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Ein Kartell des Schweigens
Ein Kartell des Schweigens
11.11.2019 - 00:00 Uhr
Ottersweier (mig) - Locker weitere 1 000 Jahre könnte die Pfarrkirche St. Johannes stehen bleiben, und in Kürze wird in der Hub endlich auch namentlich an die Opfer der Euthansie der Nazis erinnert. Das und viele weitere geschichtliche Details erfuhr das Publikum beim 16. "Tag der Heimatgeschichte" im Landkreis Rastatt am Freitag im Gemeindezentrum St. Johannes.

"Die Geschichte von Ottersweier ist in ihrer Vielfalt fast einzigartig", sagte Landrat Toni Huber. Zum ersten Mal finde der Tag der Heimatgeschichte des Landkreises hier statt und halte spannende Themen bereit. Wo heute der Kirchplatz ist, standen die Vorgängerkirchen der Ottersweierer Pfarrkirche, berichtete Renate Höß. Der ehemalige Chorraum sei der heutige Eingangsbereich und 500 Jahre alt. Einer der Türme steht bereits seit 800 Jahren. Das Kirchenschiff wurde von 1906 bis 1912 aus Ziegelsteinen gebaut und mit Sandsteinplatten verkleidet, berichtete sie. Der überdachte Gang zu dem vor rund 100 Jahren ebenfalls neu gebauten Pfarrhaus habe als "teuerster Regenschirm der Erzdiözese" gegolten.

"Ich hätte Ihnen noch stundenlang zuhören können", lobte Kreisarchivar Martin Walter. Er sei sicher, dass die "Kathedrale" mit den zwei Türmen von Architekt Johannes Schroth noch "locker weitere 1 000 Jahre stehen kann." Walter zeigte einen unterhaltsamen Schwarz-Weiß-Film über die Region aus dem Jahr 1957. Viel Applaus bekam das elfjährige Trompeten-Talent Carl Schönborn. Er sorgte zusammen mit dem Leiter der Bühler Musikschule, Bernhard Löffler, für die musikalische Umrahmung.

"Wallfahrer in hellen Scharen" zog Maria Linden im 17. Jahrhundert an, berichtete der Historiker Johannes Werner. Grund waren Jesuiten, die so mitreißend predigten, dass sich Tausende auf freiem Feld versammelten, viele in Tränen ausbrachen, sich umarmten und versöhnten. Damals sei es dem Jesuitenorden zugefallen, die protestantische Bevölkerung Badens zur katholischen Kirche zurückzubringen. Und viele hätten in Maria Linden Hoffnung, Heilung und Tröstung gefunden.

Bürgermeister Jürgen Pfetzer berichtete, dass der Ort einer der ältesten in der Region sei und einst Zentrum eines großen Dekanats der Diözese Straßburg war, das von der Oos bis zum Achertal reichte. Er dankte dem Historischen Bürgerverein Ottersweier für die Bewirtung. Außerdem kündigte er an, dass am 26. November in der Hub ein von Manfred Emmenegger-Kanzler gestaltetes Mahnmal übergeben werde, das erstmals an die Namen der von den Nazis ermordeten Bewohner erinnert. "Auch das sei Teil der Geschichte Ottersweiers.

Viel Raum nahm eine Gesprächsrunde über den staatlich verordneten Massenmord Anfang der 1940er Jahre ein, den die Nazis Euthanasie nannten. Damals wurden psychisch kranke und behinderte Menschen aus der Hub und der Illenau von grauen Bussen abgeholt und danach umgebracht. "Es gab ein Kartell des Schweigens darüber," kommentierte Thomas Stöckle, Leiter der Gedenkstätte Grafeneck.

Die Acherner Stadtarchivarin Andrea Rumpf schilderte, wie in der Illenau heute an die Opfer erinnert wird. Jürgen Jung vom Klinikum Mittelbaden sagte, mehr als 400 damalige Bewohner der Hub seien aus ihrem Umfeld und aus dem Leben gerissen worden. Man habe ihnen nicht helfen können. An die Bedeutung der Archive im Land und die dort wartenden "noch ungehobenen Schätze" erinnerte Kurt Hochstuhl, der zuletzt das Staatsarchiv Freiburg leitete.

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