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"Die O. ist ein verkommenes Weibsbild"
15.06.2019 - 00:00 Uhr
Von Adalbert Metzinger

Bühlertal - Die "Rassenhygiene" gehörte zu den zentralen Bestandteilen der nationalsozialistischen Ideologie und wurde ab 1933 zur Staatsräson in Deutschland. Die Rede ist von Zwangssterilisationen, Ehegesundheitsgesetz, Ehetauglichkeitsnachweis, Nürnberger Rassengesetzen und Euthanasie. Eine Akte aus dem Bühlertäler Gemeindearchiv belegt die in diesem Zusammenhang angestellten umfangreichen Ermittlungen.

Überliefert sind die zwischen dem 23. Dezember 1936 und dem 18. Oktober 1943 amtlich erteilten Auskünfte über Einwohner Bühlertals im Rahmen der sogenannten "Sippenforschung" in Sachen Ehetauglichkeit, Unfruchtbarmachung, arischer Abstammung und Ehestandsdarlehen.

In der Regel stand am Anfang der erbbiologischen Recherchen eine Anfrage vonseiten eines Gesundheitsamts. So verlangten im Zeitraum zwischen 1936 und 1943 acht Gesundheitsämter und drei weitere Institutionen insgesamt 93 Mal Informationen über einzelne in Bühlertal geborene oder lebende Einwohner und deren Verwandtschaft.

Das Gesundheitsamt Bühl unter der Leitung des Medizinalrats und SS-Hauptsturmführers Dr. Moog (1888-1965) ersuchte in 79 Fällen nach einem vorgegebenen Schema um Auskunft über Personalien der Gefragten, Kinder und Verwandtschaft, Krankheiten, Schulbildung, Nichtversetzungen, Leumund und Vorstrafen.

Der damalige Bühlertäler Bürgermeister Karl Fauth (1885-1959; von 1930 an NSDAP-Mitglied, 1932-1935 Ortsgruppenleiter und von 1931 bis 1945 Bürgermeister) beantwortete diese Anfragen, wobei meist mithilfe standesamtlicher Unterlagen "Sippentafeln" erstellt wurden. Als Krankheiten tauchen hier zum Beispiel auf: Hämorrhoidenvereiterung, Leberkrankheit, geschwollene Füße, Kropfoperation, Gallenoperation, Taubheit, Trunksucht und so weiter.

Nach einem sogenannten "Ergänzungsschema" gab Fauth weitere Informationen über die betreffende Person an Dr. Moog weiter. Beispiel: "Die Sch. kann nicht als vollwertiges Glied der Volksgemeinschaft angesehen werden." "Dieselbe macht schon äußerlich den Eindruck einer beschränkten Person."

Hinzu kommen Formulierungen wie: "In sittlicher Hinsicht können wir nicht über sie klagen, außer des Kindes, welches sie unverheirateten Standes geboren hat." "Wenn sie eine Stellung innehatte, war dies nur für kurze Zeit, da sie sich durch Faulheit besonders hervorgetan hat." Oder: "Die O. ist ein verkommenes Weibsbild." "In sittlicher Hinsicht hat sie sich vergessen."

Behördenersuchen zu Zwangssterilisationen Anfragen des Gesundheitsamtes Bühl und des Erbgesundheitsgerichts Offenburg bezüglich der Zwangssterilisation von vier Frauen und sechs Männern aus Bühlertal gingen ebenfalls an den Bürgermeister. In drei Fällen (zwei Arbeiter, 29 und 18 Jahre alt, und ein 19-jähriger Hausbursche) schilderte Fauth die Männer ausschließlich mit positiven Eigenschaften. Bei vier Frauen, zwischen 31 und 37 Jahre alt, gab er hingegen deutlich negative Wertungen ab: "Den Eindruck, den sie bei einem Laien hinterlässt, ist der einer beschränkten oder tappichen Person." "Der Haushalt ist nicht in Ordnung und lässt viel zu wünschen übrig." "Wenn sie betrunken ist, dann kommt bei ihr auch noch das Laster der sittlichen Entartung zum Vorschein. Es haben sich hier schon Szenen abgespielt, die nicht gerade zu den Zierden einer deutschen Frau gehören."

Die Akte enthält auch Ehetauglichkeitszeugnisse für Brautpaare sowie "Sippentafeln" und "Leumundszeugnisse" für den Erhalt eines Ehestandsdarlehens. Dieses hatten die Nazis 1933 eingeführt, es sollte junge Familien finanziell fördern. Allerdings war die Zusage nur für "erbbiologisch wertvolle Familien" gedacht. "Arische Ehepaare" erhielten nach der Heirat 500 bis 1 000 Reichsmark. Das zinslose Darlehen musste mit einem Prozent pro Monat zurückgezahlt werden, für jedes Kind wurde ein Viertel des Gesamtbetrags erlassen. Die Frauen waren gezwungen, ihren Beruf aufzugeben und sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter zu beschränken, denn das "reinrassige" Volk sollte sich vermehren.

Herumschnüffeln

in Schulzeugnissen

Bei allen erbbiologischen Recherchen hatten immer auch die Schulentlassungszeugnisse und besonders die Nichtversetzungen eine große Bedeutung. Die dazu notwendigen Auskünfte wurden beim Schulleiter angefordert und entweder direkt an das Gesundheitsamt oder an das Bürgermeisteramt Bühlertal weitergeleitet. Fauth kommentierte einzelne Zeugnisse zum Beispiel so: "Die Noten sind herzlich schlecht, auch wurde die S. 3mal zurückversetzt." "Der Grund ihrer Entlassung nach dem 6. Schuljahr dürfte darin zu suchen sein, weil sich die Schülerin (geboren 1926) die Zunge abgebissen hat und deswegen viel gefehlt hat und im Unterricht daher nicht vorwärts gekommen ist."

Der Bühlertäler Schultes hat in Sachen "erbbiologischer Maßnahmen" zwischen 1936 und 1943 Auskünfte über etwa 550 Personen zu Verwandtschaftsverhältnissen, "arischer" Abstammung, Krankheiten, Behinderungen, Schulzeugnissen, Lebenswandel, Vorstrafen sowie Aufenthalten in Heil- und Pflegeanstalten erteilt - nicht nur an die Gesundheitsämter, sondern auch an die Erbgesundheitsgerichte. Ausgangspunkt für die hohe Zahl der erfassten Personen waren etwa 110 Anfragen der Behörden. Davon betroffen waren 50 Frauen und Mädchen im Alter zwischen 15 und 70 Jahren sowie 55 männliche Bewohner von 14 bis 93 Jahren.

Das Beispiel Bühlertal verdeutlicht, wie Mitglieder der Dorfgemeinschaft einer aufwendigen und detaillierten rassenhygienischen und erbbiologischen Erfassung und Untersuchung unterzogen wurden. Hier zeigt sich auch, mit welcher Radikalität die Rassenideologie der Nazis in die Praxis umgesetzt wurde. Entsprechende Gesetze und die ideologische Verankerung in Medizin und Wissenschaft trugen auch in Bühlertal zur Verbreitung und Durchsetzung der "Rassenhygiene" bei.

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