https://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/UnternehmenKarriereZusteller/index.html
"Ich gebe viel und bekomme auch viel zurück"
'Ich gebe viel und bekomme auch viel zurück'
09.04.2019 - 00:00 Uhr
Bühl - Etwa sieben Jahre lang verfügte der Verein Kimbondo um Wolfgang und Michaela Sauerbeck, der ein Straßen- und Waisenkinderheim bei Kinshasa unterstützt, über einen deutschen Ansprechpartner vor Ort, Jost Pieper. Dieser betreute als Entwicklungshelfer das Behindertenhaus Casa Patrick. Als er Ende 2017 seine Rückkehr nach Deutschland ankündigte, gelang es dem Bühler Ehepaar, die Italienerin Marta Battaini als Nachfolgerin zu gewinnen. Ihr Gehalt wird über Misereor finanziert. Mit Battaini sprach BT-Mitarbeiterin Katrin König.

BT: Frau Battaini, Sie sind für das Ehepaar Sauerbeck zur wichtigen Kontaktperson geworden und pflegen mit diesem einen regen Austausch. Auf welchem Weg kommunizieren Sie?

Marta Battaini: Vorrangig über WhatsApp, der leichteste und schnellste Weg der Kommunikation. So können wir uns mindestens einmal pro Woche unterhalten. Ich sende Sprachnachrichten, Texte, Fotos und Videos, um einen Eindruck vom Leben der Kinder oder auch von den Verbesserungen im Haus zu vermitteln. Wir schreiben aber auch E-Mails, wenn es um kompliziertere Angelegenheiten geht. Die moderne Technologie ist für uns wirklich ein Segen.

BT: Was bedeutet die Unterstützung durch den Bühler Verein für Sie?

Battaini: Sie ist enorm wichtig. Ich fühle mich geehrt, Vereinsmitglied zu sein und von der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungshilfe respektive Misereor bezahlt zu werden. Von Beginn an wurde ich sehr professionell begleitet. Ich finde großes Verständnis, auch mit Blick auf persönliche Bedürfnisse.

Interview

BT: Womit haben Sie sich in den ersten Monaten Ihrer Tätigkeit befasst?

Battaini: Ich bin Krankenschwester und habe an erster Stelle die Gesundheit der Kinder in den Fokus gerückt. Ich stellte fest, dass 70 Prozent der Behinderten mangelernährt waren. Das Essen für die Casa Patrick war weder ausreichend noch ausgewogen. Manche Kinder entwischten oft aus dem Haus, um sogar außerhalb des Heimgeländes nach etwas Essbarem zu suchen, und sei es im Müll. Das wiederum brachte uns Infektionen ein. Drei Kinder starben daran. Deshalb widmete ich mich zunächst der Ernährung und, in vielen Fällen, der Ernährungstherapie.

BT: Was muss aus Ihrer Sicht außerdem dringend verbessert werden?

Battaini: Aufgrund der geschilderten Lage haben wir mit der Unterstützung aus Bühl erreicht, dass die Casa Patrick eine eigene Küche und eine Köchin bekam. Die Kinder essen jetzt täglich recht gut und meist auch genug. Außerdem haben wir ein Projekt für mehr Sicherheit gestartet, und zwar über einen großen Zaun, und ein weiteres, um bestimmte Bereiche sauber zu halten, zum Beispiel den Spielraum. So wird verhindert, dass die Kinder sich dreckige Dinge in den Mund stecken.

BT: Wie ist der allgemeine Gesundheitszustand der Kinder?

Battaini: Sie sind immer anfällig, auch durch ihre Behinderungen; viele von ihnen leiden an Epilepsie oder Anämie. Außerdem ist dieser Teil des Kongos stark von Malaria betroffen. Momentan grassiert eine Infektionskrankheit in Kinshasa, die ihren Weg auch ins Heim fand. Im Zuge der besseren Ernährung spüren wir aber generell einen Rückgang der Infektionen oder jedenfalls einen besseren Verlauf. Auch die epileptischen Anfälle sind rückläufig.

BT: Seit langem gibt es Bemühungen, Kinder, deren Familien bekannt sind, wieder in Kontakt mit diesen zu bringen oder sogar eine Reintegration zu erreichen. Zeichnen sich Erfolge ab?

