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Mit scharfer Klinge die Ortsmitte nachgebaut
19.08.2019 - 00:00 Uhr
Joachim Eiermann

Bühl - Der Trottenplatz in Eisental ist in seiner gegenwärtigen Form bald Geschichte, beginnen doch heute die Arbeiten zur Neugestaltung der Ortsmitte. Wie der Bereich vor dem Umbau ausgesehen hat, ist für die Nachwelt in einem detailgetreuen Modell im Maßstab 1:100 konserviert. Den Platz und die angrenzenden Gebäude nachgebaut, das hat über Monate hinweg Günter Grebenstein.

Der Rentner wohnt unmittelbar bei der Trotte - im Neubau des DORV-Zentrums, von dessen Balkon aus er die ganze Szenerie überblicken kann. Angefangen hat alles mit einem Gebäude, der Schartenbergschule: "Mich hat die Architektur interessiert", schildert Grebenstein. So machte er sich an die Arbeit, nahm zunächst vor Ort Maß und übertrug alle Einzelheiten akribisch auf Papier. Das Ergebnis ist einem Architektenplan ziemlich nahe, mit dem Unterschied, dass in seiner Konstruktion der Meter zum Zentimeter wird.

Aus millimeterdünnen Kunststoffplatten schneidet der 79-Jährige mit scharfer Klinge und sicherer Hand die Wände aus. "Bei mir gibt es keine Laser- und Computertechnik, das ist alles handgemacht." Er sägt sodann die Laibungen aus den Wandteilen und klebt Acrylglasplatten dahinter, um die Fenster nachzubilden. Als Dachflächen dienen ihm Prägeplatten mit einer ziegelmarkengetreuen Oberfläche aus dem Modellbaufachhandel. Die Schule nimmt Gestalt an. "Dann habe ich das Feuerwehrhaus gleich mitgebaut. Und so kam eines zum anderen", erzählt der Ruheständler.

Als er seine ersten Ergebnisse bei der städtischen Seniorenweihnachtsfeier ausstellt, finden die Modelle viel Beifall. "Das hat mich beflügelt." Am Ende steht in seinem Wohnzimmer, das als Hobbyraum herhalten muss, ein Ensemble aus zwölf Gebäuden inklusive dem Platz mit der großen alten Weinpresse.

Derzeit ist der Mini-Trottenplatz in der Schartenberghalle aufgebaut; zuvor zeigte Ortsvorsteher Jürgen Lauten das Modell in der Ortsverwaltung. Nur die wenigsten Betrachter dürften allerdings erahnen, dass hinter der professionellen Ausfertigung ein Profi steckt, dessen berufliche Laufbahn mit einer Lehre als Werkzeugmacher begann.

Grebenstein weist eine DDR-Biografie auf, die sich durch die Wende völlig veränderte. Als die Berliner Mauer fällt, leitet er als Diplom-Ingenieur die Konstruktionsabteilung für Vorrichtungen und Werkzeuge bei Zeiss Jena. Lothar Späth, der frühere baden-württembergische Ministerpräsident, tritt auf den Plan, um den einst volkseigenen Betrieb zu sanieren. Es folgen Massenentlassungen. "Ich gehörte zu den letzten Zehntausend von einst 30 000, die im Hauptwerk verblieben sind." Aber dann trifft es auch ihn. Die Aussicht: mit 58 Jahren per Sozialplan in die Arbeitslosigkeit, mit 60 vorzeitig in Rente.

Als Modellbauer Ich-AG gegründet

Das Arbeitsamt sucht einen Modellbauer, Grebenstein meldet sich. Sein erster Auftrag: für ein Maklerbüro zerlegbare Modelle von Einfamilienhäusern im Maßstab von 1:50 nachzubauen. Dies ist der Schritt in die berufliche Selbstständigkeit, gefördert vom Arbeitsamt als Ich-AG. Mit einem großen dreidimensionalen Tourismus-Modell des Thüringer Schiefergebirges und interaktiv aufleuchtenden Ausflugszielen macht er sein Meisterstück. "Sogar das MDR-Fernsehen hat damals darüber berichtet."

Sohn Matthias gewann 1987 die DDR-Meisterschaft im Hochsprung, sah aber nach der Wende als Sportlehrer keine berufliche Perspektive im Osten für sich und ging in den Westen. Er arbeitet heute als Therapeut in Baden-Baden und hat sich mit seiner Familie im Gehöft der Schwiegereltern in Eisental eingerichtet. Die langen Fahrten ins Badische (500 Kilometer einfache Strecke) bewogen Günter Grebenstein und seine Ehefrau Hannelore, die 1957 DDR-Meisterin im Hochsprung war, zum Nachzug, um ihren heranwachsenden Enkelkindern Pauline und Max nahe zu sein.

Der nicht einfache Beschluss, in Jena alles aufzugeben, fiel, als klar war, dass das Paar ins DORV-Zentrum würde einziehen können. Im Oktober 2013 kam der Umzugswagen. Seine ehemalige Datsche samt Brunnenhäuschen hat Grebenstein selbstredend als Kopie im Regal stehen.

Der Modellbau bereichert seinen Alltag, nachdem er eine schwere Krankheit überwand und wieder seine alte Fingerfertigkeit zurückgewonnen hat. Selbst allerkleinste Details, wie Wegkreuz, Blumenbeete oder eine Replik auf die künstlerisch gestalteten Weinflaschen vor der Schartenberghalle (anlässlich des Winzerfests), finden sich in seiner Trottenplatz-Replik wieder.

Er holt ein paar Plastikteile aus dem Schrank; es sind Fragmente eines neuen Bauvorhabens mit ebenfalls Eisentaler Bezug: "Die Kirche ist noch im Werden." Modellbau ist eben wie im richtigen Leben: Die Arbeit geht nie aus.

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