind übrigens nicht nur Frauen, auch Männer lassen sich auf diese Weise von Betrügerinnen einwickeln. Männer reagieren allerdings anders als Frauen, ist Annemarie T. überzeugt. Sie solidarisieren sich nicht zu Gegenmaßnahmen, sondern machen negative Erfahrungen mit sich selbst aus.

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