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Schnäppchenjagd im ehemaligen Neonazi-Zentrum
Einst feierte in diesem Raum die rechtsradikale Szene, jetzt helfen dort Flüchtlinge beim Verkauf von Einrichtungsgegenständen. Foto: Siebnich
09.06.2018 - 00:00 Uhr
Rheinmünster (sie) - Wo zwischen den Jahren 2010 und 2013 Hunderte Neonazis zu Rechtsrock feierten, steht jetzt Qandagha Asadi und lüpft einen Kühlschrank auf eine Sackkarre. Der Afghane ist einer von drei Asylbewerbern, die dem Landratsamt beim Verkauf von Einrichtungsgegenständen aus der Flüchtlingsunterbringung helfen. Dieser findet seit Donnerstag im "Rössle" in Söllingen statt, jenem Gasthaus, das die rechtsradikale Szene der Region Rastatt und Karlsruhe vorübergehend als Zentrum nutzte.

Dort verkauft der Landkreis vorerst bis Ende Juli immer donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr neuwertige Haushaltsgegenstände und Mobiliar zum Schnäppchenpreis.

Einen neuen Kühlschrank gibt es beispielsweise für 80, eine noch verpackte Bratpfanne für fünf Euro. Schüsseln, Teller, Kochlöffel oder Tassen sind ab 50 Cent zu haben. Zum weiteren Angebot gehören unter anderem Stahlspinde, Etagenbetten, Steppdecken und Kopfkissen.

Die Gegenstände hatte der Landkreis für die Flüchtlingsunterbringung angeschafft. Nachdem der Menschenstrom aber stark zurückging und zahlreiche Unterkünfte geschlossen wurden, sind sie nun überflüssig geworden. In Bietigheim gab es bereits einen ähnlichen Lagerverkauf, vom "Rössle" aus soll nun der südliche Landkreis versorgt werden. Im Blickpunkt haben die Verantwortlichen sowohl Privatpersonen und Flüchtlinge als auch Vereine und Organisationen. Ende Juli wird das Angebot vorerst beendet, um Bilanz zu ziehen. Wenn einerseits die Nachfrage stimmt und andererseits noch genügend Gegenstände vorhanden sind, könnte es im Herbst weitergehen.

Peter zeigte sich am Eröffnungstag davon überzeugt, dass das Projekt mehrere Fliegen mit einer Klappe schlägt. "Hier gibt es die Gelegenheit, Dinge günstig zu erwerben", rührte er die Werbetrommel. Gleichzeitig diene der Verkauf der Integration. Neben Mitarbeitern des Landratsamts, der Gemeinde Rheinmünster und des DRK-Kreisverbands Bühl/Achern sind mit Qandagha Asadi, seiner Ehefrau Narges Asadi und Fayzullah Haydari drei Flüchtlinge mit an Bord, die dort ans Arbeitsleben rangeführt werden sollen. Sie wohnen in der Gemeinde Rheinmünster in der Anschlussunterbringung. "Wir haben großes Interesse daran, dass Flüchtlinge in Beschäftigung kommen", meinte Peter.

Nicht jeder Asylbewerber sei in der Lage, gleich auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Deshalb seien solche niederschwelligen Angebote ein Schritt in die richtige Richtung. Geld spiele dabei eine untergeordnete Rolle. Die drei Afghanen erhalten 80 Cent pro Stunde, was bei einer Monatsarbeitszeit im "Rössle" von 32 Stunden rund 26 Euro entspricht. "Es geht darum, jemanden an Arbeit zu gewöhnen", betonte Peter. Im Landkreis Rastatt gebe es 8200 Hartz-IV-Empfänger, davon rund 800 Flüchtlinge.

Jürgen Walke, Geschäftsführer des Jobcenters Rastatt, nannte dies ein "großartiges Angebot". Es gebe Flüchtlinge, die aufgrund ihrer Bildung oder ihres kulturellen Hintergrunds sehr lange bräuchten, um Deutsch zu lernen. Auch Traumata spielten vermehrt eine Rolle.

Rheinmünsters Bürgermeister Helmut Pautler griff den Ball auf und wünschte sich mehr rechtliche Freiheiten für Kommunen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen. "Wir würden diese Menschen gerne weiterbeschäftigen, beispielsweise bei der Grünpflege", sagte er. Dies verhindere aber die aktuelle Gesetzeslage. Er zeigte sich davon überzeugt, dass der Lagerverkauf ein Erfolg wird: "Davon profitieren alle." Er freue sich, dass das Projekt in Rheinmünster umgesetzt worden sei - "gerade hier im Rössle".

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