https://www.badisches-tagblatt.de/spielerwahl/index.html
Ekel Alfred erklärt die Welt
Ekel Alfred erklärt die Welt
15.01.2020 - 00:00 Uhr
Von Joachim Eiermann

Bühl - Wer in den 70er Jahren auf den Familiennamen Tetzlaff hörte (wie ein ehemaliger Mitschüler des Verfassers dieser Theaterkritik), brauchte für den Spott nicht zu sorgen. Über den Familientyrannen Alfred Tetzlaff, ein rechthaberischer, reaktionärer Spießbürger des Drehbuchautors Wolfgang Menge, empörten sich viele TV-Konsumenten, andere applaudierten belustigt über den Wirrkopf und die tiefen Einblicke ins Innenleben piefiger deutscher Wohnstuben. Ekel Alfred war Gesprächsthema beim Bäcker, im Verein oder eben in der Schule.

Über vier Jahrzehnte später, nach diversen Dschungelcamps und allerlei anderer wirklicher Zumutungen in der teilkommerzialisierten deutschen Fernsehquotenlandschaft, kann sich über den pöbelnden Möchtegern-Patriarchen nun wahrlich nicht niemand mehr aufregen. Wolfram Fuchs von der Kammeroper Köln hat vier Episoden der WDR-Satire "Ein Herz und eine Seele" für die Theaterbühne inszeniert, zwei davon gab es am Montagabend im Bürgerhaus Neuer Markt zu erleben, das mit mehr als 500 Besuchern nahezu voll besetzt war.

Die Erwartungshaltung war groß. Der Regisseur selbst schlüpfte in die Rolle des Alfred Tetzlaff, den der Schauspieler Heinz Schubert seinerzeit grandios verkörpert hatte. Und Fuchs tat dies ebenfalls authentisch hemdsärmelig, wetterte über die "unfähige Regierung" Willy Brandts, zeterte fortwährend mit seiner Ehefrau Else, dieser "dusseligen Kuh", die den von ihm verzapften Stuss unverdrossen und naiv hinterfragte. Doris Otto vermochte in dieser Rolle mit Kittelschürze wie Abendkleid (beim "Silvesterpunsch") ebenfalls zu überzeugen. Die schlichte Küche und die Wohnzimmerkulisse à la Gelsenkirchener Barock entsprachen so ganz dem damaligen kleinbürgerlichen Zeitgeist.

Laura Weider mimte Tochter Rita, die "alberne Gans", die noch im elterlichen Haus wohnt - zusammen mit ihrem Ehemann Michael Graf, den Christian Sabisch eindeutig zu brav rüberbrachte. Der eher rebellische, politisch links orientierte Gegenspieler des rechtslastigen Hauptprotagonisten im TV-Original verkommt auf der Schauspielbühne zu einem ziemlich angepassten Schwiegersohn, der dem cholerischen Alten und seinen beleidigenden Kraftausdrücken nur zaghaft widerspricht. Auch Laura Weider hat wenig Gelegenheit, sich in ihrer Tochterrolle zu entfalten. Da war nichts zu spüren vom seinerzeitigen Zorn der Jugend, die im Gefolge der 68er gegen ihre Eltern aufbegehrte. Das Theaterstück wollte nicht so richtig Fahrt aufnehmen, das Publikum applaudierte eher verhalten ob dieser auf die Bühne geholten TV-Kost.

Der satirische Familienstreit aus einem Wattenscheider Reihenhaus hatte seine Zeit, als erstmals ein SPD-Kanzler in Deutschland für Aufbruchsstimmung sorgte und die Konservativen heftig dagegen wetterten. Heute ist das pure Nostalgie und als Stoff für die Bühne nicht gerade spektakulär. Die Gags, mit denen der geschwätzige Besserwisser Tetzlaff die Welt erklärt, sind bekannt; der "Silvesterpunsch" ist ein jährlich im TV ausgestrahlter Klassiker. Und wenn der Kotzbrocken in der vor der Pause gegebenen Episode "Tapetenwechsel" Türken als "Kameltreiber" und Italiener als "Spaghettis" verunglimpft, dann ist das zwar gelebte Ausländerfeindlichkeit, doch die findet heute in der Realität in ganz anderen Dimensionen statt - geschürt von größeren Ekeln als dem kleinen Alfred.

So wirkt er immer ein bisschen putzig, dieser Pantoffel-Napoleon mit Hosenträgern, der gar nichts kann, als über alles zu motzen und herrlich auszuteilen. Kostprobe zum Lebenslauf von Willy Brandt, der sich in seinen jungen Jahren publizistisch betätigt hatte: "Wenn einer zu faul ist, einen richtigen Beruf zu ergreifen, dann wird er Journalist."

BeiträgeBeitrag schreiben 
Umfrage

Aus Protest gegenüber der Agrarpolitik legen Bauern in mehreren Landeshauptstädten mit Traktoren den Verkehr lahm. Halten Sie ein solches Vorgehen für angemessen?

Ja.
Nein.
Das weiß ich nicht.


Wetter in Mittelbaden


BT Kinospot


© Badisches-Tagblatt.de    Impressum | AGB | Nutzungsbedingungen | Datenschutz   
1