http://www.ausbildungsmesse-baden-baden.de/
Panikverkauf nach der Pogromnacht
09.11.2018 - 00:00 Uhr
Von Günther Mohr

Bühl - Das Haus Poststraße 2 in Bühl hat eine Geschichte, von der kaum ein Bürger weiß. Der Historiker Günther Mohr ist den Spuren nachgegangen und schildert das bewegende Schicksal von Melanie Wertheimer und Siegfried Goldstein, die im Dritten Reich deportiert wurden.

Zwei Töchter hatten der Getreidehändler Gustav Wertheimer und seine Frau Hermine: Rosalia kam 1877 zur Welt, Melanie 1880. Hermine, in Bruchsal geboren, wurde in Bühl "der Engel" genannt - vermutlich wegen ihrer Stimme, aber vielleicht hatte sie auch etwas an sich, das sie aus dem Alltag heraushob.

Rosalia, die ältere Tochter, scheute sich nicht vor einem Publikum. Mit 16 Jahren trat sie als Sängerin bei einem Konzert auf, das der Frauenverein veranstaltete. "Allerliebst" sei ihr Vortrag gewesen, schrieb eine Zeitung und pries ihre "vielversprechende, schöne und bei ihrer Jugend selten volle Stimme". 1899 gab sie wieder ein Konzert: Diesmal wurde sie als Schülerin eines Kammersängers in Karlsruhe angekündigt, jetzt mit dem wohl als moderner angesehenen Vornamen Rosa.

Eine große Karriere folgte nicht. Sie ließ sich als Gesangslehrerin in Bühl nieder, und starb schon im Oktober 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges, mit 41 Jahren.

Beide Schwestern waren im Elternhaus in der Poststraße aufgewachsen. Die Mutter starb 1906, der Vater 1934. Melanie Wertheimer zog danach ins Obergeschoss, die Räume darunter vermietete sie. Die Einnahmen dürften eine große Hilfe für sie gewesen sein, zählte sie doch zu den "Ortsarmen". Aus der "Marum Wolf und Benedikt Wertheimer Holzstiftung", aus deren Zinsertrag arme Juden unterstützt wurden, erhielt sie 1934 einen Zentner Brikett und 20 Bündel Holz.

Der Stadtrat billigte nach der Machtübernahme der Nazis eine kleine Unterstützung, entsprechend der Rechtslage. Sie musste die Liegenschaft jedoch verpfänden. Und was Juden an Beihilfen für Lebensmittel erhielten, war zurückzahlen. Bis 1940 erhöhte sich so die Verschuldung Melanie Wertheimers bei der Stadt Bühl auf 2 000 Reichsmark.

Das Haus in der Poststraße 2 hatte noch einen weiteren jüdischen Bewohner: Siegfried Goldstein. Das Paar lebte im Haus mit nichtjüdischen Mitbewohnern und nichtjüdischen Nachbarn - zu einer Zeit, in der Juden zunehmend ausgegrenzt und verfolgt wurden.

Ausweisung aus

dem Elsass

Siegfried Goldsteins Leben hatte seine Wende zum Schlechten 1918 genommen - am Ende des Ersten Weltkriegs. Er war 1880 in Mülhausen (Mulhouse) geboren - im "Reichsprotektorat Elsass-Lothringen". Sein Vater und er wurden nach der Niederlage Deutschlands ausgewiesen. Das väterliche Geschäft im Wert von 200 000 Reichsmark sei damit verloren gegangen, schilderte er 1938.

Er selbst habe als Freiwilliger bei einem Berliner Garderegiment gedient, später bei einem Regiment in Hamburg. Nach dem Krieg war er bei einer Behörde angestellt, dann als Abteilungsleiter in der Firma eines jüdischen Einwohners. 1929, in der Krise der Weltwirtschaft, wurde er berufsunfähig. Danach musste er sein Leben mühsam mit einer monatlichen Rente von 50 Mark fristen.

Feindschaft

gegen Juden

In der Stadtverwaltung Bühl war man nicht erfreut über die Anwesenheit Goldsteins. Bürgermeister Ewald vermerkte: "Wie konnte die Polizei überhaupt die Anmeldung dieses Juden entgegennehmen?" Er war der Ansicht, dass Goldstein zurück an seinen früheren Wohnort müsse.

Siegfried Goldstein war in einer schwierigen Lage. Er räumte ein, dass er sich im Krieg zweimal von seiner Einheit entfernt hatte; dafür sei er mit zehn Monaten Militärgefängnis bestraft worden. Sein Verhalten rechtfertigte er so: Die Feindschaft gegen Juden im Militär habe ihm das "Leben zur Hölle" gemacht. Und dass er als Zechpreller mit vier Monaten und drei Wochen Gefängnis bestraft worden sei, dem alles setzte er die Verdienste seiner Familie entgegen, sei sein Vater doch der erste jüdische Kaufmann gewesen, der sich nach 1881 in Mülhausen niedergelassen habe. Jener sei überaus deutsch gesinnt gewesen, habe im Krieg 1870/71 eine Tapferkeitsmedaille erhalten und im Elsass das Deutschtum propagiert.

