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Nach Jahrzehnten aus Anonymität gerissen
Nach Jahrzehnten aus Anonymität gerissen
27.11.2019 - 00:00 Uhr
Ottersweier (mig) - Würdevoll und ergreifend wurde gestern in der Kirche des Pflegeheims Hub an die Menschen erinnert, die 1940 hier lebten und von den Nazis aus der Gemeinschaft gerissen wurden - weil der Staat sie als "unwert" betrachtete. Endlich bekommen die Opfer des Massenmords an den psychisch Erkrankten Namen. Sie stehen auf Quadraten dicht über dem Boden - herausgeschnitten aus einem großen Metallkörper, der direkt vor dem Weinbrennerhaus hoch aufragt.

Emilie Waltersbacher, Christiane Ziegler, Anna Metzinger, Ida Vogel, Frieda Wolf... So hießen sie. Die Enkelin von Maria Anna Beck, Marianne Blumbach, brachte bewegend auf den Punkt, was dieses späte Gedenken bedeutet: "Diese Stunde ist wie ein richtiger Abschied. Sie haben meine Großmutter der Anonymität entrissen. Dafür danke ich Ihnen sehr." Damals hätten die Behörden alles getan, um den Mord zu verschleiern.

Mit Rosen und Kerzen versammelten sich die Gäste vor dem neuen Mahnmal. Diakon Manfred Sester segnete es und beklagte gemeinsam mit ihnen das geschehene Unrecht. "Hinter jedem Ermordeten steht eine Familie", sagte Landrat Toni Huber. Es sei "ein dunkles Kapitel der Hub, das uns beschämt." Doch vergessen dürfe man es niemals.

Menschen wie Adalbert Metzinger hätten den Finger immer wieder in die Wunde gelegt. Seit 1990 werde in der Hub an die Opfer erinnert, seit 1999 kenne man aus einem Verzeichnis die Namen von 168 ermordeten Männern und 239 Frauen. Mahnend stand das Buch mit den Aufzeichnungen auf dem Altar der Kirche. Das jetzt auf Anregung von Bürgermeister Jürgen Pfetzer errichtete Mahnmal sei etwas Besonderes, so Huber. Nicht nur, weil es die Namen der Opfer benenne, sondern auch, weil die Initiative dafür von der Hub und von Ottersweier ausging.

"Aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen", diesen Satz habe er bildlich umgesetzt, erklärte der Ottersweierer Künstler Manfred Emmenegger-Kanzler. Neben dem Standort vor dem Weinbrennhaus gebe es sechs Nebenstandorte am Teich und im Park der Hub. Jeder erinnert an einen Deportationstag. Fünf Kurzbiografien stehen stellvertretend für etwa 500 Opfer der "Euthanasie" aus der Hub. 418 Namen kenne man und könne man nun lesen. Für die noch Unbekannten sei eine Tafel leer geblieben.

Der Künstler dankte dem Klinikum Mittelbaden für das Vertrauen und vielen Beteiligten für die Hilfe bei der Umsetzung. Besondere Symbolik hat ein Lichtkreuz im Inneren des Metallkörpers, der an ein Haus mit Fenstern erinnert. Auf dem Fundament des Christentums, vor allem auf Nächstenliebe und Solidarität, stehe das Haus unserer Gesellschaft, sagte er. Dies sei auch Symbol für die heutige Gesellschaft, in der unterschiedliche Menschen friedlich zusammenleben. (Bericht zur Feierstunde folgt)

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