Auf der Suche nach dem "Novemberlicht"

Auf der Suche nach dem 'Novemberlicht'

Von Udo Barth

Bühl - Besser hätte die mittlerweile zwölfte Ausgabe des Festivals "Novemberlicht" nicht starten können. Vollbesetzte Publikumsrän ge konnte Bürgermeister Wolfgang Jokerst bei der Begrüßung im Bürgerhaus Neuer Markt konstatieren, denn die Mundartreihe hat "hiwwe wie driwwe" des Rheins viele und treue Freunde gefunden.

In sieben badischen und vier elsässischen Städten und Gemeinden wird heuer das "Novemberlicht" entzündet, da gilt es ganz besonders Martina Decker vom Bühler Kulturbüro als Cheforganisatorin zu danken. So ganz neu ist es ja nicht, dass Jörg Kräuter und René Egles den Eröffnungsabend bestreiten. Auf den ersten Blick könnte der Unterschied zwischen Kräuter, der seine badischen Landsleute mit spitzer Zunge unter die Lupe nimmt, und Egles, der mit nachdenklichen oder knitzen Eigengewächsen agierende Poet aus "dem Landstrich, wo der Flommekueche wächst", nicht größer sein. Die beiden eint vor allem, dass sie stets mit dem Vorsatz agieren, das Publikum so zu unterhalten, dass es froh ist, nicht zu Hause geblieben zu sein.

Bevor der wortakrobadische Kabarettist die Bühne betritt, sind erst einmal seine Scherenschnitte in Riesenprojektion zu bestaunen. Eine richtige Geschichte hat sich der Homo Badensis ausgedacht, in der es auf der Suche nach dem "Novemberlicht" geht, um Seele und Herzen zu erwärmen. So einfach ist es nicht, vor allem sollte man nicht "huddle", wie es aus dem "Lied von der Ungeduld" zu vernehmen ist.

Fündig werden könnte der Sucher bei den Stadtwerken, bei denen es LED-Zwetschgen zum Aufhängen gibt. Dumm nur, dass diese allein im Paket mit Gas, Wasser und Abwasser zu erhalten sind. Also aufgemacht zur Hornisgrinde, von der aus geradezu spektakuläre Lichter zu erspähen sind. Bei genauerer Hinsicht entpuppen sich diese aber als Erzeugnisse der Industrie im Rheintal, was zur Seelenwärme schwerlich taugt. Für den besseren Überblick begibt sich Kräuter mit seiner Traudel spätabends in einen Heißluftballon zu einer Nachtfahrt, die nicht ganz frei von Risiken ist. Über Schwarzach werden die Lichtsucher von einem Ferienflieger touchiert - schwupps landet der Ballon mit dem Korb "lätzrum" auf dem Kirchturm des Münsters. Doch alles geht gut aus: "Es war bereits hell, als wir in Zürich gelandet sind." Zuhause angekommen, wird das Feuer im Ofen entfacht. Beim beschaulichen Hineingucken stellt sich heraus, dass es gar keiner auswärtigen Suche bedurft hätte, denn hier ist es, das "Novemberlicht": in der heimischen Stube.

"Guede Nobend binand" heißt es bei René Egles, dem Urgestein aus dem Welschkornland, dem begnadeten Liederfinder und Gschichtle-Erzähler. Seine Texte sind meist zärtliche Hommagen an seine Landsleute, Liebeslieder an Menschen gerichtet oder an seine Gitarre. Vielleicht ist er ein letzter Kämpfer für das Bewahren der elsässischen Mundart - kein Wunder, dass nach ihm, der auch Kinderlieder zum Besten gibt, eine Schule in Gumbrechtshoffen benannt wurde. "Unsere Sprooch isch krank, aber sie lebt noch", so das Urgestein der alemannischen Liedermacher-Szene. Dass nicht nur im Hambacher Forst die Säge kreischt, wird an diesem Abend auch klar. Denn für den Bau einer neuen Autobahn um Straßburg herum werden "Egles Freunde" gefällt. Der sanfte Anarchist kämpft dagegen mit Liebesbekundungen an: "Us dinnem Holz mach ich ä Klampf!" Er greift auch zur Ukulele, die mal eine Gitarre gewesen sein soll: "Die het Schdaub ket, isch von minnere Frau bi 90 Grad in der Wäschmäschin so ruskomme!"

Er gibt auch ein Stück über die Taufe zum Besten und dabei zu bedenken, dass diese für einen kleinen Wurm angesichts des Schwalls kalten Wassers gar nicht lustig sei. Wenn er zur Knetsch greift, dem diatonischen Akkordeon, erzählt er die Geschichte von einem blinden Straßenmusikanten, eine Hommage an längst vergangenen Zeiten in seiner Heimatstadt Stroßburri. Mit seinen drei Mitmusikern zündet René Egles an diesem Abend das "Novemberlicht" an - Seele und Herz erwärmend.

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