Bürgermeister Ewald beharrte jedoch darauf, dass Goldstein kein Aufenthaltsrecht in Bühl habe. Goldstein berief sich indes auf eine Auskunft des früheren Bürgermeisters Grüninger, der nun als Rechtsanwalt arbeitete, dass es kein Gesetz gebe, das seinen Zuzug verhindere. Die Anregung Ewalds, mit Melanie Wertheimer nach der Verlobung nach Palästina auszuwandern, ziehe er in Betracht. Der Schultes beurteilte das Verhalten Goldsteins als "anmaßend und frech" und drohte, die Einweisung in ein Konzentrationslager zu beantragen. Es lägen ihm Briefe vor, die Goldstein "als einen ganz üblen Vertreter der jüdischen Rasse kennzeichnen". Goldsteins Lebensgrundlage sei völlig unzureichend - trotz der Unterstützung durch Melanie Wertheimer und deren Verwandte. Die Kommune würde belastet, wenn er bei Wegfall dieser Unterstützung Anspruch auf öffentliche Fürsorge erhebe.

Der NS-Landeskommissar in Karlsruhe, der sich mit dem Konflikt befasste, widersprach allerdings dem Bühler Bürgermeister. Er sei für die Entscheidung über das Wohnrecht Goldsteins gar nicht zuständig, sondern das Bezirksamt. Zudem beanspruche Goldstein keine Fürsorge. Das Bezirksamt entschied im September 1938: Goldsteins Aufenthalt in Bühl könne nicht verhindert werden.

Inzwischen hatte der Konflikt noch eine andere Dimension erhalten: Melanie Wertheimer suchte bei der Stadt um einen Kredit für "Schönheitsarbeiten" an ihrem Haus nach. Für das Rathaus war das interessant: Das Haus, bereits als Pfand eingesetzt, könnte so bei Melanie Wertheimers armseligen Verhältnissen in den Besitz der Stadt übergehen.

Am 14. November 1938, vier Tage nach dem Brand der Synagoge auch in Bühl und den Angriffen auf jüdische Einwohner in Deutschland, schloss Melanie Wertheimer einen Kaufvertrag mit einem Ehepaar, das zwei Häuser weiter in der Poststraße wohnte. Sie behielt sich das Wohnrecht in einem Zimmer im Dachgeschoss vor. Der Käufer übernahm ihre Schulden aus den Hypotheken, auch die bei der Stadt, insgesamt 4 150 Reichsmark, zusätzlich die bisher unbezahlten Zinsen. Die Stadt Bühl hatte inzwischen den Verkehrswert des Hauses, den geschätzte Wert bei einem eventuellen Verkauf, mit 12 000 Reichsmark angesetzt.

Schwierigkeiten entstanden, Melanie Wertheimer kamen Bedenken. Sie schrieb im Frühjahr 1939: Von 25 Mark Rente könne sie nicht leben, sie sei auf ihre Mieteinnahmen angewiesen. Sie habe im November 1938 zu rasch gehandelt, weil sie "während der Judenaktion im letzten Herbst bedrängt" worden sei und sich so geängstigt habe".

"Mehr oder weniger überrumpelt"

Der Bürgermeister wandte sich an den Landrat und bemängelte den zu niedrigen Kaufpreis. Die erforderlichen Reparaturen und das Wohnrecht drückten den Wert des Hauses, aber 8 000 Mark seien dennoch angemessen. Der Käufer habe auch gar nicht die erforderlichen Mittel für den Unterhalt des Hauses und die Zahlung der Steuern. Er äußerte sich ähnlich wie Melanie Wertheimer: Der Kaufbewerber habe sie im November 1938 "mehr oder weniger" überrumpelt. Er befürwortete einen Verkauf zu einem höheren Preis, und zwar an die staatlich kontrollierte Vertretung der jüdischen Einwohner in Baden, die könne dann die Lebenshaltungskosten für Melanie Wertheimer übernehmen. Auch die NS-Kreisleitung war gegen den Verkauf. Der Käufer habe Druck ausgeübt, und es drohe, dass die öffentliche Fürsorge für Melanie Wertheimer einspringen müsse.

