"Mit Musik kann man schon sehr viel bewegen"

Ihre Single "Je ne parle pas français" läuft gerade überall rauf und runter, mit "Lieblingsmensch" wurde sie 2015 schlagartig berühmt - Namika, die 27-jährige Frankfurterin singt morgen ab 19 Uhr auf dem SWR3-New-Pop-Festival im Baden-Badener Festspielhaus. Im Interview mit Marvin Lauser sprüht die sympathische Sängerin vor Vorfreude, spricht über ihr aktuelles Album und verrät, wie es ist, die eigenen Songs im Radio zu hören.

Interview

BT: Namika, müssen Sie sich manchmal selbst kneifen, wenn Sie auf die vergangenen drei Jahre zurückblicken?

Namika: Ab und zu muss ich das auf jeden Fall noch machen, weil drei Jahre dann doch noch gar nicht so lange sind, aber irgendwie auch schon. Manchmal ist es immer noch unglaublich.

BT: Wie ist es, die eigenen Songs im Radio zu hören?

Namika: Also ich habe meinen Song ("Je ne parle pas français", Anm. d. Red.) witzigerweise erst zwei oder drei Mal im Radio gehört. Gar nicht so oft. Beim ersten Mal im Radio - ähnlich wie bei "Lieblingsmensch" damals - habe ich den Song mit ganz anderen Ohren gehört. Ich habe ihn im Studio zwar schon gefühlt totgehört, aber im Auto, im Radio, habe ich ihn noch mal ganz anders gehört.

BT: Sie treten hier in Baden-Baden auf dem New-Pop-Festival auf - würden Sie sich selbst überhaupt dem Genre Pop zuordnen?

Namika: Ich sage ja immer, Pop als Genre gibt's gar nicht. Es gibt musikalische Genres wie Rock, Hip-Hop, Gitarrenmusik, was auch immer und sobald es irgendwie populär wird, wird es Popmusik. Von daher identifiziere ich mich schon mit Popmusik, weil meine Musik ja populär ist. Die Wurzeln meiner Musik liegen aber im Hip-Hop. Von daher würde ich sagen es ist Hip-Hop-Musik, die populär wurde.

BT: Heutzutage verwässern die klassischen Genres immer mehr, es gibt ständig neue Musikstile mit ganz unterschiedlichen Einflüssen, man denke nur an Afro Trap oder Grime. Sie wurden musikalisch im Hip-Hop sozialisiert, aktuell klingt Ihre Musik aber eher nach Pop, wie geht es für Sie weiter? Können Sie sich vorstellen, auch mal eine rockigere Platte aufzunehmen?

Namika: (Schmunzelt) Ich könnte eine Rock-Platte aufnehmen, würde es glaube ich aber nicht, weil es nicht so mein musikalischer Stil ist. Ich setze mir da aber gar keine Grenzen. Ich mache im Prinzip all das, was ich im Moment fühle. Und wenn die nächste Platte wieder hip-hoppiger wird oder noch poppiger, das wird es dann einfach, je nachdem.

BT: Welche Musik hören Sie selbst momentan am liebsten?

Namika: Schon immer Hip-Hop irgendwie, aber international, es kann auch vom Balkan sein, aus Skandinavien. Alles was irgendwie Bezüge zu Hip-Hop hat, finde ich cool. Das höre ich ganz gern.

BT: 2015 sind Sie bereits im Festspielhaus aufgetreten, haben Ihren Hit "Lieblingsmensch" performt. Freuen Sie sich schon auf ihr Konzert im Festspielhaus?

Namika: Voll. Ich freue mich wahnsinnig drauf. Das New-Pop-Festival ist schon was Besonderes. Ich habe damals spontan einen Slot bekommen, um Lieblingsmensch zu spielen, das war total schön. Ich glaube das wird jetzt noch schöner, wenn ich 60 Minuten spielen darf und das Publikum richtig mitnehmen kann mit meiner Musik.

