https://www.badisches-tagblatt.de/weihnachtsabo/index.html
http://www.badisches-tagblatt.de/weihnachtsabo/index.html
Schutz vor dem Verbraucher
Schutz vor dem Verbraucher
26.10.2019 - 00:00 Uhr
Von Martina Fuß

Bühl - Kein Wunder, stehen diesem Mann die Haare derart zu Berge! Er regt sich auf, lamentiert, rennt auf der Bühne hin und her, fuchtelt wild mit den Armen. Was für eine Energie! Urban Priol ist im Bürgerhaus Neuer Markt in Bühl zu Gast und was er präsentiert, erfüllt ganz und gar die Erwartungen des Publikums. Nach drei Stunden am Donnerstagabend gibt es Jubel und einen Riesenbeifall für den Kabarettisten.

Es ist ein rundum gelungener Abend, witzig, unterhaltsam und ohne jegliche Längen. Angesichts des zweieinhalbstündigen Programms mit Pause ist das bewundernswert, zumal Priol alleine auf der Bühne agiert und dabei keinerlei Requisiten nutzt. Ein Bistrotisch, wo er sein Manuskript ablegt, ein Glas Bier und - in einiger Entfernung - ein Stuhl, auf den er sich ganz selten auch mal setzt. Mehr braucht der Mann nicht, um ein furioses Feuerwerk abzuliefern.

Empörung, Spott, Ironie, Zynismus, Ernst und auch Hoffnung sind die Zutaten, mit denen er auf die Welt blickt - bevorzugt auf die politische und deren Protagonisten. Ob Seehofer, Söder, Gabriel, Merkel oder AKK - sie stehen alle unter genauer Beobachtung hinsichtlich ihres politischen Tuns - samt Adenauer, Brandt und Kohl. Dabei kommentiert Priol nicht nur, sondern holt sie allesamt auf die Bühne. Er ist ein genialer Imitator. Körperhaltung, Sprache, Gestik und eine erstaunlich voluminöse Stimme machen es möglich, dass die Altvorderen der deutschen Politik ebenso erscheinen wie die aktuellen Politiker.

Um den "Genossen der Bosse", Gerhard Schröder, zu imitieren, reicht die Andeutung eines Lachens. Sprachlich charmant in Szene gesetzt ist - mangels eigenem Personal - ein Kanzlerkandidat aus Österreich: "Der Sebastian (Kurz), den man vor ein paar Jahren noch im Bälle-Bad bei Ikea abholen musste. Aber ein Österreicher als Heilsbringer für Deutschland?"

Der "Reste-Rampen-Contest" bei der SPD sei nervig. Dieses Drehen um sich selbst, während Europa überall ausfranst. An drei "Hexen von Eastwick" (Merkel, von der Leyen und Lagarde) arbeitet sich Priol ebenso ab wie an Annegret Kramp-Karrenbauer, die Gretel aus dem Saarland, die jetzt als Spaßkanone Chefin der Bundeswehr ist. "Chef-Pleitier" Lindner eignet sich mit "seiner heißen Luft, die er ausstößt" ebenso für Häme, wie Verkehrsminister Scheuer: "Wenn man die CDU wählt, kriegt man diese seltsamen Voralpenwichtel immer mit dazu."

Der Klimawandel und das eben verabschiedete "Klimapäckchen" nimmt er genauso aufs Korn, wie die Haltung von "Miss Ernte", Julia Klöckner: "Sie schützt die Lebensmittelkonzerne vor dem Verbraucher." Großen Beifall gab es, als endlich auch Winfried Kretschmann mit von der Partie war und seine philosophische Ader so richtig ausleben konnte.

Angesichts der Klimadiskussion empört sich Urban Priol über die neuen Autos, die auf der Messe präsentiert werden: "70 Tonnen Rohstoff, um ein 1,5-Tonnen-Fahrzeug herzustellen, das einen 80 Kilogramm schweren Menschen 300 Meter weit fährt, um im Supermarkt 200 Gramm eingeschweißte Schweinenacken zu kaufen."

Das klingt, so aufgeschrieben, ein bisschen gruselig, aber Priol ist ein begnadeter Erzähler, der weiß, ernste Themen unterhaltsam aufzuspießen. Er hält den Spiegel vor und zeigt auf die blinden Flecken: "Wir erwarten von der Politik Ideen, Visionen und Thesen. Für was aber steht die Politik? Für Wischi-Waschi, Pille-Palle und Wisch und Weg." Aber da gibt es ja noch zwei Damen, die immer treu zu ihm stehen und ihm immer sagen, was er tun soll: Alexa und Siri, denen er auch gerne mal erklärt, was Demokratie bedeutet.

BeiträgeBeitrag schreiben 



Das könnte Sie auch interessieren

Freiburg
Freiburgs furioser

19.08.2019
Keller und SC in aller Munde
Freiburg (dpa) - So richtig wissen sie beim SC Freiburg nicht, wie ihnen geschieht. Da soll ihr Clubpräsident Fritz Keller plötzlich DFB-Boss werden und steht in den Schlagzeilen. Dann gewinnen sie ihr Auftaktspiel gegen den FSV Mainz 05 wie aus der Wundertüte noch mit 3:0 (Foto: dpa). »-Mehr
Umfrage

Die SPD fordert Nachverhandlungen im Koalitionsvertrag. Glauben Sie, dass das Regierungsbündnis daran zerbricht?

Ja.
Nein.
Weiß ich nicht.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1