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Den Zaungästen wird schon beim Zuschauen schlecht
18.09.2018 - 00:00 Uhr
Von Holger Siebnich

Bühlertal - Josef Daxenbichler liegt auf dem Bauch und starrt über den Rand des Dachs. Es geht 40 Meter senkrecht hinunter. Die meisten Menschen würden bei diesem Blick ganz langsam zurückrobben. Aber für den 39-Jährigen geht es in die andere Richtung. Vorsichtig richtet er sich auf und macht dann mit dem rechten Bein einen weiten Schritt in die Tiefe, als wolle er an einer Leiter herunterkraxeln. Doch Daxenbichlers Fuß tritt ins Leere. Den Sturz in die Tiefe verhindert ein Seil, in dem der Bayer kurz darauf mit vollem Körpergewicht hängt. Für ihn ist dieser Stunt um 10 Uhr morgens Routine. Daxenbichler ist Industriekletterer.

An diesem Vormittag turnt er gemeinsam mit seinem Kollegen Tammo Vahlenkamp an der Fassade des Bühlertäler Bosch-Hochhauses herum. Mehrere Jalousien müssen repariert werden. Dafür das komplette Haus einzurüsten, wäre viel zu aufwendig. Eine Hebebühne aufzustellen, ist wegen eines Anbaus, der im Weg ist, auch nicht möglich. "Wir sind viel flexibler - und damit auch günstiger", nennt Daxenbichler einen Grund, warum die Branche der Industriekletterer boomt. Er selbst macht den Job schon seit 17 Jahren, sein Kollege Vahlenkamp ist seit zehn Jahren mit dabei. "Auch wenn man den Satz kaum mehr hören kann, aber wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht", erzählt Daxenbichler, der eigentlich ein gelernter Heizungsbauer ist.

Doch sein zweites Zuhause war viele Jahre eine Kletterhalle in München. Dort hat er seinen ersten Job vermittelt bekommen. Der Auftraggeber wollte ein riesiges Plakat an einer Fassade installiert haben. In seiner Not griff er zum Hörer und rief in der Trainingsstätte der Kraxler an. In Bühlertal arbeiten er und sein Kollege als Subunternehmer für Christian Zakher, dessen Unternehmen in Vogt im Landkreis Ravensburg solche außergewöhnlichen Dienstleistungen anbietet.

Das Bosch-Gebäude gehört für Daxenbichler eher zu den beschaulicheren Arbeitsplätzen. Er war auch schon am Sitz der Europäischen Zentralbank im Einsatz, ein 200-Meter-Gigant aus Glas und Stahl. Dort mussten sie Fensterputzen: "Ein Klassiker", sagt er über die Aufgabe und lacht.

Für ihren Bosch-Auftrag benötigt er keinen Abzieher, sondern reichlich Schraubendreher. Ein ganzes Set davon haben die beiden Kletterer an ihrer Ausrüstung hängen, um in luftiger Höhe immer das richtige Modell dabei zu haben. Eine Weitsicht, die jeder Heimwerker, der zum dritten Mal fluchend in den Keller rennt, weil das Werkzeug mal wieder nicht passt, gut nachvollziehen kann.

Solche Schludrigkeiten können sich die Profis nicht erlauben. Jeder Handgriff in schwindelerregender Höhe muss sitzen. Während ihre Beine über dem Abgrund baumeln wie in einem Kettenkarussell, hängen die Beiden ganz ruhig und konzentriert Karabinerhaken ein, um sich abzusichern. Damit sie keine Fußabdrücke an Fassade und Scheibe hinterlassen, ziehen sie weiße Schutzüberzüge über ihre Schuhe, wie Beamte der Spurensicherung im "Tatort".

Zwei Bosch-Mitarbeiterinnen beobachten das Schauspiel vom sicheren Boden aus: "Da wird mir schon vom Zuschauen ganz schlecht", meint die eine zu ihrer Kollegin.

Dass sich niemand anmaßen möchte, den riskanten Job selbst zu machen, hat für die Männer Vorteile: "Es erlaubt sich niemand, uns zu hetzen. Alle sagen immer: Die Sicherheit kommt zuerst", schildert Vahlenkamp positive Begegnungen mit den Auftraggebern. Dafür sind die Jungs aber auch bereit, an ihre Grenzen zu gehen. An diesem Tag in Bühlertal hängen sie zwar unter einem wolkenlosen Himmel in den Seilen, sie sind aber alles andere als Schönwetterkraxler. "Wir arbeiten auch bei Minus 20 Grad, Regen oder Wind", erzählt Daxenbichler. Wie beim Skifahren komme dann eben früher oder später der Zeitpunkt, an dem man eine Pause brauche, um sich wieder aufzuwärmen. "Die Leute sagen zu mir immer, sie könnten nie den ganzen Tag draußen sein. Ich denke mir dann immer: Ich könnte nie den ganzen Tag drinnen sein", meint der Naturbursche.

Zeit, um zum Ursprung ihres Lebensunterhalts zurückzukehren, der Kletterei als reines Hobby, bleibt bei Aufträgen, für die sie in ganz Deutschland unterwegs sind, allerdings kaum übrig. Doch Daxenbichler sieht das pragmatisch. "Wir lernen schon beim Arbeiten so viele ungewöhnliche Orte und Aussichten kennen." Und dank des täglichen Trainings an Hochhäusern und Schornsteinen kann er sich in einem sicher sein: "Verlernen werde ich die Kletterei nicht."

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