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"Wie ein Turm aus gestapelten Waschmaschinen"
Küchenplanung mit der Stoppuhr: Ursula Muscheler kennt die Kuriositäten der Architekturgeschichte. Foto: Klöpfer
26.10.2018 - 00:00 Uhr
Bühl (urs) - Einige ihrer Bücher tragen so wundersame Namen wie "Die Nutzlosigkeit des Eiffelturms" oder "Haus ohne Augenbrauen". Die Rede ist von Ursula Muscheler, promovierte und praktizierende Architektin aus Düsseldorf und Autorin erzählender Sachbücher. Am Mittwochabend, dem Tag der Bibliotheken, war sie im Rahmen der Oberrheinischen Architekturtage in der Bühler Mediathek zu Gast.

Die Lesung erfolgte in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Bühl. Architekturgeschichte muss nicht zwangsläufig trocken sein. Muscheler erzählte kurzweilig und kenntnisreich von Bauherren und Architekten, die Neues wagten und gespaltene Reaktionen ihrer Zeitgenossen ernteten. Vielleicht wäre es schön gewesen, wenn die Architektin auch noch ein wenig mehr aus ihrem Berufsleben geplaudert hätte, aber auch so bildeten die Auszüge aus "Haus ohne Augenbrauen - Architekturgeschichte aus dem 20. Jahrhundert" eine erfrischende Lektüre für jene, die sich mit Architektur und Kunst beschäftigen.

Sympathisch kommt sie rüber, die dunkel gekleidete Dame, die nicht lange fackelt und nach kurzer Begrüßung sogleich loslegt. Zuvor hatte Sonja Kropp, die Leiterin der Mediathek, versprochen: "Das Buch ist ein absoluter Genuss". Das neue Bauen im 20. Jahrhundert war von Ideen wie Gartenstädte, Arbeitersiedlungen oder Kollektivhäusern geprägt. Drei Projekte aus ihrem Buch griff Muscheler heraus, die sie unterhaltsam vorstellte und mit einer losen Dia-Folge untermalte. "Viele dieser Bauten sind bis heute bekannt und ein Teil der Architekturgeschichte", erzählte die Autorin zum Einstieg.

Erstes Beispiel war das Looshaus, 1909 gebaut von Adolf Loos in Wien. Es gilt heute als eines der zentralen Bauwerke der Wiener Moderne, hatte aber in seiner Entstehungsphase für Entsetzen gesorgt. "Ein schlichter Zweckbau, ohne erkennbare Fassade, keine damals üblichen Fensterverdachungen. Die Wiener und die Fachpresse waren sprachlos", erzählte die Architektin. Aufgrund des Verzichts auf die damals übliche Umrahmung der Fenster nannte es ein Kritiker "Haus ohne Augenbrauen".

Teilweise auch amüsant ging der Streifzug durch die Architekturgeschichte weiter. Die "Siedlung für jedermann" - die Siedlung Braunheim in Frankfurt" mit knapp 1500 Wohnungen, die 1926 bis 1929 errichtet wurde, stand des Weiteren im Mittelpunkt. "Ein neues Wohnen und ein neuer Lebensstil sollten in der Stadt einziehen", schilderte die Architektin. So ernannte der Frankfurter OB Ludwig Landmann 1925 Ernst May als Stadtbaurat. Die junge Architektin Margarete Schütte-Lihotzky wurde mit ins Boot geholt, sie erfand die "Frankfurter Küche". Muscheler erntete einige Lacher, als sie schilderte, wie diese eine völlig neuartige Küche konzipieren wollte: "Sie stoppte die einzelnen Arbeitsschritte und -wege mit der Stoppuhr, um die Abläufe zeitlich und räumlich zu optimieren."

Muschelers Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts in "Haus ohne Augenbrauen" (das Buch erschien 2007) beförderte noch eine Reihe anderer kurioser Begebenheiten grenzenloser Fantasie zutage. So kam die Autorin auch auf den Nakagin-Kapselturm in Tokio zu sprechen, entworfen 1972 von Kisho Kurokawa: "Von außen wirkt er wie ein Turm aus gestapelten Waschmaschinen oder Zuckerwürfeln." Heute steht das Bauwerk mit den kapselförmigen Miniwohnungen unter Denkmalschutz.

Fazit der Autorin: "Diese gebauten Manifeste haben gezeigt, dass erst im Nachdenken über die Welt und die Möglichkeit, sie zu verändern, sich die Freiheit des Menschen verwirklicht."

Eine Frage und Diskussionsrunde über den sozialen Wohnungsbau und die Verdrängung finanzschwacher Mieter durch Luxussanierungen schloss sich an. Wohnraum ist teuer geworden, Muscheler prophezeite eine Entwicklung, die wieder zu kleineren Wohneinheiten führen wird.

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