"Nichts ist abschließend bewältigt"

'Nichts ist abschließend bewältigt'

Von Veronika Gareus-Kugel

Baden-Baden - Die Reichspogromnacht vor 80 Jahren war Auftakt grausamer Judenverfolgung. In Deutschland gingen in der Nacht zum 10. November 1938 mehr als 1 000 Synagogen und Gebetsstuben in Flammen auf. Es sei wichtig, die Erinnerung wachzuhalten, führte Oberbürgermeisterin Margret Mergen anlässlich des Gedenkens mit Kranzniederlegung aus. Die Rede hielt Stephan Kramer, Präsident des Amts für Verfassungsschutz Thüringen.

Zur Gedenkveranstaltung hatten am Sonntagabend die Israelitische Kultusgemeinde, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und die Stadt eingeladen. Die Gedenkstunde begleiteten Eleonore Indlekofer (Violine), Gerhard Lohmüller (Klavier) und Dimitri Kokotov (Klarinette) musikalisch. Der alte Ratssaal des Rathauses war mehr als voll besetzt.

Wer heute denke, dass jüdisches Leben in Deutschland und Europa Normalität geworden sei, der irre, führte Mergen aus. Vielmehr sei zu beobachten, dass Antisemitismus deutlicher artikuliert werde, als je zuvor. "Erinnern ist ein Beitrag, dass sich so etwas nie mehr wiederholt", betonte die OB. "Wir verneigen uns in Demut und Scham vor den jüdischen Mitbürgern."

Die Grußworte für die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen sprach Pastoralreferent Christoph Müller. "Wir Christen wissen uns im Glauben an den einen Gott mit den jüdischen Schwestern und Brüdern verbunden", sagte er und rief die Bürger der Stadt auf, die Erinnerung an die schlimmen Ereignisse von vor 80 Jahren wachzuhalten und den Austausch zu suchen. Deutliche Worte zum Wiedererstarken rechtsnationalen Gedankenguts fand Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer, von 2004 bis 2014 Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Ermutigend fand Kramer die große Anzahl an Menschen, die an der Gedenkstunde teilnahmen.

Der Pogrom war systematischer Auftakt zur Ermordung von sechs Millionen Juden. Manche Vorkommnisse waren damals wie heute keine Entgleisungen, sondern gezielte Provokationen. Kramer legte dar, dass aufkeimender Nationalismus und die neue Rechte in den Parlamenten für Europa eine Gefahr für die freiheitliche Grundordnung auch in Deutschland darstelle. Der Aufruf, Lehrer zu denunzieren, fordere eine klare Haltung und Solidarität mit diesen ein. Um Antisemitismus zu bekämpfen, seien in der Gesellschaft soziale Kompetenzen und Empathie gefragt. "Wir Behörden müssen anfangen, unsere Arbeit zu machen", so Kramer. Nach diesem Satz ging ein Raunen durch die Reihen.

Der Redner traf ferner die Feststellung: "Nichts ist abschließend bewältigt angesichts der neuen Rechten in den Parlamenten und rechter Aufmärsche. Um so dringlicher ist es, den Staffelstab der Erinnerung vor dem Hintergrund immer weniger werdender Zeitzeugen verantwortungsvoll weiterzugegeben."

Im Anschluss trafen sich die Teilnehmer der Gedenkfeier am Gedenkstein bei der Alten Polizeidirektion, um mit einer Kranzniederlegung und Schweigeminute den Opfern des Holocaust zu gedenken. Die Lesung hielt Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev.

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