Neue Rebsorten gegen Klimawandel und Mehltau
Experte Rolf Steiner, Direktor des Staatlichen Weinbauinstituts Freiburg, erklärt die Züchtung neuer Rebsorten. Foto: dpa
Von Peter Zschunke

Freiburg/Heitersheim - Sie heißen Muscaris, Cabernet Cortis oder Calastra: Neue Rebsorten sollen den Weinbau in Baden und Württemberg auch in Zeiten des Klimawandels sichern. Denn die den Weintrinkern vertrauten Rebsorten bekommen zunehmend Probleme. "Wir haben unseren Riesling am Kaiserstuhl gerodet, der Anbau ist bei steigenden Temperaturen nicht mehr sinnvoll", sagt der Direktor des Staatlichen Weinbauinstituts in Freiburg, Rolf Steiner.

Bei der Züchtung neuer Rebsorten geht es sowohl um die Anpassung an den Klimawandel als auch um die Entwicklung pilzwiderstandsfähiger Varianten. Die Neuen werden daher kurz "Piwi-Sorten" genannt.

Riesling ist empfindlich gegen starke Sonneneinstrahlung, die Winzer sprechen von Sonnenbrand. Und wenn die Riesling-Trauben wie in diesem Jahr erwartet bereits im September reifen statt wie früher meist im Oktober, sind sie bei den dann wärmeren Temperaturen anfällig für den Fäulnispilz Botrytis. Für die Züchter gehören Widerstandsfähigkeit gegen Pilzerkrankungen und Anpassung an den Klimawandel zusammen.

Zu den konkreten Zuchtzielen in Freiburg gehören deswegen eine spätere Blüte und Reife, eine kombinierte Resistenz gegen die Pilzerkrankungen Echter und Falscher Mehltau sowie eine lockere Anordnung der Beeren an der Traube zur Vermeidung von Botrytis. Des Weiteren eine gute Holzreife und gerader Wuchs und vor allem ein ansprechendes Geschmacksprofil.

Die Widerstandsfähigkeit bei Pilzerkrankungen ermöglicht es, dass der Winzer nur noch zwei- bis dreimal im Jahr Pflanzenschutzmittel einsetzen muss - statt acht- bis zehnmal bei herkömmlichen Rebsorten. Damit kommen die Piwis besonders den Bedürfnissen des ökologischen Weinbaus entgegen. Ganz ohne Spritzen werde es auf absehbare Zeit aber dann doch nicht gehen, sagen die Züchter. So gibt es die Sorge, dass die Pilze Wege finden, um die Resistenz zu umgehen und dann auch Piwi-Sorten zu befallen.

Am Staatlichen Weinbauinstitut in Freiburg kümmert sich Gärtnerin Liane Veith um Aussaat und Jungpflanzen. Im März hat sie 1700 Traubenkerne ausgesät, jeder Kern nach gezielter Kreuzung eine eigene Sorte. Von diesen entwickelten sich 1100 zu einzelnen Sämlingen, die zweimal mit den verschiedenen Mehltaupilzen infiziert wurden. Nach der Infektion mit dem Falschen Mehltau blieben 110 Pflanzen ohne Krankheitssymptome übrig, nach dem zweiten Besprühen mit Erregern des Echten Mehltaus waren es noch 30. Diese Pflanzen werden dann als Kandidaten für eine weitere Verwendung ins Freiland ausgesetzt und weiter beobachtet.

Für eine neue Sorte werden die resistenten Reben, deren Eltern oft Wildreben aus Amerika oder Asien sind, mit europäischen Qualitätsrebsorten gekreuzt. Das alles ist ein langer Weg: Von der Kreuzung bis zum ersten nennenswerten Ertrag dauert es etwa zehn Jahre. Erst wenn eine entsprechende Menge von Trauben da ist, lässt sich die Weinqualität einschätzen. Einschließlich weiterer Kreuzungen, Tests und Zulassung erstreckt sich die Zucht einer neuen Rebsorte über 25 bis 30 Jahre.

Für die Zulassung von Rebsorten ist in der EU das Gemeinschaftliche Sortenamt (CPVO) in der westfranzösischen Stadt Angers zuständig. Im Versuchsanbau werden sie zunächst mit Zuchtbezeichnungen wie FR 493-87 geführt - so der erste Name der Freiburger Rebsorte Muscaris, bei der Solaris mit Muskateller gekreuzt wurde.

Für die Winzer sind die neuen Sorten eine doppelte Herausforderung. "Das ist alles Neuland", sagt der Freiburger Winzer Andreas Dilger, der seine gesamte Anbaufläche von fünf Hektar mit sechs weißen und sechs roten Piwi-Sorten bepflanzt hat. "Ich musste erst selbst herausfinden, welche Probleme im Anbau und Ausbau auftreten können."

Achillesferse Vermarktung

"Neben all den vielen Vorteilen ist die schwierige Vermarktung die einzige Achillesferse der neuen Sorten", sagt der Betriebsleiter im badischen Weingut Zähringer, Paulin Köpfer. Der Öko-Winzer im Markgräflerland setzt Piwis unter anderem für Cuvée-Weine ein, die für eine jüngere Zielgruppe flotte Fantasienamen bekommen.

Die Württemberger Jungwinzerin Anja Gemmrich aus Beilstein (Kreis Heilbronn) hat für die Piwi-Weine den Namen "Unkaputtbar" gewählt. "Damit bringen wir zum Ausdruck, dass sie nicht von Pilzen zerstört werden können." Diese Linie steht groß auf dem Etikett, darunter kleiner die Rebsorte und die Herkunft auf der Rückseite. Gar nicht "unkaputtbar" ist in diesem Jahr der Lieblingswein der Württemberger: "Unser Trollinger leidet ganz arg unter der Hitze", sagt Gemmrich.

Viele Winzer ziehen zunächst noch andere Möglichkeiten vor, um sich an höhere Temperaturen anzupassen, ehe sie sich auf das Piwi-Experiment einlassen. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut nennt dabei die Nutzung höherer oder weniger sonnenreicher Lagen und den Minimalschnitt - eine extensive Anbaumethode, um die Traubenreife zu verzögern.

"Weinkultur ist ein lebendiger Prozess", sagt Köpfer. "Wir haben mit den Piwis die große Chance, neue Aromen zu entdecken." So wie von Biodiversität, von Artenvielfalt gesprochen werde, so sollte man auch Geschmacksdiversität, Vielfalt und kulturelle Unterschiede schätzen. "Viele Kunden kaufen den Grauburgunder, weil sie ihn einfach kennen. Dabei würden sie vielleicht mit einem Piwi-Wein wie dem Johanniter glücklicher."

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