Fünf Milliarden Mark für Postkartenporto
Ein Bogen mit originalen Briefmarken belegt die Steigerung des Postkartenportos 1920 bis 1923.  Foto:  Wollenschneider
Rastatt (rw) - Es war keine leichte Aufgabe, an die sich Iris Baumgärtner und Patricia Reister vom Stadtmuseum Rastatt heranwagten: die Zeit von 1918 bis 1933 (die Jahre der Weimarer Republik) in Dokumenten vor Augen zu führen. Doch unter dem Titel "Es lebe das Neue!'?" ist dieses gelungen, gerade, was die Resonanz des Publikums zum Kapitel der deutschen Demokratiegeschichte belegt. Bei freiem Eintritt im August ist der Besuch der Dokumentationsstätte an der Herrenstraße 11 quasi ein Muss.

Dazu ist auch ein fast 180-seitiger Katalog erschienen, der gelungen die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zum aufkommenden Nationalsozialismus nahebringen kann. Dabei wurde bei der Fülle der Themen ein interessantes Kapitel ausgeklammert: die totale Geldwertentwertung bei der Inflation von 1923. In der Ausstellung des Stadtmuseums finden sich dafür allerdings im Kellergeschoss Belege von Rastatter Geldscheinen, die in die Milliarden gehen.

Beginnend mit dem September 1923 wurden Geldscheine gedruckt, deren Nominale sich schrittweise überschlugen. Mit fünf Millionen Mark hatte man begonnen und mit 500 Milliarden sollte das gefährliche Spiel mit den Nullen enden. Michael Wessel ist es zu verdanken, dass er 1982 im Heimatbuch des Landkreises Rastatt eine Bilanz dazu lieferte. Danach durften neben den städtischen Geldscheinen in Milliardenhöhe auch Firmen 1923 ihr eigenes Geld herausgeben.

Darunter die "Rheinische Creditbank" mit einem Nominal bis eine Million, die Stierlen-Werke bis fünf Millionen, die Thales-Werke bis fünf Millionen, die Schuhfabrik Weil & Söhne bis zwei Millionen. Die Druckerei K & H Greiser durfte als Printer der Notgeldscheine ihr eigenes Geld bis zu einem Wert von einer Million im August 1923 herausgeben. Eindrucksvoll im Stadtmuseum, wie die Geldentwertung während der Inflationszeit an Briefbelegen gezeigt werden kann.

Außerdem ergänzt nun ein Beleg die Präsentation: Über einen Sammler bekam die Leiterin des Stadtmuseums, Iris Baumgärtner, ein Exponat zugänglich gemacht, das die Ausstellung zur Weimarer Republik erweitert. Gerahmt in Prachterhaltung und einem schwarz-rot-goldenen Rahmen wird exemplarisch die Geldentwertung zwischen 1920 und dem Dezember 1923 augenscheinlich dokumentiert.

Plakativ auch die begleitenden Thesen: "Dokumente einer irrsinnigen Zeit!" und "Gedenket dieser Zeit von Kind zu Kindeskind!". Dabei wird sich auf den für Deutschland wenig vorteilhaften Friedensvertrag in Versailles 1919 und die Besetzung des Ruhrindustriegebiets durch die Franzosen bezogen.

Hatte man 1920 noch fünf Pfennige zum Transportieren einer Postkarte kleben müssen, waren es im Mai 1923 schon 1000 Mark.

Die original aufgeklebten Briefmarken auf dem Demonstrationsbogen führen dann in den Oktober 1923, als ein Postkartenporto eine Million kostete. Die Portosteigerungen folgten 1923 Schlag auf Schlag, bis im November 200 Millionen, dann im Dezember eine Milliarde, dann vor der Einführung der rettenden Rentenmark fünf Milliarden angesagt waren.

Wer sich einen Eindruck von dem Milliarden-Portostück im Stadtmuseum Rastatt, Herrenstraße 11, verschaffen will, der ist von donnerstags bis samstags von 12 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 17 Uhr dazu eingeladen.

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