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"Tränenden Auges winken die Leute mit Tüchern"
25.08.2018 - 00:00 Uhr
Von Günther Mohr

Bühl - Die Finnen lebten Jahrhunderte unter schwedischer und russischer Herrschaft. Kaum wurde das Land unabhängig, stürzte es 1918 in einen Bürgerkrieg. Die "Roten Garden", Anhänger der Bolschewiki in Russland, und die "Weißen", Befürworter einer parlamentarischen Regierung, bekämpften sich. Zur Unterstützung der "Weißen" schickte das Deutsche Kaiserreich Soldaten. Unter ihnen befand sich der in Kappelwindeck geborene Bernhard Falk. Das Bühler Stadtgeschichtliche Institut erwarb vor einigen Jahren seine Tagebücher. Auf deren Grundlage schildert der Historiker Günther Mohr, wie Falk den Bürgerkrieg erlebte.

Der Erste Weltkrieg beginnt für Falk an der Front in Nordfrankreich. Bei Loretto nördlich von Arras wird er im März 1915 verwundet. Anfang 1916 erfolgt seine Versetzung zur Fernsprechtruppe. Als Unteroffizier leistet er Dienst in Serbien. Ende 1916 ist er wieder in Nordfrankreich, lernt als Funker den Umgang mit kleinen Funkgeräten. Am 14. August 1917 trifft feindlicher Beschuss seinen Unterstand bei Verdun, er wird verschüttet. Er kann sich jedoch befreien und schafft allein den Weg zu den deutschen Truppen, die sich zurückgezogen haben. Eine Verwundung am Kopf verheilt.

Danach ist er "Offiziersanwärter" an der Westfront, eingesetzt in der Funker-Ausbildung. Am 25. September 1917 erfolgt die erhoffte Beförderung zum Leutnant. Er wird krank. Diagnose: Verdacht auf Malaria, vermutlich vom Balkan mitgebracht. Einem Lazarett-Aufenthalt in Hamburg schließt sich ein Genesungsurlaub in Triberg an. Zu Neujahr schreibt er ins Tagebuch: "Gebe Gott, daß das Jahr 18 ein Friedensjahr werde!" Im Februar 1918, wieder gesund, wird er einem Ersatz-Bataillon in Breslau zugewiesen.

Eine neu aufgestellte "Ostseedivision" soll in Finnland eingreifen, das im Dezember 1917 seine Unabhängigkeit erklärt hat. Die sozialistische Arbeiterbewegung entschied sich zum Gleichschritt mit den Bolschewiki in Russland, den Siegern der Oktoberrevolution. Den finnischen "Roten Garden" traten die Schutzkorps der "Weißen" entgegen, Anhänger einer bürgerlich-demokratischen Regierung. Noch standen Tausende russische Soldaten in Finnland. Heimlich waren finnische Soldaten in Deutschland, angebliche "Pfadfinder", zum Kampf ausgebildet worden. Diese kehrten jetzt zum Einsatz gegen den Bolschewismus in ihre Heimat zurück. Zu ihren Gunsten sollte die "Ostseedivision" mit 11000 Soldaten ihr Gewicht in die Waagschale werfen.

Kommandant einer Funkerstation

Eine der drei Funkerstationen dieser Division wird Bernhard Falk unterstellt: 16 Soldaten, Funker und Fahrer der Pferdewagen mit Funkgeräten, Wartungs- und Ersatzteilen. In Danzig leitet er die Verladung auf ein Schiff, das im finnischen Hangö anlandet.

Nach kurzem Aufenthalt in der Hafenstadt zieht die Funkerstation mit einer Infanteriebrigade auf Helsinki zu, das von den "Roten" besetzt ist. In Ekenäs, einer Kleinstadt mit 4000 Einwohnern, ist Falk hingerissen vom Empfang der deutschen Soldaten: "Tränenden Auges stehen die Leute da und winken mit Tüchern." Die "Roten" ziehen sich zurück. Am Abend sucht Falk ein Badehaus am Hafen auf: "Eine Badedame wascht und massiert mich unbehindert ob meiner völligen Nacktheit. Alles wird als natürlich und selbstverständlich angesehen." Sein Fazit: "Ekenäs wird mir ein liebes Plätzchen bleiben."

Die Pferde bringen die Wagen auf den aufgeweichten Straßen nur langsam voran, kämpfen an manchen Stellen mit der Glätte. Gewehrsalven sind zu hören, aus der Ferne Geschütze. Es gibt Verwundete. Tote unter den finnischen "Weißen" werden begraben.

In Sockenberga nahe Helsinki bereitet Fanny Saari, Frau eines Bahnbeamten, die vor den "Roten" geflohen und just zurückgekehrt war, für Falk und vier weitere Soldaten ein "schönes Quartier und Essen."

