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Keine Großfamilie und auch nicht "schmutzen"
Brillant wie die Schauspieler ist auch das Bühnenbild bei der Flüchtlingskomödie im Bürgerhaus. Foto: Klöpfer
06.10.2018 - 00:00 Uhr
Bühl (urs) - Deutschland sucht den Superflüchtling. Zumindest Familie Hartmann tut das. Er soll nicht zu alt sein, wirklich verfolgt, keine Großfamilie anschleppen, schon ein bisschen Deutsch sprechen und - um Gerhart Polt zu zitieren - "nicht schmutzen". Seit die Kinder ausgezogen sind, ist die Villa in München-Grünwald sehr groß und sehr leer geworden. Deshalb veranstaltet Mutter Hartmann, eine pensionierte Studienrätin, ein Flüchtlings-Casting in ihrem Wohnzimmer.

Zu gewinnen gibt es eine rustikale Souterrainunterkunft mit Dusche. Diallo aus Nigeria, der scheint ideal zu sein: knopfäugig, goldig und überaus höflich. Warum er nach Deutschland gekommen ist? "Ich liebe Manuel Neuer", antwortet er, um gleich hinterherzuschieben: "Ist bloß Spaß." In Wirklichkeit hat Diallo die Hölle hinter sich, seine Familie wurde von der islamistischen Terrormiliz Boko Haram ausgelöscht.

Mit der fulminanten Komödie zur deutschen Flüchtlingskrise "Willkommen bei den Hartmanns" startete das Theater-Abo nach den Sommerferien: mit Krawall, Tiefgang und Leichtigkeit. Kinoschlager zu Theatererfolgen zu machen, ist schwer. Mit der Bühnenfassung von "Willkommen bei den Hartmanns" gelingt das Experiment mit Einschränkungen. Unter der Regie von Michael Bleiziffer brachte das Tournee-Theater Thespiskarren die Bühnenfassung am Donnerstagabend ins Bürgerhaus Neuer Markt.

Allein im Kino verfolgten 2016 insgesamt 3,2 Millionen Zuschauer die Komödie nach dem Film von Simon Verhoeven. Gut, nun ist das schon zwei Jahre her, aber die Inszenierung ist immer noch großartig. Sie kombiniert ein sehr ernstes Thema, die Flüchtlingskrise mit Comedy, was einige lustige Nebenwirkungen mit sich bringt. Aber auch ernste Elemente sind Teil des Theaters, etwa Probleme der deutschen Gesellschaft: Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Das Stück selbst wird getragen von einem wunderbaren Derek Nowak, der als Flüchtling Diallo Makabouri für wunderbare, sentimentale und nachdenkliche Momente sorgt. Förmlich kann man seine Angst, seine Verzweiflung, Hoffnung, aber auch seine Lebensfreude mit Händen greifen. An manchen Stellen möchte man den schmächtigen, in Simbabwe geborenen Schauspieler, einfach in die Arme schließen und beschützen. Großartig auch Antje Lewald als Angelika Hartmann, die als frustrierte Ehefrau und pensionierte Schuldirektorin auf der Suche nach einem neuen Lebensziel ist. So schafft das Ensemble eine rasante, zweieinhalbstündige Performance, die alle Register einer großartigen Inszenierung nutzt. Am Anfang vielleicht, durch den häufigen Szenenwechsel, für jene die den Film nicht kennen, ein wenig schwer zu verstehen, aber nach der Pause nimmt das Stück eindeutig an Fahrt auf, nimmt den Zuschauer gefangen und schenkt am Schluss sogar noch eine paar Gänsehautmomente.

Brillant ist das Bühnenbild gestaltet. Peter Engel hat dazu ein Miniaturhaus in den Mittelpunkt der Bühne gestellt, das sich nach Bedarf drehen lässt. Für viele andere Schauplätze, wie zum Beispiel das Flüchtlingsheim, dient ein riesiges Gerüst, auf dem die Probanden immer wieder herumturnen. Sehr modern und sehr brillant kann man da nur einräumen. Dazu werden Elemente wie der OP-Tisch des von Altersangst gepeinigten Oberarztes Steffen Gräber, der den Richard Hartmann spielt, einfach je nach Bedarf hin- und hergeschoben.

So wird im Laufe der Spielzeit die "Refugee-Welcome-Villa der Hartmanns zum Narrenhaus. Es sind vor allem die bitterbösen Pointen, die dem Publikum im Halse stecken bleiben. Natürlich spielt das Stück auch mit vielen Klischees, aber immer wieder gibt es Momente, die die Erinnerung an die Ankunft der enormen Flüchtlingsströme im Jahr 2016 hochkochen lassen.

Selbstverständlich gibt es ein Happy-End für den Flüchtling Diallo, der mit einem wilden Tanz aller Schauspieler auf der Bühne gefeiert wird. Diallo darf in Deutschland bleiben, anders wie Hunderttausende von Migranten in Europa. Nicht enden wollender Applaus ist der Dank für ein Highlight der diesjährigen Theatersaison.

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