Baumstumpf als "künstlerische Streubombe"

'Der Baum selbst wird zum Objekt der Würdigung': Bauarbeiten der Kunsthalle in der Allee. Foto: Zeindler-Efler

Von Harald Holzmann

Baden-Baden - "Was wird denn das?" Ein älterer Herr nähert sich mit fragender Miene der Gruppe von Journalisten, die gerade gemeinsam mit Kunsthallen-Direktor Johan Holten auf der Wiese in der Lichtentaler Allee stehen. Im Zentrum des Interesses: Der etwa zehn Meter hohe Stumpf eines vor einigen Wochen gefällten Mammutbaums. Um ihn herum wächst seit einigen Tagen ein hölzernes Gerüst.

Das, was von dem Baumriesen nach der Fällaktion Anfang Dezember übriggeblieben ist, wird bei der nächsten Landesausstellung der Kunsthalle eine wichtige Rolle spielen. Die Schau trägt den etwas sperrigen Titel "Ausstellen des Ausstellens" und wird vom 3.März bis 17. Juni zu sehen sein - und zwar nicht nur im altehrwürdigen Museumsbau an der Lichtentaler Allee, sondern in der gesamten Kurstadt.

Der Baumstamm wird, das kann man sicher schon jetzt sagen, eines der am meisten besichtigten Werke dieser Ausstellung sein. Der in Magdeburg geborenen und in Berlin lebende Künstler Fabian Knecht inszeniert den hölzernen Riesen nämlich als Kunstobjekt, indem er einen völlig weißen Ausstellungsraum drumherum bauen lässt. Besucher, die diesen vier Meter hohen Raum betreten, werden den Eindruck haben, als seien die weißen Wände direkt aus dem heiligen Grün der Allee emporgewachsen.

"White Cube" (Deutsch: weißer Würfel) ist das Konzept, Kunst in weißen Räumen zu präsentieren. Das ist üblich, um die Ausstellungsarchitektur deutlich hinter dem Kunstwerk verschwinden zu lassen. Knecht isoliert mit diesem Konzept ein Stück Natur, den Mammutbaum, aus seinem üblichen grünen Kontext, der Lichtentaler Allee, um eine Wirkung auf den Betrachter zu erzeugen. Welche, das können alle Interessierten ab 3. März selber testen. Der "White Cube" um den Mammutbaum wird in dieser Zeit täglich von 10 bis 18 Uhr kostenlos für alle begehbar sein.

Die Kunsthalle wolle damit zeigen, dass Ausstellen heute nicht mehr nur auf die eigentlichen Ausstellungsräume beschränkt sein muss, sagt Holten. "Die Allee wird zum temporären Ausstellungsraum umgewandelt - und der Baum selbst wird zum Objekt der Würdigung." So sehe das der Baden-Badener Gartenamtschef Markus Brunsing ohnehin, sagt Holten und lacht. "Er meint ja immer, die Lichtentaler Allee ist der größte Ausstellungsraum der Kurstadt."

"Künstlerische Streubomben" werde das Museum während der Ausstellung in der gesamten Stadt verteilen. Alle anderen Museen seien einbezogen - "wir schmuggeln da ein paar unserer Ausstellungsstücke hinein", so Holten augenzwinkernd. Eine Oos-Brücke wird umgestaltet, Geschäfte zeigen in ihren Schaufenstern Kostüm-Entwürfe und Skulpturen aus Marzipan, in der Allee werden Vogelstimmen zu hören sein, die so gar nicht in den Schwarzwald passen. "Uns geht es dabei darum, die Leute im Alltag mit Kunst zu konfrontieren", sagt der Museumschef. Möglicherweise finde dann der eine oder andere auch den Weg in die Ausstellungsräume.

Dort sind dann andere Ausstellungsformen zu sehen, beispielsweise Vitrinen aus dem 19. Jahrhundert, die extra vom Kunsthistorischen Museum aus Wien den Weg an die Oos gefunden haben, oder 120 der insgesamt 300 Ausstellungskataloge, die die Kunsthalle in ihrer langjährigen Geschichte herausgegeben hat.

Der ältere Herr vom Anfang wird vielleicht unter den Besuchern sein. Er freut sich über Holtens Erklärungen und setzt zufrieden seinen Spaziergang fort. Derweil erzählt der Museumschef den Journalisten, was mit dem Mammutbaum nach der Ausstellung passieren wird. Auch dann bleibt das Material der Kunst erhalten. "Karl-Manfred Rennertz wird aus dem Holz Skulpturen formen", sagt Holten.

www.kunsthalle-baden-baden.de

zurück
1