Keine Essener Verhältnisse in Lichtental

Keine Essener Verhältnisse in Lichtental

Von Nina Ernst

Baden-Baden - Es schlägt 13Uhr. Vor dem Baden-Badener Tafelladen in Lichtental bildet sich eine Menschentraube. Lorenz Hettel, Leiter der Tafel, mischt Nummernkärtchen und teilt sie verdeckt an die Bedürftigen vor der Tür aus. Es geht ruhig und gelassen zu. Respektlosigkeit oder Gedränge, wie es derzeit Fernsehbilder oft am Beispiel anderer Tafeln propagieren? Fehlanzeige! "Wir sind dafür zuständig, dass sich die Kunden bei uns wohlfühlen", sagt Hettel. Und das funktioniert.

Die Leute halten ein Pläuschchen und warten, bis sich um 14 Uhr die Türen öffnen, die das Startsignal zum Einkauf geben. In der Reihenfolge der zugelosten Nummern werden jeweils 15 Personen in den Laden gelassen. Mal hat man Glück und darf früher rein, mal hat man Pech und muss länger warten. "Das System ist gut und gerecht", bestätigt eine Kundin, die schon seit Jahren in der Tafel einkauft.

Angestoßen dadurch, dass die Einrichtung in Essen zurzeit keine ausländischen Neukunden aufnimmt, lässt sich momentan ganz Deutschland über Tafelläden aus. "Dem Mann tut man unrecht", sagt Hettel über den Umgang mit Jörg Sator, Leiter der Essener Tafel, "es bleibt nicht aus, dass man reguliert." Sator habe jedoch den geeigneten Zeitpunkt verpasst, so dass sich nicht gewollte Verhaltensweisen eingespielt hätten. Der Aufnahmestopp war wohl die letzte Deeskalationsmöglichkeit.

Über so etwas muss und musste sich Hettel nur sehr selten Gedanken machen. Seit zehn Jahren gibt es den Laden in der Geroldsauer Straße 2, seit zehn Jahren ist Hettel dort der Chef. "Probleme haben wir so gut wie nie", sagt er, und wenn doch, seien das "Einzelfälle". Das Hoch, als Anfang 2016 sehr viele Flüchtlinge nach Baden-Baden kamen, habe man gemeistert. Klar, es habe zu Beginn "Neidgeschichten" gegeben, führt Caritas-Geschäftsführer Jochen Gebele aus. Die Sorge der Bestandskunden, dass sie durch den Zulauf zu wenig bekämen, hätte sich aber wieder verflüchtigt.

"Dialog" lautet für Hettel das Lösungswort zum Problemmanagement. Und Sigisbert Raithel, ehrenamtlicher Vorsitzender des Baden-Badener Caritasverbands und Helfer im Laden, bescheinigt seinem Chef: "Er bringt es fertig, die Regeln klar zu kommunizieren." Sobald er den Kunden klar gemacht habe, dass eben die Nummer Drei nach der Nummer Zwei in den Laden darf, würde das so eingehalten.

Die Umgangsformen, die von den Kunden erwartet werden, sollen von den rund 90 ehrenamtlichen Helfern vorgelebt werden, beschreibt Geschäftsführer Gebele. Hettel ist jedes Mal aufs Neue von dem begeistert, was die Ehrenamtlichen im Laden leisten. "Das möchte ich nicht mehr missen", sagt der 60-Jährige, der regelmäßig selbst mit anpackt und nicht nur die Orangenkiste auffüllt, wenn sie leer ist, und für jeden Kunden ein offenes Ohr hat. Der jüngste Helfer ist 14, der älteste 86, 17 Nationalitäten aus allen Gesellschaftsschichten schieben regelmäßig Dienst in Lichtental. Gebele: "Soziale Unterschiede vermischen sich hier, und nebenbei werden Vorurteile angebaut."

Doch auch die familiäre Atmosphäre in Lichtental kann über soziale Ungerechtigkeit im Land nicht hinwegtäuschen. Zwei Aufgaben schustert Gebele seinem Caritasverband zu. Zum einen: "Was wir hier mit dem Laden tun, ist Erste Hilfe." Zum anderen müsse man politisch daran arbeiten, dass es weniger Armut im Land gibt. Denn darüber, dass jüngst in der Sendung "Hart aber fair" der CSU-Politiker Stephan Mayer die Armut in Deutschland verharmloste, kann Hettel nur den Kopf schütteln. Mayer könne nicht stolz darauf sein, dass es in Deutschland so viele Tafeln gibt. Für Hettel hätte der Satz heißen müssen: "Wie sind stolz darauf, dass es so viele ehrenamtliche Helfer gibt."

Und auch über die Stadt Baden-Baden ärgert sich Hettel - keiner habe sich erkundigt, wie es denn in seinem Laden zugeht. "Der Politik würde es gut tun, vor Ort zu schauen, wie es läuft", ist Hettel überzeugt. Dann hätten sie gesehen, dass zumindest in Lichtental der aktuellen Diskussion kein Nährboden bereitet wird - Armut aber ganz reell und in unmittelbarer Nähe ist.

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