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Der getriebene Radfahrer
Der getriebene Radfahrer
28.02.2019 - 00:00 Uhr
Bühl (mf) - "Ein nervöses Tänzeln der anwesenden Räder. Und schon hörte man das Einrasten der Radschuhe in die Klickpedale. Klack, klack, klack." Mitten in Freiburg startet eine Fahrt mit dem Rennrad durch Felder und Wiesen bis über den Grand Ballon und darüber hinaus. Viele Radfahrvereine führen solche Fahrten durch, aber noch nie hat jemand die Gefühle des Radfahrers, mitten im Peloton, im Windschatten, am Hinterrad des Vordermanns klebend, so faszinierend beschrieben wie Joachim Zelter. Am Dienstagabend war der Autor zu Gast in der Bühler Mediathek, um sein neuestes Buch "Im Feld" vorzustellen.

Zelter weiß, wovon er schreibt. Er ist ein leidenschaftlicher Radfahrer und kann das Geschehen präzise und intensiv beschreiben. Vor wenigen Tagen erhielt er den Preis der "LiteraTour Nord", mit dem sein bisheriges Werk, insbesondere jedoch der Roman "Im Feld" gewürdigt wurde.

Der gelehrte Schriftsteller, ein promovierter Literaturwissenschaftler und ehemaliger Yale-Dozent, ist Vielschreiber. Nahezu jedes Jahr erscheint ein Buch von ihm, darunter "Der Ministerpräsident". Verlegt werden sie im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer, der sich auf "Bücher fürs Denken und Lesen ohne Geländer" spezialisiert hat. Der aus Bühl stammende Verleger Hubert Klöpfer hat das bei früheren Veranstaltungen in der Mediathek immer wieder betont. Zelters Werk "Im Feld" passt wunderbar in diese Reihe.

"Roman einer Obsession" ist der Untertitel des Buches. Gerwig Epkes, Literaturredakteur des SWR und vor vier Wochen mit der SWR-Bestenliste in der Mediathek zu Gast, moderiert die Lesung. "Ist Radfahren eine Sucht?", fragt Epkes nach einer kurzen Vorstellung von Zelters Lebens- und Schreibgeschichte. "Ja sicher, es hat etwas Faszinierendes, es ist eine Obsession - auf die Natur, die Freude an der Technik, die Einheit von Mensch und Maschine", sagt Zelter und gesteht, dass die eigentliche Herausforderung sei, zwei Tage nicht zu fahren. Beim Schreiben sei das genauso. "Ich muss mich zusammenreißen, nicht zu schreiben."

Nun also ein Buch übers Radfahren. Epkes erkennt darin mehrere Bedeutungsebenen, ja eine Metapher für den gesellschaftlichen Leistungsdruck. Tatsächlich erinnert sich der Protagonist Frank Staiger am Berg, bei zunehmendem Puls, an berufliche Herausforderungen, auf die er sich bis zum Zusammenbruch eingelassen hatte. Zunächst geht der Ich-Erzähler den Leistungsdruck mit. Er liefert und fährt immer schneller, den Berg hoch und weiter. Das Peloton, ein geschmiertes Uhrwerk, ein Räderwerk. Doch jedes einzelne Teil, so nimmt er wahr, ist kurz vorm Bersten. Und da kommt ihm der Gedanke an ein Aufgeben, an ein unmerkliches Ausscheren aus der Gruppe. Staiger tut's nicht, er will nicht der Erste sein.

Zelter liest seine Geschichte mit Tempo und lässt die Zuhörer an den Gedanken des getriebenen, überforderten Radfahrers teilhaben. Das ist ungeheuer spannend und aufregend. Man spürt die Atemlosigkeit. Literaturexperte Epkes erkennt in diesem "Sound" eine Freude an der unglaublichen Arbeit, am Mit- und Durchhaltenkönnen. Zelter bestätigt das und weist auf die große Ambivalenz des Romans hin: "Es ist wie im Leben. Für einen erfolgreichen Menschen ist diese Leistungsgesellschaft wunderbar, aber wie ist das mit einem Arbeitslosen?"

Im Gespräch bewundert Epkes die dramaturgischen Schnitte des Romans. Kein Wunder, schließlich schreibt Zelter auch für die Bühne und lernt dabei viel von Dramaturgen und Regisseuren. "Vor allem das Kürzen", sagt er. Spürbar ist das in diesem außergewöhnlichen Roman, der sich mit 150 Seiten begnügt.

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