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Mob schlägt alles kurz und klein
Mob schlägt alles kurz und klein
08.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Günther Mohr

Bühl - Wer von der Straße durch das Tor geht, tritt in einen kleinen Hof, rechts die Mauer zum Nachbar, links ein zweigeschossiges Wohngebäude mit einer schmalen Tür und kleinen Fenstern. Frontal ein Gebäude mit drei Stockwerken, das noch nicht stand, als Alexander Wertheimer das Anwesen an der Hauptstraße bewohnte. Vielleicht sehen Besucher an der Front des Hauses nicht nur die Hausnummer 68, sondern auch das Zeichen links davon mit dem Davidstern.

Der Stern ist ein Hinweis darauf, dass dieses Gebäude mit der Geschichte jüdischer Menschen in Bühl zu tun hat. Der für die jüdische Gemeinde wichtigste Bewohner des Hauses war David Moses Wertheimer. Bis zu seinem Tod 1895 widmete er sich mehr als drei Jahrzehnte lang dem Dienst an der Gemeinde. Etwa als Mohel, als Beschneider also, ebenso im Synagogenrat, dem Leitungsgremium der Gemeinde, und in anderen Ämtern über Bühl hinaus. Für die politische Gemeinde wurde er 1890 in den Bürgerausschuss gewählt, der den Gemeinderat kontrollierte. Sein Eisenhandel florierte. Er und seine Frau Babett gaben viel den Armen. Die Wohltätigkeit der Beiden wurde gerühmt. Das Vermächtnis Wertheimers an seine Söhne: Festhalten an der überlieferten Frömmigkeit und an ehrlichen und reellen Geschäften im Handel mit ihren christlichen Kunden.

Als 18-Jähriger hatte David Moses Wertheimer, einer von vier Söhnen von Alexander und Augusta Wertheimer, miterlebt, was Hass auf jüdische Menschen bedeutete. Im März 1848 führten in Deutschland freiheitliche Bewegungen und die Sehnsucht nach einer geeinten Nation und der Widerstand der Monarchen zu einer Revolution. An vielen Orten, auch in Bühl, verstanden viele ihre Anfänge als Gelegenheit, den über Jahrhunderte eingewurzelten Hass gegen Juden auszuleben.

Am 22. März 1848 verfassten die politischen Vertreter der Stadt eine Petition an die Volksvertretung in der badischen Hauptstadt Karlsruhe. Einige jüdische Einwohner in Bühl hätten, schrieben sie, zu Unrecht das Bürgerrecht bekommen und damit einen Anspruch auf die Nutzung von Allmendteilen, Wiesen oder Äcker im Gemeindebesitz. Und überhaupt würden die jüdischen Einwohner mit "Schacher und Wucherhandel" unreelle Geschäftspraktiken anwenden. Ihr Bürgernutzen müsste, forderten Gemeindevertreter, unbedingt eingeschränkt werden.

Das Geschehen verlagerte sich. In der Dunkelheit der Nacht zum 31. März zogen viele Menschen durch die Straßen der Stadt, vor allem durch die "Lange Gasse", wie die Hauptstraße damals hieß. "Hepp-Hepp"-Rufe kündigten an, wem der Aufruhr galt; es war ein bekannter Kampfruf gegen jüdische Menschen. Einige aus der "tobenden Menge", so heißt es in einem amtlichen Bericht, hielten vor dem Haus von Alexander Wertheimer, das Hoftor wurde mit der Axt eingeschlagen. Eine Flinte richtete sich gegen die Brust eines Bürgerwehrmannes, der sich den Eindringenden entgegenstellte.

In den Wohnräumen wurde Mobiliar zerschlagen, und auch die Weinfässer im Keller wurden nicht vergessen. Ähnliche Tumulte gab es vor den Häusern von weiteren fünf jüdischen Einwohnern. Angriffe auf Leib und Leben der Bewohner unterblieben. Im Fackellicht gelang es einer Bürgerwehr, den Angriffen ein Ende zu bereiten. Am folgenden Tag verzichteten die jüdischen Einwohner, die das Bürgerrecht hatten, auf ihren Bürgernutzen. Das mag zur Beruhigung beigetragen haben.

Am selben Tag schickte das Amt Bühl, die oberste Behörde in Stadt und Amtsbezirk, Alexander Wertheimer mit einem Bericht zur Regierung nach Karlsruhe. In den folgenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass es überwiegend Handwerker waren. Bei manchen standen noch Rechnungen offen für Eisen, das sie von jüdischen Händlern bezogen hatten. Als die Revolution im folgenden Jahr scheiterte und die Ruhe wieder galt, ließ die Regierung gegen 25 Beteiligte ermitteln. Acht Angeklagte wurden verurteilt. Die härteste Strafe: zwei Jahre Zuchthaus. Den entstandenen Schaden mussten die Bühler Einwohner insgesamt wieder gutmachen.

Nach dem Ende der Revolution hatten die jüdischen Geschädigten des Vorjahres Erfolg mit ihren Klagen. Alexander Wertheimer wie die anderen erhielten ihre Anteile am Bürgernutzen zurück, auf die sie unter Druck verzichtet hatten. David Moses Wertheimer, der Sohn von Alexander Wertheimer, starb 1895. Er hatte auf ein einträchtiges Zusammenleben gehofft. Im Jahrzehnt seines Todes erstarkte wieder einmal der von manchem für überwunden gehaltene Antisemitismus. Seine Frau Babette starb 1930.

Drei Jahre später begann erneut die Verfolgung jüdischer Menschen. Zwei der Kinder von David Moses und Babette Wertheimer, Leo und Sara Esther, verloren in der Zeit der Verfolgung ihr Leben. Auch den Blick darauf kann der Eintritt in das Haus Hauptstraße 68 öffnen.

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