Proben für anspruchsvolles Werk

Proben für anspruchsvolles Werk

Von Christina Nickweiler

Baden-Baden - Der Kirchenchor Varnhalt feiert mit der mehrmaligen Aufführung der Messe von Max Filke "Missa in G-Dur St. Caroli Borromaei" in diesem Jahr sein 110-jähriges Bestehen. Derzeit finden die letzten Proben für die erstmalige gemeinsame Aufführung mit Gastchören am Sonntag, 30. Juni, um 10.30 Uhr beim Patrozinium in der Herz-Jesu-Kirche in Varnhalt statt.

Um dieses anspruchsvolle Werk zu meistern, hat sich der Kirchenchor mit den Kirchenchören aus Bühlertal, Hügelsheim sowie dem evangelischen Kirchenchor Steinbach-Sinzheim zusammengetan. Die große Chorformation wird beim Festgottesdienst am Sonntag von einem Ensemble, bestehend aus zwölf Instrumentalisten darunter Streicher und Bläser, begleitet. Das Konzert wird im Spätsommer und im Herbst auch in Hügelsheim und in Sinzheim zu hören sein. Die Gesamtleitung der Aufführung liegt in den Händen von Georg Keh. Die Sänger des Varnhalter Kirchenchors haben schon in der Vergangenheit Erfahrungen bei gemeinsamen Auftritten mit dem Liebfrauen-Kirchenchor aus Bühlertal-Obertal gesammelt. Zusammen mit den Bühlertäler Sängern führten die Varnhalter vor einigen Jahren eine Pop-Messe auf, die den Aktiven noch heute gut in Erinnerung ist. Mit dem evangelischen Kirchenchor Steinbach-Sinzheim tr aten die Varnhalter Sänger bereits am Volkstrauertag 2017 in Varnhalt auf.

Im Jahre 2010 bereiteten sich die Mitstreiter auf ihr 100-jähriges Bestehen vor. Bei den Recherchen durch das erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg wurde aber entgegen falschen mündlichen Überlieferungen festgestellt, dass der Varnhalter Kirchenchor bereits 1909 erstmals urkundlich erwähnt wurde. "Das war für alle eine besondere Überraschung", räumt der Vorsitzende Reinhard Greis gegenüber dem BT ein. Vor neun Jahren bekam der Kirchenchor die Palestrina-Medaille verliehen. Das ist die höchste Auszeichnung, die ein Chor erwerben kann.

Aus den Akten des bischöflichen Ordinariates geht hervor, dass am 15. Juni 1909 der Hauptlehrer Albert Schottmüller vertraglich als Organist an der neuen Kirche angestellt wurde. In dem Vertrag mit dem Organisten wird auf das Gehalt Bezug genommen. Dort heißt es unter anderem, dass der Organist fünfzig Mark für Abhaltung der Proben mit dem Kirchenchor erhalten würde. So geht Albert Schottmüller als erster Chorleiter und Organist in die Geschichte des Kirchenchors ein.

Wie aus den sogenannten Verkündbüchern - das sind Bücher, in denen alle Ereignisse der Pfarrei aufgezeichnet sind - zu entnehmen ist, sangen von Beginn an Frauen im Chor mit. Diese Varnhalter Frauen waren ihrer Zeit weit voraus, denn sie widersetzten sich dem damaligen Pfarrkurat Josef Mehrbrei. Dieser hatte den Frauen verboten, in der Fastenzeit alleine ins Wirtshaus zur Kirchenchorprobe zu gehen. Zwei Drittel der Sängerinnen entließ Mehrbrei aufgrund von entsprechenden Vorkommnissen im März 1912 aus dem Kirchenchor. Im Verkündbuch heißt es unter anderem: "Deswegen Entlassung. Solche Leute kann man nicht in einem Kirchenchor brauchen." Doch sein Urteil musste Mehrbrei wenige Tage später revidieren, da die Damen in ihrem Tun für den Chor von den Gläubigen in Varnhalt unterstützt wurden und durch den Ausschluss die Singaktivität des Kirchenchors praktisch zum Erliegen gebracht wurde.

Da während der Zeit der beiden Weltkriege die Männer für den Kriegsdienst eingezogen wurden, bestand die Gesangsformation lediglich aus einem Frauenchor. Einen formalen Vorstand gab es erst ab 1961. Friedrich Ernst zeichnete als Vorsitzender verantwortlich, und Heinrich Woll leitete den Kirchenchor.

Der Kirchenchor ist seit mehr als 50 Jahren auch eine Gemeinschaft, die intensiv den gesellschaftlichen Aspekt zu pflegen weiß. Im Jahre 1983 wurde die Theatergruppe wieder ins Leben gerufen, die bis vor wenigen Jahren noch aktiv auf der Bühne der Yburghalle spielte. Viele Anekdoten wissen sich die Mitglieder zu erzählen. Im Gespräch mit dem BT berichtet Schriftführerin Gabi Greis über einen ergreifenden Moment, der sich 2007 beim Ausflug des Kirchenchors nach Dresden in der Frauenkirche ereignete: Nach einer kurzen Anmeldung sangen die Varnhalter unter der großen Kuppel. "Die Besuchermassen blieben plötzlich stehen, hielten inne und lauschten dem Gesang. Ein sehr emotionaler Moment", erzählt Greis.

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