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Für "Birne Helene" darf man ruhig auch mal sterben
Für 'Birne Helene' darf man ruhig auch mal sterben
05.08.2019 - 07:18 Uhr
Von Martina Fuß

Bühl - "Krimis sind nützlich, sie haben einen echten Nutzwert", erklärt Marcus Imbsweiler. Es ist Freitag kurz nach 21 Uhr, der Himmel über Bühl zeigt ein tiefes Blau, als der Autor zum Beweis antritt. Und zwar mit einem Bühl-Krimi. Na gut, die Handlung kann in jedem Ort der Welt spielen, aber als Charme-Offensive hat Imbsweiler das Geschehen kurzerhand in den "Badischen Hof" verlegt.

Von dort schweift der Blick über die Bühlot, während sich die Mörderin in der Krimi-Ecke der Mediathek kundig macht für einen genialen Mordplan. Dieser bringt die Schwester um die Ecke und den Ehemann in den Knast. Seine Erkenntnis: "Ich hasse Krimis, aber irgendwie muss man ja weiterkommen."

Der Mediathek bleibt es erstmals vorbehalten, die Kultur-Sommer-Reihe der Stadt Bühl mit der Lesung zu eröffnen. Die großzügige Terrasse mit Blick auf den Schwarzwald ist ein wunderbarer Ort für eine literarische Reise. Die Atmosphäre dort macht den Geist frei, öffnet für Neues, Überraschendes, Spannendes. Und davon gab es bei dieser Lesung nun besonders viel.

Der aus dem Saarland stammende und in Heidelberg lebende Autor Marcus Imbsweiler hat Philosophie, Geschichte, Musikwissenschaft und Germanistik studiert. Er arbeitet als Schriftsteller und Musikredakteur. In der Mediathek stellt er sein neuestes Buch "88" vor, das Ende 2018 im Conte-Verlag erschienen ist.

"88" steht für die Rammstein-Katastrophe vor 30 Jahren. Der Absturz einer italienischen Staffel bei einer Flugshow hinterlässt 70 Tote, eintausend Verletzte und Tausende von traumatisierten Augenzeugen. "Das ist kein Standardkrimi", erklärt Imbsweiler zu Beginn des Abends. "Der Schwerpunkt liegt auf der Geschichte, die außerhalb des Verbrechens erzählt wird."

Tatsächlich beginnt das Buch zwar mit einer Toten im beschaulichen Dorf Dürrweiler, Imbsweiler nimmt aber die Zuhörer mit in eine spätere Schlüsselszene. In Kaiserslautern stürzt ein Mann zu Boden, nachdem ein Flugzeug über ihn wegdonnert. So wird der Blick auf die Opfer gelenkt. Es ist ein erschütternder Blick. Aber: "Näher wollte ich nicht rangehen, sondern eher die Perspektive der indirekt Betroffenen, der Augenzeugen aufarbeiten", erklärt Imbsweiler.

So beginnt schließlich die Geschichte von Franziska, Alwin, Sascha und Andreas, die sich 30 Jahre nach dem Unglück bei einem Klassentreffen wiedersehen und erneut nach Rammstein fahren. Die Story ist interessant verwoben. Sowohl die Symbolik als auch die verschiedenen Handlungsstränge in Vergangenheit und Gegenwart werden klug und nachvollziehbar verbunden, bleiben immer spannend.

Angeregt und durchaus konträr verlief die anschließende Diskussion der Besucher, die der Autor selbst geschickt und ausgleichend moderierte. "Das beschriebene Zeit-Kolorit hilft, die Zeitgeschichte zu verstehen. Es war Kalter Krieg", baute er eine Verständnis-Brücke für jene, die nicht nachvollziehen können, warum damals 300 000 Menschen zur Show strömten. Auch die Protagonisten der Geschichte finden ihre Gründe: Für Wehrdienstverweigerer sei es Pflicht, auf der Air-Base Argumente zu finden. Von Fall zu Fall müsse man halt hinter die Feindeslinie. Und außerdem soll das Ami-Eis wirklich klasse sein. Also fahren sie hin zur Show.

Dass Marco Imbsweiler auch ganz klassische Krimis schreiben kann, bewies er mit der eingangs erwähnten Bühler Mord-Geschichte und einer kleinen Zugabe. "Für Birne Helene könnt ich sterben", sagt Holger zu Helena, bevor das Gift wirkt. Was er nicht wusste: Er hatte ihren geliebten Hund überfahren. Gerade noch konnte er ihre letzten Worte hören: "Fahrerflucht, Holger, das war Dein Todesurteil."

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