BT: Spielen Sie lieber auf kleineren Bühnen, auf denen man dem Publikum nahe ist, oder eher auf großen Festivals vor Tausenden von Menschen?

Namika: Am Anfang war das ein bisschen befremdlich, wenn es kleinere Bühnen waren, allein aufgrund der Tatsache, dass die Leute mir so nah waren, also wirklich sehr nah. Mittlerweile finde ich das aber total cool. Ich mag das, weil es immer eine ganze andere Art von Intimität herstellt. Man kann mit den Leuten Face-to-Face reden. Du kannst zwischen den Songs tatsächlich auch mal eine kurze Konversation führen. Das hat auch seinen Charme.

"Ich würde gern wieder mehr Beats machen"

BT: Sie haben in einem Interview gesagt: "Leute, die meine Musik hören, sind für mich wie Freunde" - Welche Eigenschaften machen gute Freunde für Sie aus?

Namika: Freunde sind Leute, die sich mit meiner Musik identifizieren können, die verstehen, worüber ich singe, die es fühlen und die auf meine Konzerte kommen (lacht).

BT: Auf ihrem neuen Album sind mit "Ahmed" - über Ihren Vater, den Sie nie kennenlernten -, "Hände", einer Hommage an ihre Großmutter und "Que Walou" sehr persönliche Songs - fällt es Ihnen schwer, solche Themen zu behandeln?

Namika: Mir fiel das gar nicht schwer, weil ich ja eigentlich einen ganz schönen Song über meine Oma geschrieben habe. Meine Oma lebt zum Glück noch, das war für mich eine Hommage an sie. Es war total schön. Ich habe aber auch bei gewissen Zeilen die ich geschrieben habe, kurz mal anhalten müssen und durchatmen, weil mir die Tränen kamen und ich einen Kloß im Hals hatte. Ich finde den Song schön. Auch traurig - aber auf eine schöne Art. Für mich war das kein Grund da abzubrechen oder den Song nicht fertig zu machen.

BT: Haben Sie den Song Ihrer Großmutter dann auch vorgespielt?

Namika: Ich habe meiner Großmutter den Song natürlich gezeigt und versucht ihn ihr zu erklären. Meine Mutter hat mehr oder weniger gedolmetscht, weil mein Tamazight schon okay ist, mir fehlen aber noch ein paar Vokabeln, um alles genau zu erklären. Das hat meine Mutter ihr alles erklärt und sie war dann total gerührt. Das habe ich gesehen, das fand ich total süß.

BT: In einem Interview haben Sie gefordert: "Nehmt mir nicht meine Naivität" - wie drückt sich diese Naivität in Ihrer Musik aus?

Namika: Ich glaube einfach nur in meiner Herangehensweise als Künstlerin, wie ich Musik mache, darauf war das bezogen. Es wird immer gefragt: "Was hast Du dir bei dem Song gedacht? Was hast Du dir bei jenem Song gedacht?" Ich verstehe dann schon, dass bei Journalisten - oder generell - Fragen aufkommen, weil das total interessant ist und sie den Prozess gerne erklärt haben möchten, aber ich denke mir dann auf der anderen Seite: "Wow! Du nimmst mir und dem Zuhörer hier gerade voll die Magie mit den Fragen." Manche gehen halt voll ins Detail und erwarten, dass ich das zu 100 Prozent erkläre. Und das ist bei Songwritern immer so eine Sache, dass wäre, als würde ich auch ein bisschen mein Geheimrezept verraten.

BT: Nach Veröffentlichung Ihres ersten Albums "Nador" sagten Sie, Ihr Sound sei "elegant, aber laut" und damit "die Antwort darauf, was das Land gerade braucht". Jetzt hat sich zwischen Ihren beiden Alben einiges verändert: Was braucht Deutschland Ihrer Meinung nach jetzt gerade?

