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Das letzte Kapitel ist beendet
30.10.2018 - 00:00 Uhr
Von Gerold Hammes

Bühl - Sein Berufsleben ist derart publikumsintensiv, abwechslungsreich und von Wohnortwechseln geprägt, dass er selbst eine Autobiografie schreiben könnte. So aber hat sich Wilhelm Ullmann auf die Schreibkunst anderer Autoren verlassen. Tausende Bücher hat der 76-Jährige sprichwörtlich "verschlungen". Am Mittwoch um 13 Uhr schlägt er in eigener Sache das letzte Kapitel zu: Nach 33 Jahren drehen er und seine Ehefrau Bettina Tietze-Ullmann in ihrer gleichnamigen Buchhandlung für immer den Schlüssel rum.

Seine Gefühle, die ihn umtreiben werden, vermag er bereits einigermaßen einzuschätzen. Wehmut auf alle Fälle, aber auch Dankbarkeit für 33 erfüllte Berufsjahre mit vielen interessanten Kundenkontakten. Andererseits verspürt er auch Erleichterung, endlich einmal kürzer treten zu können und nicht mehr den betriebswirtschaftlichen Druck und die Präsenzpflicht zu spüren.

Wilhelm Ullmann ist aufgewachsen in Bremen. Im Krieg galt die bedeutende Hafen- und Werftenstadt als höchst interessantes Ziel alliierter Bombergeschwader. Die Familie wurde nach Dresden evakuiert, wo Wilhelm Ullmann 1942 das Licht der Welt erblickte. Ausgerechnet in jene Stadt also, die im Februar 1945 in Schutt und Asche versinken sollte. Danach ging es wieder zurück nach Bremen und 1955 schließlich nach Freiburg. In der Breisgaumetropole begann Ullmann eine Ausbildung zum Buchhändler.

Lesen war für ihn weniger Hobby, sondern pure Leidenschaft. "Ich habe gelesen wie ein Weltmeister", erinnert er sich, "und ich war einer der besten Kunden bei den damaligen Buchhändlern. In jungen Jahren "zog" er sich annähernd 50 Karl-May-Bände rein, aber auch Jules Verne ("In 80 Tagen um die Welt") gehörte zu seinen Lieblingsautoren. Später wurden es Thomas Mann, Johann Wolfgang von Goethe, Vladimir Nabokov oder Halldor Laxness.

In den politisch wilden 68er Jahren wechselte er zum Warenhaus Hertie. Seine Belesenheit und das daraus resultierende Gespür für die richtige Einkaufspolitik sprach sich schnell herum, so dass er in Flensburg und später in Frankfurt zum Abteilungsleiter und Einkäufer aufstieg.

Das Jahr 1984 markierte eine weitere berufliche Zäsur: den Einstieg in die Selbstständigkeit. Eine Abfindung legte den Grundstock für den Kauf der Buchhandlung Konkordia in der Eisenbahnstraße 33, von der sich der damalige Verlag mit Druckerei trennte. Im gleichen Jahr heiratete er "nach zehn Jahren wilder Ehe" seine damalige Freundin Bettina Tietze, eine gebürtige Leipzigerin und ebenfalls Buchhändlerin, die er in Frankfurt kennengelernt hatte.

Beide verband auch die Sympathie zu ihrem politischen Vorbild Willy Brandt und dessen Friedens- und Ostpolitik. Das war vor über 40 Jahren. Und wie beurteilt Ullmann heute sein Verhältnis zu den Genossen? "Puh", stockt er kurz, "sehr, sehr schwierig."

Soziale Komponente nie aus Augen verloren

Bettina Tietze-Ullmann ließ sich in der Bühler Kommunalpolitik in die Pflicht nehmen, war 19 Jahre lang Stadt- und zehn Jahre Kreisrätin, stets bemüht, neben den "harten" Themen wie Ausweisung von Gewerbeflächen oder der Söllinger Konversion auch den sozialen und ökologischen Ausgleich nicht aus den Augen zu verlieren. Gesellschaftlich engagiert war und ist auch ihr Ehemann, der nach dem Tod von SPD-Urgestein Heinz Ziegler den Vorsitz des Ortsvereins Bühl der Arbeiterwohlfahrt übernahm.

Mit der Aufgabe der Buchhandlug Ullmann ist für die 62-jährige Gattin der Rückzug aufs Altenteil aber noch nicht besiegelt. Sie war auch für den gesamten Einkauf und die Schaufenstergestaltung zuständig und wechselt, wie auch die beiden übrigen Mitarbeiterinnen Melanie Braun und Sarah Schneegaß, in die Buchhandlung Osiander, die am Freitag in der Hauptstraße 52 (ehemals Schuh-Frank) eine weitere von über 50 bundesweiten Filialen eröffnen wird.

Den Kontakt für den Verkauf von Ullmann an Osiander stellte der gebürtige Bühler Hubert Klöpfer her, der in Tübingen einen Verlag betreibt. Die Universitätsstadt am Neckar ist zugleich der Stammsitz von Osiander. In Bühl gibt es mit der "Leseinsel" in der Poststraße" im Übrigen noch einen zweiten Buchladen.

Und wie beurteilt Ullmann die Zukunft von Buchhandlungen im Online-Zeitalter? "Es wird auf alle Fälle schwieriger", sagt er voraus, "aber einen Abgesang wird es auch nicht geben." Er räumt auch mit dem immer noch weit verbreiteten Irrglauben auf, wonach eine Internetbestellung preiswerter sei. Das verhindere schon die Buchpreisbindung in Deutschland.

Morgen also wird das letzte Kapitel der Buchhandlung Ullmann geschrieben. Der Bestand von aktuell 6 400 Büchern wird in Transporter verladen und in die Hauptstraße gebracht, wo er das Osiander-Angebot ergänzen wird.

Ullmann blickt zufrieden zurück; auch im Wissen, dass in Bühl weiterhin eifrig gelesen werden kann und er zusammen mit seiner Ehefrau in 33 Jahren 22 junge Frauen zu Buchhändlerinnen ausgebildet hat.

Bettina Tietze-Ullmann weiß ihre Gefühle noch nichtig einzuschätzen: "Die kommen vermutlich erst beim Auszug." Ihr Ehemann sagt kurz und knapp und ohne größeren Pathos: "Schöne Jahre waren es!"

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