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Kaltes und berechnendes Gewinnstreben
Kaltes und berechnendes Gewinnstreben
09.11.2018 - 00:00 Uhr
Bühl (bgt) - Der Zusammenbruch der Investmentbank "Lehman Brothers" 2008 in den USA hat bekanntermaßen die Finanzmärkte weltweit erschüttert. Und er hatte vor allem eines offenbart: Die Dimension waghalsiger Risikobereitschaft aus schierer Profitgier. Eine dramaturgisch dankbare Thematik, die den italienischen Autor, Regisseur und Schauspieler Stefano Massini 2015 zu seinem Stück "Lehman Brothers" inspirierte, und das schließlich als bestes Theaterstück des Jahres ausgezeichnet wurde.

Flugs landete das Erfolgsstück auch auf deutschen Bühnen, und am Mittwochabend gastierte die a.gon Theater GmbH aus München mit "Lehman Brothers - Aufstieg und Fall einer Dynastie" im Bürgerhaus Neuer Markt. Darin geht es um den phänomenalen Aufstieg der drei deutschen Lehmann-Brüder, der vor 150 Jahren in einem kleinen Dorf bei Würzburg seinen Anfang nahm. Henry, Emmanuel und Mayer Lehman verstehen es grandios, Geschäfte zu machen. Dieser Geschäftssinn führt sie vom Tuchwarenhandel in Montgomery, Alabama, bis zur Gründung einer Bank, und sie schaffen es schließlich, sich in die höchsten Kreise der New Yorker Finanzwelt zu katapultieren.

Eine Schlüsselszene des Stücks, die für das emotionslose, kalte und berechnende Gewinnstreben steht, ist die Liste, die Philip Lehman, ein Spross der zweiten Generation, anlegt, um eine geeignete Frau zu finden. Von 200 zu vergebenden Pluspunkten nimmt er letztendlich diejenige, die mit 160 Punkten seinem Ideal am nächsten kommt.

Massini gelingt diese Darstellung einer Familienchronologie mit einer genialen Mischung aus Spielszenen und narrativen Elementen, indem er die Schauspieler sowohl in gänzlich unterschiedliche Rollen schlüpfen und sie gleichzeitig in stetem Wechsel als Erzähler agieren lässt. In fast atemloser Abfolge werden die Stationen des Aufstiegs der Familie skizziert (Bau der Eisenbahn und des Panamakanals, Gründung der Börse, Automobilbau, Ölförderung), wobei die Akteure buchstäblich alle Hände voll zu t un haben.

Denn sie spielen oder erzählen nicht nur, sie schieben und verschieben auch kurzerhand die Bühnenelemente, arrangieren die Requisiten, sie be- und entkleiden sich, tauschen ihre Vollbärte mit dem Zylinder, wechseln erneut das Kostüm, kurz: Regisseur Johannes Pfeifer hält seine Truppe von fünf Schauspielern und einer Schauspielerin beständig auf Trab.

Und jedem von ihnen gebührt großes Lob: Oliver Severin, Paul Kaiser, Nikola Norgauer, Konstantin Gerlach, Wolfgang Mondon und Sebastian Gerasch fühlen sich einer vorbildlichen Artikulation verpflichtet. Angesichts einer vermehrt nuschelnden und hastigen Aussprache von Schauspielern in Film und Fernsehen, ist es ein reines Vergnügen, einmal wieder jedes Wort zu verstehen.

Nicht nur deswegen spendete das Publikum im voll besetzten Bürgerhaus frenetischen Beifall. Denn in der Summe ist "Lehman Brothers" ein spannendes, buntes Spektakel voller dramatischer, lustiger und skurriler Impressionen aus dem Leben einer Familiendynastie, die sich vor allem einem Ziel verschrieben hatte: Gewinn zu machen - und wie genau das in den Abgrund führen kann.

Irgendwie bleibt am Ende ein flaues Gefühl. Denn trotz des Zusammenbruchs von "Lehman Brothers" hat sich im Grunde wenig geändert. Die Kasino-Mentalität der Banken besteht noch immer.

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