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Alte Rezeptbücher in neuer Auflage
Alte Rezeptbücher in neuer Auflage
09.01.2020 - 00:00 Uhr
Von Veruschka Rechel

Ottersweier - "Die Welt ist das Herz des Mannes, das Haus die Welt der Frau" ist nur eine der vielen Sentenzen zur Erziehung höherer Töchter im 19. Jahrhundert, die auch für die Großherzogin-Luise-Haushaltungs-Schule in Baden-Baden galten. Druck-Erzeugnisse dieser Schule hat Roland Klöpfer aus Hatzenweier nun vor dem Vergessen gerettet.

Die Namensgeberin der Baden-Badener Schule gründete bereits 1859 in Karlsruhe den ersten Badischen Frauenverein, Vorläufer der Rotkreuz-Schwesternschaft. Der badische Frauenverein war federführend bei Kursen und Schulungen in der Hauswirtschaft. Denn auch der Pädagogik galt das Interesse der Großherzogin. Schließlich war sie die Gattin des badischen Großherzogs Friedrich I., der für das Bildungswesen in seinem Land entscheidende Impulse gegeben hatte.

Vor etwa einem Jahr entdeckte Roland Klöpfer aus Hatzenweier bei einem Bekannten einen besonderen Schatz, den dieser auf dem Flohmarkt in Baden-Baden gefunden hatte: zwei Kochbücher von 1906 aus der Großherzogin-Luise-Haushaltungs-Schule. In ihnen sind handschriftlich Koch- und Backrezepte wie etwa für "Fleischbrühmeerrettig" aus Rindfleisch mit Meerrettichsoße und den englischen Cabinet Pudding aus Löffelbiskuits und in Likör mazerierten Dickzuckerfrüchten, Rosinen und Korinthen festgehalten.

Zum Glück wurden die beiden handschriftlich verfassten Bände von Klöpfer entdeckt, denn in seinem kleinen, feinen Betrieb in Ottersweier lässt der Buchbinder- und Druckermeister seit 27 Jahren die alte Buchbinderkunst à la Gutenberg wieder aufleben. Er ist spezialisiert auf Kleinauflagen von Büchern in hochwertiger Ausführung wie Leinenoptik mit Goldprägung. Deshalb ließ er die antiquarischen Kostbarkeiten von seinem Mitarbeiter Manfred Mägerle, der für Satz und Gestaltung verantwortlich ist, sorgfältig abschreiben und druckte sie in einer Auflage von hundert Stück neu. "Damit habe ich ein Stück Baden-Badener Kultur gerettet", sagt Klöpfer.

Grundsätzlich liege ihm die Erhaltung der historischen Buchkultur sehr am Herzen. Über hundert alte Bücher habe er schon gedruckt, dadurch lesbar gemacht und für die Nachwelt erhalten. Darunter sind die Kochbücher der Großherzogin-Luise-Haushaltungs-Schule absolute Highlights.

Mägerle ist beim Abschreiben viel Außergewöhnliches aufgefallen, zum Beispiel, dass für jeden Tag der Woche ein komplettes Menü mit jeweils Suppe, Hauptgericht und Nachspeise zusammengestellt wurde.

Hochwertige Lebensmittel wie Aal, Forelle, Rebhühner, Reh-, Gänse- und Hasenbraten sprächen dafür, dass die Haushaltungsschule den Mädchen aus gut situiertem Elternhaus vorbehalten war. "Solche Zutaten konnte sich damals kein Normalbürger leisten", betont Mägerle. Als modernen Zusatz-Service machte er sich die Mühe, ein alphabetisches Verzeichnis der gesamten Gerichte zu erstellen.

Erstaunt war er auch darüber, dass alles in moderner Schrift abgefasst war. Das sei für die damalige Zeit, in der normalerweise Sütterlin geschrieben wurde, bis diese Schrift 1942 von Hitler verboten wurde, mehr als ungewöhnlich gewesen. Warum das so ist, lässt sich nur vermuten. Vielleicht, weil die lateinische Schrift schneller und einfacher zu schreiben war als Sütterlin.

Die Neuauflage der alten Kochbücher wird morgen, 10. Januar, um 20 Uhr im "Atlantic Parkhotel" in Baden-Baden vorgestellt. "Falls sie reißenden Absatz finden, kann ich sie problemlos nachdrucken", frozzelt Roland Klöpfer.

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