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Mit grauen Bussen in die Tötungsanstalt Grafeneck
23.11.2019 - 08:13 Uhr
Von Marianne Blumbach

Ottersweier - Im Park der Hub wird am kommenden Dienstag, 26. November, das von dem in Ottersweier lebenden Künstler Manfred Emmenegger-Kanzler entworfene Mahnmal für die bis jetzt namentlich bekannten 411 Huber Opfer der Euthanasie eingeweiht. Dies ist der Anlass, um den Lebensweg eines dieser Opfer zu rekonstruieren. Marianne Blumbach hat die Lebensgeschichte ihrer im Rahmen der Euthanasie ermordeten Großmutter zusammengetragen, die wir im Folgenden veröffentlichen:

"Meine Großmutter Maria Anna Beck, (genannt Marie) geborene Mauderer, kam als Tochter eines Tagelöhners und Korbmachers am 17.12.1884 in Ochsenfurt am Main als siebtes von neun Kindern zur Welt. Ihre Familie lebte in armen Verhältnissen, besonders nachdem ihr Vater 1895 an Hirnhautentzündung gestorben war. Ihre Mutter starb 1898 vermutlich an Tuberkulose, so dass Marie bereits mit 14 Jahren Vollwaise war.

Im Arztbericht ihrer Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen ist vermerkt, dass sie als Kind die "englische Krankheit" überstanden hat, in der Schule nie sitzen geblieben ist und nach der Schule lange in Dienststellungen tätig war. Meine Mutter erzählte mir, dass meine Großmutter in Karlsruhe lange bei einer Majorsfamilie als Köchin gearbeitet hat. Maries Lebensweg veränderte sich dramatisch, als sie am 9.4.1919 eine uneheliche Tochter gebar. Der verheiratete Vater von vier Töchtern übernahm nur die Rolle des Unterhaltzahlers. Marie kündigte aus Scham ihre gute Stellung bei der Majorsfamilie und gab ihre Tochter, die meine Mutter ist, sofort nach der Geburt in Pflege.

1921 erkrankte Marie schwer an "Kopfgrippe" (eine infektiöse Encephalitis) und lag 21 Wochen lang im Krankenhaus in Karlsruhe. Langsam erholte sie sich von den Krankheitssymptomen (unter anderem Schlafsucht, Zuckungen und Schmerzen in den Füßen) und lebte anschließend ein Jahr lang bei ihrer Schwester. Am 15.9.1923 heiratete sie den zuvor im Frühjahr 1923 verwitweten Korbmacher Josef Beck, der 24 Jahre älter als sie war.

Das Paar wohnte zunächst in Karlsruhe in der Fasanenstraße, später dann in der Durlacher Straße, dem damals ärmsten Karlsruher Stadtteil. Im Jahr 1928 holten sie die kleine Tochter, inzwischen neun Jahre alt und wohlbehütet bei einer Pflegemutter aufgewachsen, zu sich. 1932 kam Marie erneut ins Krankenhaus in Karlsruhe. Sie litt laut Gutachten der Fürsorgestelle für Kranke und Geisteskranke Karlsruhe an "postencephalitischer Parkinsonscher Krankheit mit gleichzeitigen psychischen Störungen".

Vom 14.9.1932 bis zum 24.9.1933 war sie Patientin in der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen (Diagnose: "Encephalitis epidem. chron."). Laut Krankenakte war Marie sehr lahm, lethargisch, stimmungslabil, verstört und voll Angst und Unruhe. Sie konnte immer schlechter gehen und sprechen, hatte Halluzinationen und zunehmend geistige Schwächen. Im Gegensatz dazu wird sie auch ganz anders beschrieben: vergnügt, zufrieden, optimistisch und ohne besondere Wünsche, eine Frau, die gerne zu Veranstaltungen des Hauses ging.

Behandelt wurde sie nach einer damals üblichen Methode mit Atropin. Als Folge einer Überdosierung litt sie vorübergehend an Schwindel und Erbrechen. Etwa ein Jahr nach ihrer Einlieferung wurde sie am 24.9.1933 gegen den ärztlichen Rat von ihrem Mann nach Hause geholt. Sie war nicht arbeitsfähig, aber ihr war "Besserungsfähigkeit" attestiert worden. Am 21.6.1938 wurde sie in die Kreispflegeanstalt Ottersweier-Hub aufgenommen und von dort am 15.5.1940 zusammen mit 70 weiteren Bewohnern der Hub mit einem der sogenannten "grauen Busse" in die Anstalt Zwiefalten - eine Zwischenanstalt für Transporte in die Tötungsanstalt Grafeneck - verlegt. Nur wenige Tage später ging es weiter nach Grafeneck. Dort wurde meine Großmutter am 21.5.1940 in der Gaskammer ermordet. Den sogenannten "Trostbrief" erhielten die Angehörigen von der Heilanstalt Brandenburg an der Havel. Er war unterschrieben von einem Dr. Schmitt. Hinter diesem Tarnnamen versteckte sich der stellvertretende Leiter Dr. Aquilin Ullrich. Er schrieb: "Alle ärztlichen Bemühungen, Ihre Frau am Leben zu erhalten, blieben leider ohne Erfolg. Da jedoch bei der Art und der Schwere des Leidens ihrer Frau mit einer Besserung und damit auch mit einer Entlassung aus der Anstalt nicht mehr zu rechnen war, kann man ihren Tod, der sie von ihrem Leiden befreite und sie so vor einer lebenslänglichen Anstaltspflege bewahrte, nur als Erlösung für sie ansehen."

Durch einen Austausch der Akten zwischen den verschiedenen Vernichtungslagern und mit Hilfe falscher Beurkundungen sollten gegenüber den Angehörigen der wirkliche Ort und der Grund der Ermordung verschleiert werden.

Die zugesandte Asche stammte nicht von der Ermordeten. In der Regel wurde eine Urne mit irgendwelcher Asche aus einem Haufen menschlicher Überreste gefüllt. Ein kleines Köfferchen mit ihren letzten Habseligkeiten wurde der Familie ebenfalls zugeschickt.

Dr. Ullrich wurde 1967 wegen Beihilfe zum Mord vom Gericht aufgrund seines fehlenden Bewusstseins der Rechtswidrigkeit freigesprochen. Er konnte bis Februar 1984 seine Arztpraxis in Deutschland weiterführen. Dann musste er sich wieder vor dem Landgericht Frankfurt am Main verantworten und wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof ermäßigte im Revisionsverfahren die Strafe 1988 auf drei Jahre, von denen Ullrich aber nur 20 Monate absaß.

Auch die Ärzte in der reichsweit ersten Vernichtungsanstalt Grafeneck mussten sich letztendlich nicht für ihr Handeln verantworten. Dr. Horst Schumann, der auch noch ab Herbst 1942 selektierender Lagerarzt in Auschwitz wurde, verstarb 1983 in Frankfurt, nachdem sein Prozess 1971 wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt worden war.

Ich veröffentliche die Lebensgeschichte meiner Großmutter, von der nur noch ein verblasstes Foto existiert, um zu erreichen, dass sie als Opfer der Euthanasie nicht vergessen ist, dass ihr ihre Geschichte und Menschenwürde zurückgegeben werden und dass ihr Name in der Huber Opferliste genannt wird. Mit diesem Akt wird Maria Anna Beck der Anonymität entrissen, in die sie einst von den Nazis gestoßen wurde."

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