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Altbundespräsident mahnt Toleranz mit Andersdenkenden an
Altbundespräsident mahnt Toleranz mit Andersdenkenden an
04.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Udo Barth

Bühl - Joachim Gauck ist das Gesicht der kirchlichen und öffentlichen Protestbewegung der DDR. Ab 1990 war der Theologe Abgeordneter der frei gewählten Volkskammer, danach Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen und von 2012 bis 2017 elfter Präsident der Bundesrepublik. Nun hat er gemeinsam mit der Journalistin Helga Hirsch ein Buch mit dem provokanten Titel "Toleranz - einfach schwer" vorgelegt. Dies stellte er am Dienstagabend auf Einladung der Buchhandlung Osiander im Bürgerhaus vor.



Zuvor trug sich Gauck in das Goldene Buch der Stadt Bühl ein. Gauck strahlt eine ungemeine Seriosität aus, dabei beweist er aber auch Humor, etwa wenn er auf die Ankündigung von Oberbürgermeister Hubert Schnurr, ihm ein Weinpräsent zu überreichen, meint, dass seine Heimat Mecklenburg im Gegensatz zum gesegneten Baden doch eine relativ weinarme Gegend sei.

Nun ist er also nach Stationen in Leipzig und Stuttgart in Bühl angekommen, um seine schon im Vorfeld der Veröffentlichung in der Presse nicht unumstrittenen Thesen zur Toleranz zu erläutern. Vor allem löste ein Interview mit dem "Spiegel" eine Diskussion aus, denn Gauck plädiert für eine Erweiterung des Toleranzbegriffs nach rechts. Dabei bezieht er auch die Wähler der AfD mit ein, ausdrücklich aber nicht deren Politiker am rechten Rand, die gefährlich nah am Rechtsextremismus zu verorten seien.

Zunächst einmal geht Gauck der Frage nach, was den Begriff der Toleranz ausmacht. Historisch sei Toleranz in einem vertikalen Verhältnis, also von oben nach unten gewährt worden, etwa vom Herrscher, der seinen Untertanen Rechte zubilligte, die aber genauso gut entzogen werden konnten. Erst durch die Aufklärung habe sich der Begriff gewandelt und führte so später zum gesellschaftlichen Wertebegriff einer Demokratie. Für Gauck war und ist die Beschäftigung mit dem Thema auch ein Stück Selbsterkundung, zu dem er auch den Leser aufruft: "Wie weit bin ich tolerant?" Das thematische Feld ist groß. Etwa, wie der Bürger mit der unvermeidlichen Begegnung mit Fremdem, mit Flüchtlingen und deren religiösem Umfeld umgeht.

Gauck bietet, und darin liegt eine der Stärken seines Buches, keine glückselig machenden Antworten. Stattdessen gibt er zu bedenken, dass er selbst auch auf Themen stößt, die ihm höchst zuwider seien. So traf er nach seiner Wahl zum Abgeordneten auf ehemalige SED-Funktionäre im Parlament. Nicht alle Differenzen seien zu überbrücken. Gleichwohl mahnt Gauck auch einen toleranten Umgang mit Andersdenkenden an, wenn sie auf dem Boden der im Grundgesetz verfassten freiheitlich demokratischen Grundordnung agieren.

Damit grenzt sich der Altbundespräsident etwa von Politikern wie Alexander Gauland ab. Gleichwohl, und dies macht die Brisanz seiner Gedanken aus, warnt er auch vor einer blauäugigen Toleranz gegenüber gewissen Strömungen in der Zuwanderer-Community, die eben nicht die Werte von der Gleichstellung der Geschlechter oder sexueller Orientierung vertreten.

Da er aus Mecklenburg stammt, spricht er natürlich auch das Ost-West-Problem an, welches nach wie vor zu konstatieren sei. "Das Leben mit Pluralität und Differenz und damit auch mit Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden haben wir in der DDR nicht gelernt", sagt er. Viele Abgehängte, und dies natürlich auch im Westen der Republik, sehnten sich nach gewissen autoritären Strukturen. Auch gibt er den Rat, Toleranz nicht nur als Zumutung zu verstehen, sondern als Chance, verhärtete Lagerbildungen zu vermeiden, wie es augenblicklich in den USA der Fall sei.

Nach der anregenden Thesenvorstellung mit SWR-Moderator Wolfgang Niess liest Gauck das Schlusskapitel seines Buchs. Diesen Worten kann man nur beipflichten: "Mein Plädoyer für Toleranz möchte zweierlei bewusst machen: Sie ist gut für das Individuum, und sie ist gut und unerlässlich für die Gesellschaft." Eines wird deutlich an diesem Abend: Dass wir seit nunmehr mehr als 70 Jahren in einer der bestmöglichen Gesellschaftsformen leben, die es gleichwohl zu verteidigen und aktiv zu beleben ist. Minutenlanger Applaus ist der Lohn für diese Gedanken.

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