Beim Einmarsch in Helsinki am 14. April führt Falk die ganze Abteilung, alle drei Stationen der Funker. "Die Weiße Garde steht Spalier; ihre Musik spielt; unsere Kompagnien, voran die Musik, marschieren ein. Es ist rührend, wie die Bürger uns zujubeln. Im Stadtinnern wird indes noch auf uns geschossen."

Fanny Saari kommt am nächsten Tag nach Helsinki, beide besichtigen ein Lazarett. "Treffe daselbst 2 vornehme russische Damen." Am nächsten Tag ergeht der Befehl zum Abrücken. Falk meldet sich beim Bataillonskommandanten Major von Brandenstein: "Er bietet mir gleich Schokolade an." Beim Weitermarsch Richtung Norden kommt es zu Unterbrechungen. Am 21. April beschießen die "Roten" mit Kanonen den Marschweg nach Hyvinkää. Dort angekommen übernachtet Falk mit dem Brigade-Stab im Hotel. Seinen Leuten müssen Matratzen aus einem Sanatorium genügen.

Beim Weiterzug greifen "Rote" an, werden zurückgeschlagen. In den letzten Apriltagen biwakiert die Funkerstation in Hämeenlinna. Die "Weißen", erfährt Falk, haben Wyborg in Karelien eingenommen, 1917 zu Finnland gekommen, heute russisch. Falk schließt daraus, dass der Krieg in Finnland zu Ende gehe.

Bei einem Ritt in die Umgebung sieht er, wie Gefangene vorbeiziehen: "Trauriges Bild! Mütter, junge Mädchen, Männer in jedem Alter sind dabei." Verlegungen folgen, auch in Gebiete mit erhöhten Spannungen. "Unsererseits wird die Parole ausgegeben, möglichst wenige Gefangene zu machen."

Am 2. Mai notiert Falk, was er gehört hat: "Am heutigen Tag werden fast 20000 Rote gefangen genommen und ca. 5000 erschlagen." Gleich darauf: "Beim Stabe werde ich sehr freundlich empfangen." Alle Offiziere, vor allem Adlige, nennt er, mit denen der zu Tisch sitzt. Und er hält seine Bedenken im Tagebuch fest, ein erbeutetes Pferd zu verkaufen, da es "unrechtmäßig erworben" sei.

Heimaturlaub nach Bürgerkriegsende

Der Bürgerkrieg endet nach zwölf Wochen mit dem Sieg der "Weißen" - mit Hilfe der Deutschen. Anfang Mai erhält Falk einen Monat Heimaturlaub. Nach vier Tagen Fahrt mit Schiff und Bahn ist er in Bühl. Er besucht Freunde und Kollegen in Freiburg, Waldshut, Straßburg und Triberg, fährt nach Herrenwies zu seiner Schwester Maria, die den Haushalt des dortigen Pfarrers führt. Zu Hause hilft er beim Einholen der Gerste, beim Dreschen und bei der Kirschenernte im Kappelfeld.

Ende des Monats geht es zurück nach Helsinki, wo er nunmehr am Standort Riihimäki stationiert ist. Der Dienst ist umgestellt auf Kasernenbetrieb. Die Freizeit verbringt er mit Auto- und Zugfahrten, öfter auch in Begleitung von Fanny Saari zu Gütern von deren Bekannten oder zu Sehenswürdigkeiten. An Fronleichnam besuchen beide einen Gottesdienst in Helsinki.

Den Hunger in Deutschland, die Streiks für den Frieden und das Desertieren viele Soldaten registriert er nicht. Er berichtet von Einkäufen, von Ausritten, von Reibereien unter den Offizieren. Seine Funkerstation wird immer wieder verlegt. Falk hält Vorträge für die Mannschaften über sinnvolle Freizeitgestaltung und die Geschichte Finnlands.

Die Nachrichten im Oktober über die Geländeverluste der deutschen Truppen an der Westfront und die politischen Veränderungen in Deutschland mit dem Übergang zur parlamentarischen Regierung registriert Falk nur kurz. Er lässt sich wegen Zahnschmerzen und Magenbeschwerden ins Lazarett überweisen.

Am 7. November notiert er Nachrichten von Matrosen-Unruhen in Kiel und Verhandlungen über einen Waffenstillstand. Am Abend vergnügt er sich in Helsinki zusammen mit Fanny Saari und einem "Fräulein Alli" beim Kabarett. Am nächsten Tag vermerkt er die Abdankung des Kaisers ohne Kommentar.

Seine Abreise steht bevor. Am 9. Dezember 1918 befindet er sich an Bord des Dampfers Woermann, von Fanny Saari mit einem Paket Essen ausgestattet. Auf die Ankunft in Swinemünde folgt eine lange, oftmals unterbrochene Zugfahrt. Er notiert: "Resignierte Stimmung bei den Heimkehrenden. Man schickt sich in das Unvermeidliche." Sechs Tage vor Heiligabend ist Bernhard Falk wieder zu Hause.

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