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Tapas und Pralinen im Notenkoffer
Tapas und Pralinen im Notenkoffer
12.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Udo Barth

Bühl - Platz da! Hier kommt Figaro, der beste Friseur von ganz Sevilla, und bringt als Hans Dampf in allen Gassen seine Musik mit. Es handelt sich um die Ouvertüre zur komischen Oper "Der Barbier von Sevilla" von Gioachino Rossini, die am Mittwochabend im Bürgerhaus Neuer Markt in einer ganz anderen Art zu hören war als gemeinhin bekannt. Das Machado Quartett präsentierte dieses Arrangement an vier Gitarren mit vielen perkussiven Elementen auf Decke und Zargen der Instrumente. So hat man die Vorspeise der rasant witzigen Oper noch nicht gehört.

Ganz zu Beginn haben die virtuos agierenden Saitenkünstler noch eine andere Tapas-Leckerei im Gepäck: ein hochbarockes Stück des Spaniers Gaspar Sanz. Im großen Saal klingt dies ganz fantastisch, wäre da nicht alle drei Minuten ein Piepton zu vernehmen, der offensichtlich einem vorlauten Hörgerät entstammt. Gerade bei den superleisen Flageolett-Passagen stört dies empfindlich.

Versöhnlich stimmt die zärtliche Filmmusik zu "Chocolat", dem cineastisch modernen Märchen um Sinnlichkeit und Lebensfreude. Es ist längst klar - "klassische" Musik ist es nicht allein, die das Quartett aus München mit nach Bühl bringt, dafür aber schmelzende Pralinen der Filmmusik.

Im Grunde genommen lebt der ganze Konzertabend von Musik, in der Geschichten erzählt werden. Der Roman "Tschick" von Wolfgang Herrndorf hat unzählige Leser vom Hocker gerissen. Der Gitarrist Bernhard Prüflinger hat darüber für sein Ensemble einen Soundtrack geschaffen, quasi ein Road-Movie als musikalisches Hörstück. Die Melodien dabei changieren zwischen Minimal Music und Friedemann Witecka, es sind aber durchaus ganz eigene Klangwelten, die den Hörer mit auf eine imaginäre Reise durch den wilden Osten Brandenburgs nehmen.

Noch ein Schmusestück gefällig? "Hable con ella", die Musik aus dem Film von Pedro Almodóvar zeigt, dass auch eine Gitarre mit Geigenbogen gestrichen werden kann. Alle Formen der Gitarrenkunst werden bei diesem Ensemble ausgeschöpft.

Nicht neu ist es, dass der Tango niemanden kalt lässt und dass er alle Sinne anspricht. Zumal, wenn es sich um Tonschöpfungen von Astor Piazzolla handelt, dem Meister des Tango Nuevo. "Oblivion" etwa schöpft seine Gedanken aus romantischen Sphären. Aus tiefer Melancholie heraus entsteht sowohl dramatische Substanz als auch eine subtile Erotik. Die magische Anziehungskraft dieser Musik lassen die vier Musiker geradezu aus ihren Gitarren strömen.

Nach der Pause wird getanzt - im übertragenen Sinne wohlgemerkt. Bei Mozarts "Les petits riens" handelt es sich um eine Ballettsuite. Entgegen dem Titel sind es fürwahr keine "kleine Nichtigkeiten", sondern bescheren eine ungemeine Hörfreude. Das ausgelassen verrückte Schäferspiel erklingt in dieser gitarristischen Version leichtfüßig, ist jedoch mit virtuosen Fingersätzen gespickt, die das Rokoko zum Hüpfen bringen. Am Ende des Konzerts wird es deutlich, woher der Namensgeber des Machado Quartetts stammt. Aus Brasilien nämlich, dem Land mit den wunderbaren Klängen von Choro und Samba.

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