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Ein Dahinschweben wie auf Wolke sieben
Ein Dahinschweben wie auf Wolke sieben
04.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Udo Barth

Bühl - Der britische Blues- und Soulpoet, Pianist und Liedermacher Paul Millns stieg nach drei Jahren mal wieder in die Tiefen des Schütte-Kellers, um mit seiner eindrucksvollen Stimme das Publikum mitzureißen. Mit im Gepäck hatte er viel neues Material seiner aktuellen CD "A little thunder".

Ein Kritikerkollege meinte einmal, dass es drei Dinge gebe, die ihn von Joe Cocker unterscheide: Erstens beherrscht Millns ein Instrument, zum Zweiten verfügt er über die hohe Kunst des Songwriting, und drittens wurde er nicht durch einen heißen Schrei berühmt.

In der Szene dagegen ist der sympathische Musiker so unbekannt nicht, trat er doch in seiner über Jahrzehnte andauernden Karriere schon mit Größen wie Eric Burdon oder Alexis Korner als Sideman auf. Dass er Engländer ist, merkt man ihm durch seinen typischen schrägen Humor an, mit dem er seine Songs ankündigt. Zum anderen hält er nicht mit seiner Meinung zur politischen Lage auf der Insel hinter dem Berg zurück, was schon damit anfängt, dass er den Abend mit seiner Band als Beitrag zum Brexit-Blues bezeichnet. Mit dem Bassisten Ingo Rau, dem Gitarristen Butch Coulter und mit Vladi Kempf am Schlagzeug hat er perfekte Kollegen mit nach Bühl gebracht.

So gibt es spannende Soli-Duette von E-Piano und akustischer Gitarre zu goutieren. Paul Millns auf den Blues zu reduzieren, wäre verfehlt, denn seine musikalische Bandbreite reicht - und hier erinnert er an Van Morrison - von Soul über Rhythm'n'Blues bis hin zur Singer-Songwriter-Tradition.

Wie er listig anmerkt, ist in seinen Songs viel von Alkohol die Rede, vorsorglich bringt er gleich mal eine Fläschchen Gerstensaft mit auf die Bühne. "Distillery Street" umweht den morbiden Charme eines Tom Waits. "City Boy" widmet Millns London, einer Stadt, die "very fuckin' expansive" sei, wie er mit seinem galligen Humor anmerkt.

Dass es in seiner Heimat durchaus feucht zugeht, beschreibt er in "Before the rain rolls in", einer seelenvollen Ballade, die seine Stimmqualität voll zur Geltung bringt. Wenn dann bei "Lucky Joe" Butch Coulter gekonnt zur Blues-Harp greift, ist Zwischenapplaus unumgänglich. Desgleichen passiert bei der Ballade "The only dance that matters", bei der Ingo Rau, sonst überwiegend am Fretless Bass für den nötigen Unterbau sorgend, zum Akkordeon greift, um ihm zärtliche Töne zu entlocken. "Wenn die Zeit nicht mehr der sorglose Freund unserer Liebe ist, wenn der Spiegel Risse bekommt und zu zerbrechen droht, dann werden wir weitermachen und uns wiegen zum einzigen Tanz, der zählt", heißt es darin.

Es ist wahrlich ein Song zum Dahinschmelzen. Ja, die Lieder von Paul Millns sind Kostbarkeiten auch der Poesie, sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, das Lebendige, aber auch auf das, was sich im hektischen Getriebe des Alltags zu verlieren droht.

Millns kommt es vor allem auf Emotionalität an, dass dabei diese auf ungemeine Musikalität trifft, ist ein Glücksfall für die Zuhörer im voll besetzten Keller der guten Töne. Beim Titelsong der mittlerweile neunzehnten Scheibe des Künstlers denkt man ob seines Vibrato in der Stimme unvermittelt an Roger Chapman, aber wie auch immer, Paul Millns bleibt ganz bei sich selbst in der Musiklandschaft, mit ganz eigenem Charisma und Songwriting schafft er immer wieder Höhepunkt auf Höhepunkt.

Schlagzeuger Vladi Kempf arbeitet viel mit Besen an seinen Becken, kann aber auch kräftig den Fellen eins draufgeben, was bei seiner solistischen Glanzleistung bei der ersten, frenetisch eingeforderten Zugabe deutlich wird. Und wie kann es anders sein - ein Liebeslied sorgt ganz zum Schluss für ein Dahinschweben wie auf Wolke Sieben.

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