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Würdelos im Erdboden verscharrt
09.08.2019 - 00:00 Uhr
Von Adalbert Metzinger

Bühl/Rastatt (red) - Das Scheitern der Badischen Revolution wurde ihm zum Verhängnis: Vor 170 Jahren, am 9. August 1849, wurde der Freiheitskämpfer Major Ernst von Biedenfeld aus Bühl um 4 Uhr morgens in Rastatt erschossen. Er war zum Tode verurteilt worden wegen angeblichen Hoch- und Landesverrats.


Der aus einem hessischen Adelsgeschlecht stammende Ernst von Biedenfeld kam am 19. Januar 1793 in Karlsruhe als Sohn des großherzoglich-badischen Generalmajors Ferdinand von Biedenfeld zur Welt. Mit 13 Jahren begann 1806 seine militärische Laufbahn als Fahnenjunker im 4. Garnisonsregiment in Freiburg. Ab 1809 nahm er als Leutnant an mehreren Feldzügen (unter anderem gegen Österreich und Russland) und an Kämpfen wie der Völkerschlacht bei Leipzig teil. Im August 1837 kam er in die Garnison Rastatt, wo er das 2. Bataillon des 3. Regiments Markgraf Wilhelm kommandierte und zum Major befördert wurde.

1820 heiratete er die wohlhabende amerikanische Farmerstochter Elise Wilson. 1821 kam die Tochter Jeannette zur Welt. 1834 trennte sich die Ehefrau von Biedenfeld. Nach langwierigen Auseinandersetzungen wegen der Teilung des Vermögens wurde die Ehe 1843 geschieden.

Mit Order vom 21. Februar 1843 erhielt Biedenfeld nach einer Dienstzeit von 40 Jahren und 96 Tagen seine Versetzung in den Ruhestand. Der 50-jährige verlegte am 7. Oktober 1844 seinen Wohnsitz nach Bühl. Hier wohnte er zunächst zur Miete beim Schuhmachermeister Heinrich Rheinschmidt in der Rheinstraße. Ab 1848 mietete Biedenfeld eine neue Wohnung für jährlich 100 Gulden bei Joseph Restel.

Seit dem Frühjahr 1848 regelten gesetzliche Bestimmungen die Einrichtung von Bürgerwehren in Baden. Sie sollten das stehende Heer unter dem Oberbefehl des Monarchen durch eine Volksbewaffnung mit frei gewählten Offizieren ersetzen. Auch die Stadt Bühl beschäftigte sich am 23. September 1848 mit der Gründung einer Bürgerwehr, da der Bürgerausschuss die Finanzierung von 2000 Gulden für die Anschaffung von "Feuergewehren" für die zu errichtende Bürgerwehr beschloss.

Beteiligung erst nach Bedenkzeit

Da die Bühler Bürgerwehr einen erfahrenen Anführer für dieses "neue Militärwesen" suchte, wandte man sich an Biedenfeld: "Aber derselbe trug langes Bedenken, bis er endlich fortgesetztem Bitten und Bestürmen nachgab und die Leitung des Bühler Bürgerwehrwesens in die Hand nahm", so der Bühler Arzt Dr. Walchner. Biedenfeld trat im Mai 1849 sein neues Amt als Bezirkskommandant an.

Während der Badischen Revolution vom Mai 1849 an hatten die meisten Offiziere ihre Truppen verlassen, sodass ältere Soldaten im Rang von Korporalen oder Unteroffizieren die Offiziersränge übernehmen mussten. Dieser Kreis von Soldaten erinnerte sich an frühere fähige Truppenführer. So suchte eine Abordnung auch den "tüchtigen Commandeur" Biedenfeld auf. Dieser lehnte aber zunächst ab, worauf einige Tage später erneut ein Versuch, Biedenfeld für die Übernahme eines Kommandos in Rastatt zu gewinnen, unternommen wurde. Nach kurzem Zögern war er jetzt zu einem Engagement bereit.

