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Auf der Überholspur
24.07.2019 - 00:00 Uhr
Von Holger Siebnich

Bühl - Sein Esszimmer ist für die Demonstration natürlich viel zu klein, aber Gerd Groß springt trotzdem vom Stuhl auf und will seine Gehtechnik zeigen. Er legt die Hände auf den Rücken, beugt den Oberkörper nach vorn und richtet den Blick schräg nach unten. Dann zischt er los, bis ihm nach nur drei Schritten der Tisch im Weg steht. "Durch die Höhe des Rucksacks regulier ich das Tempo", sagt Groß und deutet mit den Händen an, wie er sein Gepäck in Richtung Schultern schiebt und den Oberkörper dadurch noch mehr neigt. In dieser Haltung marschierte er am 28. März in Weitenung los. Das Ende der Tour lag 2 700 Kilometer entfernt am Atlanti schen Ozean.

Schon als kleiner Junge hatte Groß davon gehört, dass es einen Weg gebe, der vor jeder Haustür beginne und nach Santiago de Compostela führe. Seitdem spukte der Jakobsweg in seinem Kopf herum. Die Geschichte seines Vaters, der in russische Kriegsgefangenschaft geriet und 1 800 Kilometer zu Fuß durch Sibirien gehen musste, inspirierte ihn ebenfalls.

Bevor Anfang März sein Ruhstand begann, stellte Groß eine Liste zusammen mit Dingen, die er schon immer machen wollte. Auf Platz eins zum Abhaken: den Jakobsweg laufen. Er wollte sich aber nicht wie viele Pilger ins Flugzeug setzen und die Wanderung irgendwo im Süden Frankreichs oder Spanien beginnen. "Ich wollte das Gefühl haben: Der Weg beginnt an der Haustür. So wie bei den alten Pilgern", sagt er.

Er macht aber keinen Hehl daraus, dass Religion, Spiritualität und Glaubensfragen auf seiner Wanderschaft überhaupt keine Rolle spielten: "Ich war weder auf der Suche nach Gott noch nach mir selbst." Ihn reizte allein die sportliche Herausforderung. Groß ist passionierter Läufer, der im Training schon mal einen Halbmarathon abspult. Außerdem tourt er als Wanderführer regelmäßig durch die Alpen. In seinem Haus hat er sich ein eigenes Fitnessstudio eingerichtet. Er hat eine drahtige Figur und wache Augen. "Ich bin topfit", sagt er über sich selbst.

"Die anderen waren einfach zu langsam"

Während andere auf dem Camino entschleunigen, drückte er aufs "Gaspedal". 35 Kilometer riss er im Durchschnitt jeden Tag herunter, manchmal waren es über 50. Obwohl er unterwegs tausenden Menschen begegnete, ging er fast immer allein. "Die anderen waren einfach zu langsam", sagt er und lacht.

Nur vier Krankheitstage bremsten ihn aus. Nachdem er im Aubrac, einer Hochebene im südwestlichen Zentralmassiv in Frankreich, mit Schneestürmen zu kämpfen hatte, plagten ihn anschließend Bänderprobleme. Seine Freundin ist Ärztin und riet ihm dringend davon ab, weiterzugehen. Also legte er in einem kleinen Ort die Füße hoch. Groß glaubt, den Grund zu kennen, warum sein Körper die Auszeit einforderte. Im Vorfeld hatte er sich ausgerechnet, dass sein täglicher Energiebedarf zwischen 3 500 und 4 000 Kalorien liegen würde, um das Megapensum zu schaffen. "Mir war klar: So viel kann ich unterwegs nicht essen", sagt er. Also futterte er sich vor dem Start ein acht Kilo dickes Polster an. "Aber meine Bänder waren nicht an das zusätzliche Gewicht gewöhnt", lautet seine Analyse.

Abgesehen von dieser Unterbrechung lief es für Groß jedoch wie am Schnürchen. Der Jakobsweg sei körperlich nicht allzu herausfordernd meint er. Abschnitte mit endlos langen Geraden erforderten eher mentale Stärke.

In der Regel brach er morgens zwischen 6 und 8 Uhr auf, seine Etappenziele erreichte er gegen 15 oder 16 Uhr. Dort buchte er ein Bett in den Pilgerherbergen, das meistens in einem Schlafsaal stand. "Das war teilweise schon hart", sagt er über den Mangel an Komfort in den Massenunterkünften. Und trotz südlicher Gefilde war es im frühen Frühjahr teilweise ausgesprochen kalt. "Ich hab unterm Schlafsack alle meine langen Klamotten über mich gelegt", erzählt er.

Auch als Speed-Pilger blieb ihm vor allem an den Zielorten Zeit, mit anderen Wanderern ins Gespräch zu kommen. Er unterhielt sich mit einer übergewichtigen Frau, deren Pilgerweg bereits im September 2018 in Wien begonnen hatte und die sich in kleinen Etappen von zehn bis 15 Kilometern am Tag Santiago de Compostela entgegen schleppte. Ihre Wanderung verstand sie als religiösen Beitrag, damit ihre Tochter endlich das lang ersehnte Kind adoptieren könne. Solche Ansichten sind Groß zwar fremd, trotzdem zollt er der Frau für ihre Leistung seinen "allergrößten Respekt". Andere machten es sich einfach. "Es gibt auch die Taxi- und Busfahrer", erzählt Groß von Pilgern, die sich chauffieren ließen.

Jakobsweg bei Asiaten sehr populär

Diese Strategie sei auch bei Asiaten verbreitet, die nach Schätzung des Weitenungers fast die Hälfte der Wanderer ausmachten. Eine Taiwanesin habe ihm den Grund für die Popularität des Camino in Fernost verraten. Dort sei es hilfreich für die Berufskarriere, im Lebenslauf Leistungen wie die Wanderung einer langen Strecke vorweisen zu können. Da es am Ende aber nur auf die entsprechenden Stempel im Pilgerbuch als Nachweis ankomme, müsse man es mit dem Gehen nicht so genau nehmen.

Mit dieser Einstellung kann Groß als Athlet selbstredend wenig anfangen: "Wenn das die künftige Elite Asiens ist, brauchen wir Europäer keine Angst haben, von ihnen abgehängt zu werden", scherzt er.

Als er selbst nach zweieinhalb Monaten Mitte Juni Santiago de Compostela erreichte, konnte der Helfer, der seine Pilgerpässe kontrollierte, kaum glauben, wie schnell Groß unterwegs war: "Er dachte, ich bin kein Wanderer, sondern Radfahrer." Und für den 62-Jährigen ging es sogar noch in die Verlängerung bis zum Kap Finisterre, dem westlichen Zipfel des spanischen Festlands. Als er kurz vor dem Ziel zum ersten Mal den Atlantik sah, war das einer der emotionalsten Augenblicke der Reise.

Und dann passierte auf den letzten Metern seines Abenteuers noch etwas völlig Unerwartetes. Drei andere Wanderer überholten ihn. Der 62-Jährige kann es sportlich nehmen: "Die haben wohl kurz vor Schluss noch einen Motivationsschub bekommen."

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