Battaini: Ja, aber leider nicht allzu viele. Manche Kinder gingen zurück zu ihren Familien und kehren ins Heim nur zur medikamentösen Behandlung zurück. Es gibt jeweils eine Person, die Kontakt zu den Familien hält und die Reintegration begleitet. Für die Familien ist es nicht immer einfach, ihre Kinder willkommen zu heißen. Oft wurden sie aus Armut von zu Hause weggeschickt, und an der hat sich ja nichts geändert. In anderen Fällen wurden Kinder aufgrund von Aberglauben ausgesetzt. Das gilt für die meisten Behinderten, in ihrer Vergangenheit oft Opfer von Gewalt und Missbrauch. Dann ist eine Rückkehr zu den Eltern natürlich fast unmöglich. Es gibt aber einige Familienmitglieder, die die Kinder hier im Heim besuchen.

BT: Wie ist das Verhältnis zwischen jenen Kindern, die das Heim verlassen, und den Neuzugängen?

Battaini: Es gibt deutlich mehr Neuzugänge.

"Ich werden diesen Ort niemals vergessen"

BT: Was für Chancen und Möglichkeiten haben die Heimkinder?

Battaini: Für die gesunden Bewohner ist das einfacher. Sie gehen zur Schule und haben die Möglichkeit, in eigenen Werkstätten oder außerhalb der Einrichtung eine Ausbildung zu machen, zum Beispiel als Kfz-Mechaniker, Bäcker, Schneider, Frisör, Krankenpfleger und in der Landwirtschaft. In einigen Fällen wird über Paten sogar ein Universitätsstudium finanziert. Wir haben aber auch junge Heimbewohner, die in der Einrichtung selbst tätig sein möchten.

BT: Das Leben in Kimbondo ist sicherlich entbehrungsreich. Bedeutet es für Sie dennoch auch eine Erfüllung?

Battaini: Definitiv. Ich opfere viel "normales" Leben, aber wenn ich mit den Kindern zusammen bin, vermisse ich nichts. Mein Leben macht mehr Sinn, wenn ich hier statt an einem italienischen Krankenhaus arbeite. Ich gebe viel und bekomme viel zurück. Wie lang ich meine Mission in Kimbondo noch fortsetzen kann, weiß ich nicht, aber ich werde den Ort niemals vergessen. Diese Kinder sind meine Kinder.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Baden-Baden
Engagierte Jugendliche können Leben retten

08.04.2019
Engagierte Schulsanitäter
Baden-Baden (up) - Schulsanitäter aus sechs Baden-Badener Schulen haben bei einem Wettbewerb auf dem Gelände des Markgraf-Ludwig-Gymnasiums ihr Können bewiesen. Sie mussten unter anderem zeigen, dass sie verschiedenste Verletzungen versorgen können (Foto: Philipp). »-Mehr
Karlsruhe
Dating-Show mit Hintersinn

08.04.2019
Theaterspaß über Dating-App
Karlsruhe (red) - Verkuppeln leicht gemacht: Die Dating-App "tinder" wird im neuen Musical am Karlsruher Kammertheater rauf und runter dekliniert, mit spaßigen Folgen, wenn die Personifizierung Laura Love gleich mehrfach im Catsuit zur Profilbefragung erscheint (Foto: Kohler). »-Mehr
Bühl
Bühl: Grabsteine werden überprüft

05.04.2019
Grabsteine werden überprüft
Bühl (red) - Die Stadt Bühl lässt in den kommenden Wochen die Standsicherheit von Grabmalen auf den Friedhöfen überprüfen. Bei Mängeln wird ein Aufkleber angebracht und es geht eine schriftliche Information hinaus. Im Notfall werden Steine auch gleich umgelegt (Symbolfoto: dpa). »-Mehr
´Eng mit der Rechtsgeschichte verbunden´

05.04.2019
Leipzig startet mit Recht durch
Leipzig (kli) Neben Karlsruhe ist Leipzig (Foto: red) als Standort für ein geplantes Dokumentationszentrum zum Rechtsstaat, das "Forum Recht", vorgesehen. Im BT-Interview spricht Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung über die Pläne und wie sie zu den Karlsruher Ideen passen. »-Mehr
Karlsruhe
´Eisenbahner mit Herz´ gekürt

04.04.2019
"Eisenbahner mit Herz" gekürt
Karlsruhe (red) - Michael Schweiger, Triebfahrzeugführer bei der Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG) ist am Mittwoch in Potsdam beim Wettbewerb "Eisenbahner mit Herz" zum Landessieger Baden-Württemberg gekürt worden. Er hatte einen Mann nach einem Herzinfarkt gerettet (Foto: Röhl). »-Mehr
Ort des Geschehens
Größere Google Karte
Umfrage

Etwa jeder zweite Kunde in Deutschland nimmt nach einem Einkauf den Kassenbon mit. Stecken Sie die Auflistung ein?

Ja, immer.
Manchmal.
Nur wenn es um eine Garantie geht.
Nein.


https://www.caravanlive.de/
Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1