Ab Juni 1849 beteiligten sich Truppen unter Führung von Biedenfeld im Kampf gegen die preußischen Truppen am Rheinübergang bei Germersheim sowie in Wiesental und Bruchsal. Die zunehmenden Erfolge der Preußen veranlassten Biedenfeld, sich mit seiner Truppen in die Festung Rastatt zurückzuziehen.

Als Ende Juni 1849 die Rastatter Festung von den Preußen eingeschlossen war und damit ein militärischer Sieg für die Revolutionstruppen unerreichbar schien, führte dieser Umstand zu Konflikten zwischen Befürwortern und Gegnern einer Übergabe. Biedenfeld trat für eine Kapitulation ein und führte die Verhandlungen. Danach geriet er in Gefangenschaft in den Kasematten der Festung A.

Im anschließenden Prozess klagte ihn das preußische Standgericht wegen der "Einübung der Bühler Bürgerwehr", der Übernahme des Kommandos über das 3. Regiment und der Führung des Regiments in mehreren Gefechten gegen die preußischen Truppen an. Obwohl Rastatter Bürger im Prozess für ihn aussagten, verurteilte das Gericht Biedenfeld "wegen Hoch- und Landesverrat" zum Tod durch Erschießen.

Nach seiner Verurteilung reichten mehrere Rastatter Bürger ein Gnadengesuch beim preußischen General von Groeben ein. Ohne Erfolg. Auf dem Hinrichtungsplatz Trockengraben vor der Ludwigsfeste wurde Biedenfeld fast vier Tage nach seiner Verurteilung erschossen. Um die insgesamt 19 hingerichteten Revolutionäre nicht zu Märtyrern zu stilisieren, wurden sie würdelos ohne Sarg und Kennzeichnung verscharrt.

Eine Würdigung der Freiheitskämpfer erfolgte spät. 1899 erst wurde ein Gedenkstein auf dem alten Rastatter Friedhof aufgestellt, zehn Jahre später kam es erstmals zu einer offiziellen Grabfeier. Ein größeres Denkmal für die Hingerichteten und weitere Freiheitskämpfer war schließlich die Einweihung der "Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte" (Rastatter Schloss) im Juni 1974 durch den damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann.

Beliebter Truppenführer

Eine abschließende Bewertung der Persönlichkeit und der Motive für das Engagement Biedenfelds während der Revolution kann aufgrund mangelnder Quellen nur eingeschränkt abgegeben werden. Es scheint, dass Biedenfeld bei seinen Soldaten ein beliebter Truppenführer war. Wie er letztlich zur Revolution stand, lässt sich nicht eindeutig erschließen.

Wahrscheinlich war er kein überzeugter Anhänger, aber vermutlich haben Loyalität und Anhänglichkeit im Sinne des "alten Offiziers", der zur Truppe hält, sein Engagement beeinflusst. Vielleicht haben auch eine gewisse Untätigkeit und das müßige Nichtstun während seines Ruhestandes Biedenfeld bewogen, in seine alte Rolle als Offizier zurückzukehren. Andererseits kann auch seine bedenkliche finanzielle Situation dazu beigetragen haben, den Schulden durch den Wiedereintritt in das Militär zu entfliehen. Letztlich bleiben seine Beweggründe für eine Beteiligung an der Badischen Revolution im Dunkeln.

Im letzten Brief an seinen Arzt Walchner schrieb Biedenfeld: "Ich bitte alle Bühler vom verlorenen Sohn zu grüßen". Er zeigte damit eine bestimmte Verbundenheit zu Bühl, wo er während der etwa fünf Jahre Kontakte zu liberal und demokratisch gesinnten Bürgern geknüpft hatte. Der Bühler Historiker Günther Mohr folgerte daraus 1999: "Wie manche Einwohner Bühls könnte er die Revolution ein Stück mitgegangen sein."

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