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"Der Hans ist noch da, der Dampf ist fort"
Ohne Inhalation keine Kraft: Bis zu zehn Medikamente täglich muss Heinz Vollmer einnehmen. Foto: Kiedaisch
06.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Franziska Kiedaisch

Ottersweier - Wenn Heinz Vollmer die Tür öffnet, strömt einem der Duft von Eukalyptus entgegen. Doch der 71-Jährige lässt das ätherische Öl nicht zum Spaß in einer Duftlampe verdampfen. Es hilft ihm dabei, durchzuamten. Seit sieben Jahren leidet Vollmer an COPD (kurz für: chronic obstructive pulmonary disease), einer unheilbaren Lungenerkrankung, die eine Verengung der Atemwege zur Folge hat. Rund sieben Millionen Menschen sind in Deutschland daran erkrankt. Als einer von ihnen gibt Vollmer nicht auf, sondern tritt der Krankheit beherzt entgegen.

"Man meint, da kommt einer von hinten und drückt einem die Gurgel zu. Es ist furchtbar", beschreibt der ehemalige Bilanzbuchhalter einen Anfall voll akuter Atemnot. Mit jeder Erkältung, bei Aufregung oder Stress wächst für COPD-Patienten das Risiko, davon heimgesucht zu werden und dass sich damit Verlauf der Krankheit verschlimmert. Deshalb muss Vollmer Vorsorge treffen. An einem Band um den Hals trägt er einen Notfallknopf, und auf einer Anrichte im Esszimmer steht ein Notfallgerät des Deutschen Roten Kreuzes. Morgens und abends drückt er einen Knopf, damit der Rettungsdienst weiß, dass alles in Ordnung ist. Wenn er in den Urlaub fährt, meldet er sich ebenfalls über das Gerät ab, sonst steht der Krankenwagen vor der Tür. Die Krankheit prägt auch darüber hinaus Vollmers Tagesablauf: Sauerstoff und Cortison inhalieren, Lungenfunktion testen, Sauerstoffsättigung messen, Spurenelemente und Vitamine einnehmen - rund zehn Medikamente sind es bei ihm täglich.

Nach mehreren Krankheitsschüben leidet der Ottersweierer inzwischen unter dem höchsten Schweregrad der Krankheit, einer COPD Stufe IV. Doch davon lässt sich Vollmer nicht unterkriegen: "Es ist mir schwergefallen, zu akzeptieren, dass ich die Krankheit nicht besiegen kann, aber hinauszögern kann ich sie." Er lässt dabei nichts unversucht und schlägt auch alternative Wege ein, beispielsweise indem er Methoden aus der traditionellen chinesischen Medizin oder Atemphysiotherapie ausprobiert. Als er die Diagnose erhielt, rief er im selben Jahr in Bühl eine Selbsthilfegruppe für COPD- und Lungenemphysempatienten (eine unheilbare Aufblähung der Lunge) ins Leben. Auch die Lungensportgruppe in der Zwetschgenstadt hat er initiiert.

Über 500 Stunden habe er seitdem ehrenamtlich investiert, um Betroffene zu unterstützen. Der Bedarf sei vorhanden: "Beim ersten Treffen der Selbsthilfegruppe sind wir förmlich überrannt worden. 60 Leute, unter anderem aus Baiersbronn oder Forbach waren da." In puncto Selbsthilfe vermisst er Anerkennung: "Die etwa 2000 ehrenamtlichen Selbsthilfegruppenleiter werden in unserer Gesellschaft nicht genügend geschätzt", meint er. Heute organisiert Vollmer nur mehr Vorträge von Lungenexperten, ist aber nach wie vor Ansprechpartner für andere Patienten: "Wenn Leute Hilfe brauchen, rufen sie mich an", sagt er nicht ohne Stolz. Sein kämpferisches Naturell habe ihn von seiner Geburt als Frühchen an begleitet, sagt der Hobbyfotograf. Weil sich die Lunge erst am Ende der Schwangerschaft völlig ausbildet, sind Frühgeborene auch anfälliger für Lungenkrankheiten. Der häufigste Grund für die Erkrankung ist aber das Rauchen: Vollmer hat zehn Jahre vor der Diagnose damit aufgehört. Mit einem starken Husten begann vor sieben Jahren das Leben mit der Krankheit. Erst spät seien die Ärzte damals auf die richtige Diagnose gekommen.

Obwohl viele COPD-Patienten an Depressionen leiden, hat der begeisterte Wanderer, dem inzwischen die Puste für die Aufstiege fehlt, den Lebenswillen nie verloren: "Mein Vater wurde 76 Jahre alt. Ich habe mir vorgenommen, mindestens so alt zu werden", sagt er. Wichtig seien soziale Kontakte und dass man sich nicht aufgibt. So war er in diesem Jahr bereits zwei Wochen an der Ostsee, bald unternimmt er eine Busreise in die Niederlande. Er versuche trotz der zum Teil massiven Einschränkungen alles so zu machen, wie vor der Krankheit. Doch benötige er drei- bis viermal so viel Zeit wie zuvor: "Das regt mich richtig auf."

Also trotz COPD ein Hans Dampf in allen Gassen? Vollmer relativiert: "Man könnte sagen: Der Hans ist noch da, der Dampf ist aber fort."

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