Der Käufer beschwerte sich beim Ministerium in Karlsruhe. Die Finanzierung des Kaufes sei gesichert, sein Bruder habe sie übernommen. "Auf jüdische Manier" habe die Verkäuferin fälschlich behauptet, er verzichte auf den Kauf. "Diese Jüdin" bewohne fünf Zimmer, während sie doch nur eines brauche. Er hatte jedoch keinen Erfolg. Das Ministerium untersagte den Verkauf.

Goldstein wandte sich an einen anderen Nachbarn, er solle mit Melanie Wertheimer verhandeln. Diese erhöhte ihre Preisvorstellung auf 15 000 Mark mit dem Hinweis, sie habe noch einen anderen Interessenten. Dem Nachbar gegenüber pries Goldstein das Haus an: Es sei besonders stabil erbaut. Im August 1940 teilte er noch etwas - vertraulich - mit: Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Bühl, der Viehhändler Roos, könne sich einschalten. Man müsse zum Abschluss kommen. Am 21. Oktober, am letzten Tag vor der Deportation der jüdischen Menschen aus Baden und der Pfalz nach Gurs im Südwesten Frankreichs, wurde der Vertrag geschlossen, zum Kaufpreis von 10 000 Reichsmark.

1948 begann die Restitution, der Ausgleich für die Vermögensverluste, die jüdische Menschen in Deutschland erleiden mussten. Ein Neffe und eine Nichte von Melanie Wertheimer verlangten die Rückgabe des Hauses Poststraße 2. Der Käufer von 1940 beteuerte: Alles sei "im Einvernehmen und mit Billigung des damaligen Vorstehers der hiesigen Glaubensgemeinde" geschehen. Melanie Wertheimer habe sich mit dem erzielten Kaufpreis in ein jüdisches Altersheim einkaufen wollen. Alles sei "zwanglos mit völliger Gleichberechtigung" geschehen. Und 1952, im Zuge weiterer Auseinandersetzungen, beteuerte er: Das Restitutionsverfahren sei "ehrenrührig". Er habe "niemals irgendjemanden beraubt". Schließlich entschied das Landgericht Baden-Baden: Es billigte einen Vergleich zwischen den Erben von Melanie Wertheimer und dem Käufer. Er war zu einer Nachzahlung von 4 000 Mark bereit.

In die "Vorhölle

von Auschwitz"

Melanie Wertheimer hatte keinen Nutzen aus dem Verkauf ihres Hauses ziehen können. Sie und Siegfried Goldstein waren wie die anderen jüdischen Einwohner nach ihrer Deportation in Bühl aus der Öffentlichkeit verschwunden. Was nach Abzug ihrer Schulden noch vorhanden war, das zog der NS-Staat an sich.

Melanie Wertheimer ließ ihr Leben am 4. Januar 1941 - eine Folge der elenden Verhältnisse im Lager Gurs, das oft als "Vorhölle von Auschwitz" bezeichnet wurde. Am 15. Februar starb Siegfried Goldstein. In Gurs stehen ihre Grabsteine. In Bühl erinnern die Gräber von Gustav, Hermine und Rosalia Wertheimer an die Familie. Von den Vorgängen um das Haus in der Poststraße ist vieles ungewiss, vieles erschreckend.

Zu Siegfried Goldstein bleibt anzumerken: Wir verurteilen heute nicht mehr einfach Menschen, die unsinnigen Kriegen davonlaufen, und Antisemitismus existierte gerade im Militär. Welche Rolle spielten seine eigenen Interessen, wenn er auf den Verkauf des Hauses drängte? Nutzte oder schadete sein Vorgehen Melanie Wertheimer? Vor seinem Schicksal verlieren diese Fragen an Bedeutung.

Einfach zu beurteilen ist das Verhalten von Bürgermeister Ewald. Die Notlage der jüdischen Einwohner schien ihn nicht zu interessieren, er stellte das Interesse der Stadt in den Vordergrund. Seine Feindseligkeit gegen jüdische Menschen ist überdeutlich. Und die kaufinteressierten Nachbarn - wollten sie die Notlage Melanie Wertheimers ausnutzen? Und: Wie gute Nachbarn wären wir gewesen?

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Baden-Baden
Brücke geschlagen zwischen den Menschen

30.11.2018
Positives Resümee des Les-Projekts
Baden-Baden (up) - Das Projekt "Baden-Baden liest ein Buch" ist mit einer Abschlussveranstaltung in der Stadtbibliothek zu Ende gegangen. Die Initiatorinnen (Foto: Philipp) zogen eine positive Bilanz. Das Projekt habe Brücken geschlagen zwischen den Menschen in der Kurstadt, hieß es. »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
Umfrage

Vor fünf Jahren wurde der Mindestlohn eingeführt. Seit diesem Jahr beträgt er 9,19 Euro. Ist das Ihrer Meinung nach gerecht?

Ja.
Nein.
Das weiß ich nicht.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1