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Nicht nur Kämmerer, auch Kümmerer
Die gewonnene Zeit im Ruhestand will Norbert Graf nutzen, um mit seinem Wohnmobil auf Reisen zu gehen. Foto: Siebnich
08.09.2018 - 00:00 Uhr
Von Holger Siebnich

Lichtenau - Norbert Graf hat zum Ruhestand ein Holzherz geschenkt bekommen, auf dem geschrieben steht: "Hör nie auf zu träumen." Er liest den Satz vor und nickt, um zu unterstreichen, dass er dieser Aufforderung nur allzu gern folgen möchte. Fast 43 Jahre lang hat er als Kämmerer die Finanzen der Stadt Lichtenau verantwortet, seit 1. September ist er im Ruhestand. Angst, in ein Loch zu fallen, hat er nicht: "Ich habe noch viele Träume."

Obwohl er jahrzehntelang die Geschicke der Stadt an entscheidender Stelle mitgeprägt hat, will der 63-Jährige kein großes Brimborium um seinen Abgang aus dem Rathaus machen. Eine Feier gab es nicht, die offizielle Verabschiedung wird voraussichtlich im Oktober im Rahmen einer Gemeinderatssitzung erfolgen. Eine lange Rede möchte er nicht schwingen: "Maximal drei Minuten", kündigt er an. Er benötigte auch ein wenig Bedenkzeit, bis er schließlich einem Interview für einen Zeitungsbericht zustimmte: "Es ist eigentlich nicht mein Ding, so im Fokus zu stehen", sagt er. Aber dann redet er doch zwei Stunden lang über die vergangenen Jahrzehnte, in denen er unter drei Bürgermeistern arbeitete, zum Gesicht der Feuerwehr wurde und auch private Schicksalsschläge verdauen musste.

"Es war nicht ganz einfach als 20-Jähriger", sagt er über die Anfänge seiner Kämmerer-Laufbahn 1975. Da hatte er gerade sein Diplom als Verwaltungswirt von der Fachhochschule in Kehl in der Tasche. Der damalige Bürgermeister Jochen Rothfuß lotste ihn ins Lichtenauer Rechnungsamt. Als junger Mann musste sich Graf dort erst freischwimmen, doch das gelang ihm schnell: "Zahlen sind meine Welt. Das war schon in der Schule so. Dafür musste ich nie lernen", erzählt er. Während seiner Ausbildung, die er zum Teil ebenfalls im Lichtenauer Rathaus absolvierte, verwaltete er drei Wochen lang die Barkasse und notierte minuziös jede Buchung: "Das war eine tolle Zeit."

Überhaupt denkt Graf gern zurück an die alten Tage, als er noch mit Rechenmaschine, Matrizen und Durchschlagpapier arbeitete. Den Haushaltsplan schrieb er per Hand, pro Jahr gab es nur vier Exemplare. Die Jahresrechnung, heute ein dicker Wälzer, umfasste nur eine Handvoll Seiten. Angesichts der Papierberge, die mittlerweile produziert werden, überkommt ihn manchmal der Eindruck: "Wir verwalten uns selbst und kommen deshalb immer weniger zum eigentlichen Schaffen."

Er habe sich bei seiner Arbeit stets daran orientiert, wie er auch als Privatmensch wirtschaftet. Deshalb wirkte er bei Bürgermeistern und Stadträten immer darauf hin, nur so viel Geld auszugeben, dass noch genug für schlechte Zeiten übrigbleibt: "Da bin ich konservativ, dazu stehe ich", meint er. Dass Lichtenau seine Schulden in den vergangenen Jahren deutlich reduzieren konnte, erfüllt ihn mit Stolz.

Zufrieden erzählt er auch davon, dass er sich nie mit juristischen Widersprüchen auseinandersetzen musste, obwohl in seinen Zuständigkeitsbereich viele rechtlich diffizile Themen wie etwa Erschließungsbeiträge fielen. "Ich habe immer so gehandelt, als ob ich selbst der Zahler wäre. Der Bürger ist unser Kunde", schildert er seine Verwaltungsphilosophie. So besuchte er Bauherren auch schon einmal zu Hause, um ihnen alle Rechnungsdetails zu erklären.

Im Ruhestand das Reisefieber ausleben

Dass er auch ansonsten nicht dem Bild des trägen Klischeebeamten entspricht, hat er darüber hinaus jahrzehntelang an vorderster Front bei der Feuerwehr bewiesen. Zwischen 1988 und 2013 leitete er die Lichtenauer Truppe als Kommandant. Und dass, obwohl seine Familie 1994 ein schwerer Schicksalsschlag ereilte. Seine Ehefrau, die er acht Jahre zuvor geheiratet hatte, starb an Krebs. Mit Hilfe seiner Mutter zog Graf die beiden Söhne allein groß. Später hatte er "das große Glück", eine neue Partnerin kennenzulernen.

Mit ihr verbindet ihn unter anderem das Reisefieber. Die gewonnene Zeit im Ruhestand wollen sie nutzen, den Kilometerstand des eigenen Wohnmobils in die Höhe zu treiben. Dass ihn im Gegensatz dazu seine lange Karriere nie über Lichtenau hinausgeführt hat, grämt ihn nicht. Angebote habe es schon gegeben, aber am Ende blieb er seiner Heimat treu. Er bereut es nicht: "So wie es war, bin ich zufrieden."

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