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"Brauchen ein Verkehrskonzept aus einem Guss"
15.04.2019 - 00:00 Uhr
Von Gerold Hammes

Bühl - Es ist sein Lieblingsplätzchen in seinem Altschweierer Fachwerkhaus: Wintergarten, ein schnurrendes Kätzchen und eine Flasche Apfelsaft auf dem Tisch. Für ein Gläschen Wein ist es noch etwas früh, obwohl der Blick des Winzermeisters Walter Seifermann schnurstracks und unvermeidlich auf den eigenen Weinberg in Extremsteillage fällt. Reinen Wein versucht der Kommunalpolitiker Seifermann seinen Wählern und den Bürgern überhaupt einzuschenken - und das seit immerhin 35 Jahren. Am 26. Mai bewirbt er sich zum nunmehr neunten Mal um ein Gemeinderatsmandat. Keiner ist länger dabei als er.

Das hätte er sich 1978 nicht in den kühnsten Träumen vorstellen können. In jenem Jahr stand das Haus der Jugend (heute Kifaz-Gebäude) vor der Schließung. "Die Selbstverwaltung war den Konservativen im Gemeinderat ein Dorn im Auge", rekapituliert Seifermannn, den fast alle nur "Walle" nennen, die Anfänge seiner politischen Aktivitas. Eine Liste mit dem Kürzel JBA (Jugend- und Bürgeraktion) begehrte damals auf und wurde 1984 mit der GAL, personell auch genährt von der Frauen- und Friedensbewegung, auf breitere Füß gestellt. Man kandidierte für den Gemeinderat, und Walter Nagler schaffte tatsächlich den Sprung ins Kommunalparlament. Nach zwei Jahren zog er aus Bühl weg, Roger Mühlberg rückte nach.

Der große Wurf gelang bei der Kommunalwahl 1984. Aus der Solonummer wurde ein Dreigestirn: mit Wolfgang Strozyk, Michael Wunsch und Walter Seifermann, der 1986 den Fraktionsvorsitz übernahm. Eine andere politische Richtung war für ihn nie ein Thema: "SPD und FDP waren damals genauso konservativ wie die CDU." Ein Lieblingssatz von Seifermann trifft den Nagel auf den Kopf: "So isch's halt worre!"

Geboren in Bühlertal, begann der 15-Jährige bei seinem Vater Helmut im Altschweierer Elternhaus eine Winzerlehre, die er im Weinbaubetrieb Jäger in Ockenheim (Rheinhessen) fortsetzte und in der Fachschule für Weinbau in Freiburg vertiefte. Die Meisterprüfung veredelte schließlich seine Lehrjahre. Heute bewirtschaftet er eine Rebfläche von zwölf Hektar in Altschweier, Eisental und Kappelwindeck, die zu 70 Prozent mit Rotweintrauben bestockt sind.

Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen einem Winzer und einem Kommunalpolitiker drängen sich für Seifermann geradezu auf: "Beide müssen langfristig, strategisch planen und dennoch auf unvorhersehbare Ereignisse flexibel reagieren." Im Weinbau sind dies vor allem Frost, Hagel, Dürre oder Schädlingsbefall.

Auch in der Bühler Kommunalpolitik habe man die Kraft für Korrekturen aufbringen müssen. Als Beispiel nennt Seifermann den Rückkauf der Stadtwerke-Anteile von der Süwag. Auf der Habenseite des politischen GAL-Kontos verbucht er auch die von der Fraktion beantragten Globalmittel oder die kostenlose Nutzung des Bürgerhauses einmal pro Jahr für die Vereine. Und auch der Wahl ihres Mitstreiters Wolfgang Jokerst zum Bühler Beigeordneten verleiht er das Gütesiegel "Highlight".

Hauptstraße denkbar als Fußgängerzone

In die Zukunft blickend hält das GAL-Urgestein mit der Gabe für pointierte Zustandsbeschreibungen die 18 Millionen Euro teure Sanierung des Ostflügels des Windeck-Gymnasiums mit seinen Energie fressenden Nachtspeicheröfen für "überfällig".

Auch die Bebauung des Kifaz-Gartens und die Schließung dieser Baulücke hält Seifermann für "nichts Unredliches". Die dreistöckige Kubatur und die Höhenmaße würden sich der Nachbarbebauung anpassen und seien "nichts Exorbitantes". Die Begrünung des Flachdachs gehe im Übrigen auf einen Vorschlag der GAL-Fraktion zurück, wie überhaupt der Kultur- und Bildungscampus einschließlich Heidlauffstraße, Octomedia-Gelände und der Europaplatz am Ende stadtklimatisch aufgewertet werde.

Eine Wende will die GAL in der innerstädtischen Verkehrspolitik einleiten. "Noch immer ist der Durchgangsverkehr in der Hauptstraße zu hoch", bemängelt der Fraktionschef. Im Nachhinein sei es ein Fehler gewesen, das Nordtor zu einem Kreisverkehr umzugestalten, anstatt dort eine "Pförtnerampel" mit einer Rechtsabbiegespur in die Rheinstraße zu installieren. Einen Versuch wert sei auch die Ausweisung der Hauptstraße zu einer Einbahnstraße zwischen Rhein- und Eisenbahnstraße, gegebenenfalls sogar zu einer klassischen Fußgängerzone. Nach einem Testjahr könne man die Erfahrungen evaluieren. Seifermann ist bewusst, "dass es in der Abwägung immer Gewinner und Verlierer geben wird, erinnert aber auch an die frühere Aussage eines Verkehrsgutachters, der meinte: "Wenn Ihr den vielen Verkehr aus der Hauptstraße rausbekommen wollt, müsst Ihr irgendwo einen Pfropfen reinmachen."

Auch die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs wollen die "Gallier" angehen. Beispielsweise mit einer kostenlosen Nutzung der City-Linie an Samstagen, wie gerade in Ulm beschlossen. Es sei kontraproduktiv, dem ÖPNV-Fahrgast Geld abzuknöpfen, das Parken in den Tiefgaragen aber unentgeltlich zu gestatten. Auch für die Radfahrer müsse für mehr Komfort gesorgt werden: beispielsweise mit überdachten Fahrradabstellplätzen; das gelte auch für wettergeschützte Buswartehäuschen. Seifermann plädiert für eine Verkehrspolitik "aus einem Guss". Die aktuelle sei "widersprüchlich und ohne Logik."

Auf der Agenda ebenso ganz oben steht die Einstellung von Fraktionsgeschäftsführern für jede Partei beziehungsweise Wählergruppe im Gemeinderat auf 450-Euro-Basis. Begründung: "Wir sind alle Laien und haben die nötige Zeit nicht. Die Arbeit und die Kontrolle der Verwaltung müssen professioneller werden."

Und auch die Fraktionsstärke hält Seifermann, der bei der Kommunalwahl 2014 mit 5 618 Stimmen das viertbeste Ergebnis aller Stadträte einfuhr, für optimierungsfähig. Angestrebt wird ein fünftes Mandat, vorzugsweise mit einer Frau. Immerhin ist die Hälfte aller GAL-Kandidaten weiblich. Dazu passt ein anderer Lieblingsspruch von ihm: "Es kommt, wie's kommt!" So wie der 60. Geburtstag, den der "Walle" heute feiert.

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