Namika: Ich würde sagen Musik, die alles thematisiert: Gute Sachen und schlechte Sachen. Musik, die einen berührt, mitnimmt und zum Nachdenken anregt. So sehe ich das als Künstlerin. Das ist mein Aufgabenbereich, in dem ich mich engagieren kann, auch ohne jetzt zu 100 Prozent politisch zu werden. Weil ich das gar nicht so als Aufgabe eines Künstlers sehe, sondern von Politikern. Politiker hören ja gewissermaßen auch auf die Künstler. Mit Musik kann man schon sehr viel bewegen.

BT: Welcher Künstler oder welche Person - tot oder lebendig - fasziniert Sie?

Namika: Ich liebe Stromae. Das ist ein Künstler aus Belgien, der mit seiner Musik international erfolgreich ist. Ich mag seinen Musikgeschmack. Seine Platten kann ich mir von Anfang bis Ende durchhören. Die Liveshows, die er macht, das ist alles wirklich krass durchdacht. All seine Videos, das hat immer einen künstlerischen Wert, ist immer sehr anspruchsvoll. Stromae ist definitiv einer meiner Lieblingskünstler.

BT: Haben Sie ihn schon persönlich kennengelernt?

Namika: Leider nicht, aber vielleicht fahre ich bald mal nach Brüssel und besuch ihn (lacht).

BT: Wäre das vielleicht ein Feature für die Zukunft?

Namika: Ja, das wäre toll.

BT: Würden Sie Stromae als musikalisches Vorbild bezeichnen?

Namika: Als Vorbild nicht, aber ich respektiere ihn für seine Kunst, für sein Schaffen. Er kommt ja auch aus dem Hip-Hop, ist aber ein Pop-Artist sozusagen, weil er erfolgreich ist. Was ich an ihm toll finde und womit ich mich identifizieren kann, ist, dass er eben auch produziert. So habe ich damals auch angefangen. Ich habe Beats produziert, geschrieben und auch aufgenommen. Er motiviert mich dazu, wieder mehr Beats zu machen. Darin ist er auf jeden Fall ein Vorbild.

BT: Kommt Ihnen das im Moment zu kurz? Würden Sie Beats gerne öfter machen?

Namika: Ja, auf jeden Fall. Ich würde voll gerne wieder mehr Beats machen, alleine um wieder rein zu kommen. So habe ich angefangen. Zwar gezwungenermaßen, weil ich damals keinen Produzenten hatte, das heißt, ich musste alles alleine machen, war dementsprechend ein bisschen limitiert, aber man wächst ja dann auch in so eine Sache rein und ich muss mich da noch mal rein-Nerden.

"Live spielen macht mir unheimlich viel Spaß"

BT: Sehen Sie sich selbst als Vorbild?

Namika: Nein. Ich habe nicht angefangen, um ein Vorbild zu sein, sondern ich habe Musik gemacht, weil ich ein Individuum bin und eine Geschichte zu erzählen habe. Ein Vorbild ist jemand, der keine Fehler hat. Jemand der keine Fehler machen kann. Da sehe ich mich gar nicht drin und das möchte ich auch gar nicht, weil ich mir die Freiheit nehmen möchte, auch mal Fehler machen zu können. Ich bin einfach ein Mensch, ein Individuum. Ich erzähle meine Story über meine Musik und lebe mein Leben parallel dazu. Klar, wenn mich jemand als Vorbild nimmt, weil er mein Wertesystem und meine Einstellung gut findet, dann finde ich das schön, aber ich lege es nicht darauf an.

BT: Wie sieht ein perfekter Tag im Leben von Namika aus?

Namika: Ein perfekter Chill-Tag in meinem Leben sieht so aus: Den ganzen Tag lang im Bett rumhängen, Frühstücken gehen, wieder ins Bett liegen, Serien gucken, aufstehen, Mittagessen - also ein richtiger Faulenz-Tag. Ich habe ganz viele Lieblingstage, stelle ich gerade fest. Immer wenn ich live spiele, das macht mir nämlich auch unheimlich viel Spaß.

Impressum - Nutzungsbedingungen - Datenschutz
1