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Körperliche Auffälligkeit bedeutete den Tod
16.02.2019 - 00:00 Uhr
Von Adalbert Metzinger

Bühlertal - Vor 80 Jahren, am 13. Februar 1939, erblickte Jürgen Strein in Schiltach im Kinzigtal das Licht der Welt. Seine Mutter war eine geborene Bühlertälerin, sein Vater hatte auf dem Bühlertäler Rathaus gearbeitet. Ihr Sohn durfte nur drei Jahre leben. Er starb im August 1942 in Freiburg als Opfer der Kinder-"Euthanasie" im Dritten Reich.

Seine Mutter Camilla Hörth, 1907 geboren, war nach der Volksschule in der elterlichen Gärtnerei Hörth in der Gartenstraße im Untertal tätig. Sie lernte den aus dem Odenwald stammenden Otto Strein kennen, der in der Verwaltung auf dem Bühlertäler Rathaus arbeitete. Nach der Heirat zog das Ehepaar 1938 nach Gutach, wo Otto Strein als Verwaltungssekretär auf dem Rathaus angestellt war.

Ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes kam Tochter Gudrun zur Welt. 1941 zog die Familie nach Schiltach, da Strein im dortigen Rathaus eine neue berufliche Aufgabe als Stadtrechner antrat.

Jürgen, von seiner Schwester als munteres und unbeschwertes Kind beschrieben, litt an einer angeborenen Fehlbildung der Lippen- und Kieferpartie, der sogenannten Gaumenspalte. Diese körperliche Auffälligkeit bedeutete im NS-Regime eine große Gefährdung für betroffene Kinder, denn in einem geheimen Runderlass des Reichsministeriums des Inneren vom 18. August 1939 - kurz vor Kriegsbeginn - wurden Hebammen und Ärzte an gynäkologischen Abteilungen von Krankenhäusern verpflichtet, körperliche Missbildungen dem zuständigen Gesundheitsamt anzuzeigen. Dabei galten auch "Spaltbildungen" am Kopf als meldepflichtig. Selbst Klumpfüße und Plattfüße bei Neugeborenen wurden von übereifrigen "Gehilfen in Weiß" gemeldet.

Der Schiltacher Historiker Dr. Hans Harter hat das Schicksal des dreijährigen Jürgen recherchiert. Demnach hatten die Eltern Ende August 1942 einen Termin an der Freiburger Universitätsklinik, da der bekannte Chirurg Hans Killian (1892-1982) die Gaumenspalte ihres Sohns durch eine Operation berichtigen wollte. Die Mutter sollte Jürgen aber nur ihm (Killian) überlassen und nicht, wie er gemahnt hatte, "fremden Ärzten".

Allerdings konnte Killian, der nach dem Krieg zwischen 1947 und 1949 als Direktor das Krankenhaus in Baden-Baden leitete, den festgesetzten Termin wegen anderen Verpflichtungen nicht wahrnehmen: Man versicherte der Mutter, ein "anderer fähiger Arzt" sei da. Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, sodass sie ihn in der chirurgischen Klinik beließ. Drei Tage später, am 30. August, wollte sie ihren Sohn im Krankenhaus abholen, doch eine Krankenschwester übergab ihr den Leichnam und sagte dazu etwas von "nicht aufhörenden Morden".

Die fassungslosen Eltern ließen daraufhin wegen der heimatlichen Verbundenheit der Mutter Jürgen im Grab seiner Großeltern auf dem Untertäler Friedhof beerdigen. Durch den unerwarteten Tod und die Äußerung der Krankenschwester vermuteten die Eltern, dass ihr Sohn absichtlich getötet wurde. Die Recherchen Harters ergaben, dass in der Universitätsklinik Freiburg keine Krankenakten vorliegen. Das Standesamt Freiburg gab im Sterbebuch "Gaumenspalte und Pneumonie" an.

Zur gezielten Tötung von kranken, behinderten und verhaltensauffälligen Kindern wurde im Rahmen der Kinder-"Euthanasie" Luminal eingesetzt, das zu einem unauffälligen Tod durch eine Lungenentzündung (Pneumonie) führte. Oft wurde den Kindern eine Überdosierung von Luminal in die Suppe oder die Milch gegeben. Oder eine Spritze verabreicht, wodurch der Tod in der Regel bereits nach wenigen Stunden eintrat.

Damit die Eltern den wahren Grund nicht erfahren sollten, erfanden die Ärzte zur Vertuschung neue Lügen und Tricks. Als Todesursache wurde den Angehörigen eine Begleitkrankheit wie Lungenentzündung angegeben.

Über 5 000 Kinder und



Jugendliche ermordet

Der im Nationalsozialismus organisierten Tötung durch Kinder-"Euthanasie" fielen mindestens 5 000 Heranwachsende bis zum Alter von 16 Jahren zum Opfer. Harter konnte in Erfahrung bringen, dass kurz vor Jürgens Tod zwei weitere Kinder im gleichen Krankenhaus ebenfalls an "Lungenentzündung" gestorben sein sollen.

Wenn Klinik-Ärzte die Tötung verweigerten, wurden SS-Ärzte abgeordnet, um die Spritzen zu setzen. Nach Angaben des Freiburger Universitätsarchivs hielten sich in der Freiburger Klinik phasenweise SS-Leute auf, deren Tätigkeit laut Harter nicht dokumentiert wurde.

Otto Strein, der Vater, starb bereits 1961. Seine Frau versuchte wohl, den Schmerz zu verbergen. Nach Aussage ihrer Enkelin war sie eine zurückhaltende und etwas kühl wirkende Person, die an Schuldgefühlen litt. In der Familie sei das traumatische Geschehen kaum angesprochen worden.

Gudrun Strein-Rogalski, die 2017 verstorbene Schwester von Jürgen, versuchte später die leidvolle Familiengeschichte durch Gespräche mit ihrer Tochter zumindest ansatzweise aufzuarbeiten. Durch eine Beschäftigung im Schiltacher Museum lernte sie den Historiker Hans Harter kennen, der in Zeitungsartikeln die Tötung des Jungen erstmals der Öffentlichkeit zugänglich machte.

Der Tod des kleinen Jürgen als Opfer der "rassenhygienischen Ausmerze" des NS-Regimes ist eine immerwährende Mahnung zur Wachsamkeit, damit sich ein solches Verbrechen niemals wiederholt.

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