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"Viele müssen den Hintern hoch bekommen"
'Viele müssen den Hintern hoch bekommen'
10.01.2020 - 07:15 Uhr
Von Joachim Eiermann

Ottersweier - Einen flammenden Appell für Solidarität und Beteiligung an der Gemeinschaft richtete Bürgermeister Jürgen Pfetzer an die 400 Besucher des inzwischen 20. Neujahrsempfangs der Gemeinde Ottersweier. Er forderte seine Zuhörer in der dicht besetzten Sport- und Festhalle Unzhurst auf, damit einer wachsenden Ellenbogenmentalität und einer Verrohung der Gesellschaft gegenzusteuern: "Jeder Einzelne kann seinen individuellen Beitrag dazu leisten."

Pfetzer bezog sich in seinen Ausführungen auf eine aktuelle Allensbach-Studie. Der "Generation Mitte" in Deutschland gehe es wirtschaftlich so gut wie nie, "doch die 30- bis 59-Jährigen sehen die gesellschaftlichen Entwicklungen zunehmend negativ". Vier von fünf Befragten konstatierten eine zunehmende Aggressivität und Respektlosigkeit im alltäglichen Umgang. Zwei Drittel haben den Eindruck, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt schwach sei, zitierte Pfetzer aus der Studie.

Alarmsignale sind: rücksichtloses Verhalten im Verkehr ("Hauptkampfplatz ist offenbar die Straße"), ein aggressiver Umgangston gegenüber Personal von Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arztpraxen, Rüpelhaftigkeiten beim Schlangestehen an der Kasse, zunehmender Rassismus im Sport. Im Zusammenhang mit den Strafverschärfungen für Gaffer und beim Blockieren von Rettungsgassen, sagte er: "Wie krank ist es, Hilfskräfte in Ausübung ihrer Tätigkeit zu bedrohen?" Wenn der Gesetzgeber eingreifen müsse, weil Gepflogenheiten und Selbstverständlichkeiten des Zusammenlebens nicht mehr funktionierten, laufe "etwas gewaltig schief in unserer Gesellschaft".

Pfetzer beklagte die aggressive, unpersönliche Spra che im Internet und eine Erziehung, die Kindern keine Empathie und keine Werte mehr vorlebe. "Dabei wird doch immer kostbarer, sich in eine andere Person einfühlen zu können, zu spüren, wenn man jemanden verletzt hat, wenn es jemandem nicht gut geht. Hilfsbereit zu sein, sich für andere einsetzen, das müssen wir vorleben."

So lohne es sich, in den Vereinen mitzuwirken: "Man kann viel geben und empfängt auch vieles." Pfetzer nannte die 72-Stunden-Aktion der katholischen Jugend, die Besuchsdienste der Kirchengemeinden und den DRK-Einkaufsservice für ältere Mitbürger. Als Treffpunkt für junge Menschen in Ottersweier richten Jugendliche derzeit einen Bauwagen her, in Unzhurst führe das Projekt "Dorfbott" Menschen unterschiedlichen Alters zusammen. Seine Aufzählung erhebe nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. "Sie soll nur vor Augen führen, dass es doch geht."

Wenn Ottersweier nicht zu einem Museum oder einer "Schlafgemeinde" verkommen soll, sondern ein lebendiger Lebensmittelpunkt bleiben will, "dann müssen viele den Hintern hoch bekommen", sprach der Bürgermeister Klartext. Ein Jeder könne sich einbringen und dazu beitragen, das Gemeinwesen zu stärken. In der ersten Reihe lauschte Ehrenbürger Bernhard Friedmann der Rede, dessen Stiftung die dörfliche Gemeinschaft seit Jahren finanziell stark fördert.

Vor 36 Jahren hatte in den USA eine Tageszeitung Kinder aus Montana befragt, wie sie sich das Leben im Jahr 2020 vorstellen. Was Fiktion blieb und was Realität wurde - damit unterhielt Pfetzer im ersten Teil seiner Neujahrsrede: "Die einen zeichneten Horrorszenarien, die anderen stellten sich eine glänzende Zukunft vor." Einer Schülerin schwante, "dass alle Menschen fett und faul werden, weil Computer und Roboter die ganze Arbeit machen".

Trotz aller technischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte: Die Musik zum Neujahrsempfang ist nach wie vor handgemacht und live gespielt. Die Original Burg-Windeck-Musikanten Ottersweier (Leitung: Friedel Seifert) umrahmten das kommunalpolitisch-gesellschaftliche Ereignis mit Highlights wie Elton Johns Musical-Medley "König der Löwen" und Hans Christian Lumbyes Klassiker "Champagnergalopp", bei dem echte Korken knallten. Das Glas aufs neue Jahr erhoben sodann zusammen mit den Bürgern, inklusive den örtlichen Vertretern und Honoratioren aus Politik, Wirtschaft, Behörden, Schulen, Kirche und Vereine, auch zahlreiche Gäste aus Bühl und der Region. So mischte sich auch die Baden-Badener OB Margret Mergen in Unzhurst unters Publikum. Spenden gesammelt wurden in diesem Jahr für die Bühler Tafel; acht Prozent der Kunden kommen aus Ottersweier.

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