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Vom Schwarzfahren bis zum Mord
12.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Sarah Reith

Bühl - Gitter vor den Fenstern, Stacheldraht über der Mauer, Sicherheitstüren: Mehr als 40 Jahre lang war das Bühler Frauengefängnis der Arbeitsplatz von Elisabeth Leonhard. In dieser Zeit hat sich im Strafvollzug viel verändert, berichtet die 60-Jährige, die die Einrichtung 14 Jahre lang leitete. Zu den Änderungen gehört, dass mittlerweile einige Männer in der Justizvollzugsanstalt arbeiten - seit dieser Woche auch Egon Schmelzle, Leonhards Nachfolger.


Früher war es unüblich, dass im Frauenvollzug Männer tätig waren - und umgekehrt. Nach dem Amtsmissbrauch von Leonhards männlichem Vorgänger war es dann vom Ministerium aus sogar grundsätzlich nicht mehr gewünscht, dass in Bühl Männer beschäftigt werden. Mittlerweile ist aber auch hier das Team gemischt: Rund ein Drittel der 21 Mitarbeiter sind männlich. "Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht", betont Leonhard mit Blick auf die männlichen Kollegen. Schließlich sei die Qualifikation und nicht das Geschlecht entscheidend.

"Heute ist das ein Beruf wie jeder andere", ist Leonhard zudem überzeugt - trotz der Sicherheitsschleuse, die man auf dem Weg zum Schreibtisch durchqueren muss. "Es ist genauso wie draußen, nur dass die Leute straffällig geworden sind", meint sie. Man lerne, mit der besonderen Umgebung umzugehen. Aufgabe der Belegschaft sei es, dafür zu sorgen, "dass das Leben funktioniert". Für Leonhard ist dabei der gegenseitige Respekt stets wichtig gewesen. Dann funktioniere auch der Umgang mit den Gefangenen. Manch eine habe später geschrieben und berichtet, dass sie nach dem Aufenthalt in der JVA ihr Leben in den Griff bekommen habe. "Man erreicht nicht alle", weiß die scheidende Dienstleiterin aber auch.

So kämen inzwischen viele Frauen, die sozial verwahrlost seien und psychisch auffällig. Diese Frauen seien nicht eigentlich kriminell, sondern lebten auf der Straße und würden beim Schwarzfahren oder einem Diebstahl erwischt. Nach der Entlassung landeten sie oft schnell erneut im Gefängnis. Ähnlich wie in der Gesellschaft allgemein gebe es auch bei den Inhaftierten heute mehr psychische Auffälligkeiten als vor einigen Jahrzehnten, sind sich Leonhard und ihr Nachfolger Egon Schmelzle einig. Auch der 54-Jährige blickt bereits auf mehr als 30 Jahre Erfahrung im Strafvollzug zurück, er war zuletzt in der JVA Offenburg tätig.

Eine weitere Veränderung: Der Altersdurchschnitt der Bühler Insassinnen ist gesunken, hat Leonhard beobachtet. Ab 14 Jahren ist ein Gefängnisaufenthalt rechtlich möglich. Aber während es früher nur hin und wieder eine 14-Jährige gab, seien es nun manchmal vier oder fünf gleichzeitig.

Über 28 Haftplätze verfügt die Bühler Einrichtung offiziell. Manchmal sind aber deutlich mehr Frauen inhaftiert: Derzeit seien es 31, man sei auch schon auf mehr als 40 gekommen, sagt Leonhard. Das geht, weil für die Einzelhaft vorgesehene Zellen mitunter doppelt belegt werden - viele der Frauen wollen gar nicht allein untergebracht werden.

In Bühl verbüßen manche eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe (wenn sie eine Geldstrafe nicht bezahlen konnten), andere eine reguläre Freiheitsstrafe, oder sie sitzen in Untersuchungshaft. Das Spektrum an Delikten reicht "von Schwarzfahren bis Mord", macht Schmelzle die Bandbreite deutlich. Auch Diebstähle und Drogendelikte sind häufig, ergänzt seine Amtsvorgängerin.

Für Leonhard gehört der Gefängnisalltag nun der Vergangenheit an. Sie freut sich darauf, im Ruhestand mehr Zeit für Reisen und Sport zu haben "und vielleicht auch mal nicht zu planen". Für Schmelzle hingegen hat die Einarbeitung begonnen - Pläne wird er wohl ebenfalls machen müssen. Unter anderem stehen im Gefängnis Sanierungsarbeiten an. Den Anfang macht man im nächsten Frühjahr mit der Erneuerung der Heizungsanlage.

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