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Furioser Disput über "Kunst" und Freundschaft
Furioser Disput über 'Kunst' und Freundschaft
23.01.2019 - 00:00 Uhr
Bühl (urs) - Drei Kerle auf einem weißen Sofa, feixend, weinend, triumphierend, niedergeschlagen, wütend - dann wieder ein Ballett aus Schweigen, Pausen und gekränkten Blicken. "Kunst" heißt die Komödie der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza.

Und es ist eine! Denn es geht in "Kunst" nicht nur um Kunst. Es geht um eine Welt, die Freundschaft, Liebe und Vertrauen ins Chaos stürzt, ja die Brüchigkeit aller menschlichen Verhältnisse ins Wanken bringt.

Auslöser ist eine weiße Fläche von 1,20 mal 1,60 Meter, die Kunstliebhaber Serge für 200 000 Francs gekauft hat. "Für diese Scheiße hast du so viel Geld bezahlt?" brüllt ein grandios spielender Leonard Lansink von der Bühne herunter, dass das Publikum im Bürgerhaus Neuer Markt am Montagabend schlichtweg zusammenzuckt.

Da denkt man, man kenne seine ältesten Freunde so gut, dass sie einen nicht mehr schockieren können - und dann das: Serge kauft sich ein Bild. Für sehr viel Geld. Für wirklich viel Geld. Aber nicht etwa einen Picasso oder irgendetwas anderes, das sich unbestreitbar als Kunstwerk erkennen ließe. Nein: Serge kauft sich ein weißes Bild mit weißen Streifen und hält es für Kunst.

Sein Kumpel Marc hingegen hält es für "eine Scheiße". Bevor die beiden sich darüber in die Haare kriegen, soll der gemeinsame Freund Yvan vermitteln und bei dem Streit zwischen den Freunden klar Position beziehen. Da ist es natürlich wenig hilfreich, dass Yvan beiden Zugeständnisse macht und die Lage damit verschlimmbessert. Für Marc bleibt das Bild "eine Scheiße", für Yvan ist es "eine Scheiße mit einem Gedanken dahinter", für Serge bleibt es Kunst.

Serge hält Marc für humorlos, Marc hält Serge für snobistisch und Yvan hat Angst vor der eigenen Hochzeit.

Auf ihre unvergleichliche Weise bot Yasmin Reza mit ihrem Stück - es wurde 1994 in Paris uraufgeführt und schnell zu einem Welterfolg - Einblicke in ein komplexes Beziehungsgeflecht von drei sehr unterschiedlichen Charakteren, die zwar eng miteinander verbunden sind, aber dennoch mit eigenen Problemen zu kämpfen haben.

Die Besetzung ist ein echter Glücksgriff: Ein grandioser Leonard Lansink als grantelnder Realist Marc, ein großartiger Luc Feit als spleeniger Kunstliebhaber Serge und Heinrich Schafmeister als chaotisch-liebenswerter Yvan, dem die Rolle geradezu auf den Leib geschrieben zu sein schien. So schaffen es die drei bekannten Darsteller mit einer unglaublichen breiten Palette von Emotionen, Mimik und hinreißendem Slapstick die Besucher von der ersten Sekunde an in ihren Bann zu ziehen - von einem wunderbaren Text und witzigen Dialogen getragen ("Du sprichst nur deshalb von Paula, einer Frau, die mein Leben teilt, in diesen unerträglichen Worten, weil du die Art, wie sie den Zigarettenrauch verscheucht, missbil ligst?").

Bestechend und perfekt dazu: Die schlichte Bühne ganz in Weiß gehalten - weißes Sofa, weiße Wände (selbst Serge trägt einen weißen Anzug) und dazu ein weißer Paravent. Regisseur Fred Berndt lässt damit die drei Protagonisten in einem fast leeren Raum agieren und deutet nur mit gezielten Lichteffekten Orts- und Situationswechsel an. Das hat eine starke Wirkung!

Doch die Komödie "Kunst" reizt nicht nur zum Lachen; denn das Lachen selbst ist ebenfalls Thema des Stückes. "Wenn man mit einem Freund nicht mehr lachen kann, kommen die Differenzen ans Tageslicht, es gewinnt die Meinung die Oberhand und es gibt nichts mehr jenseits von ihr", erklärt Marc in seiner analysierenden, komplizierten Art. Doch wohin ist die vertraute Basis des Lachens verschwunden? Kann der Kauf eines Bildes die langjährige Freundschaft der Männer zerstören? So wird das schlichte weiße Bild nicht nur zum Katalysator eines turbulenten Konfliktstrudels, sondern bietet auch noch Auseinandersetzungen mit moderner Kunst. Jedoch kein Urteil! Doch eines ist auf jeden Fall sicher, bei "Kunst" gehört auf jeden Fall ganz große Schauspielkunst dazu.

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