Schneebruch sorgt für Alarmstufe eins

Schneebruch sorgt für Alarmstufe eins

Von Gerold Hammes

Bühl/Schwarzwaldhochstraße - Der erste nennenswerte Wintereinbruch mit außergewöhnlichen Erscheinungsformen und Folgen sorgt im Höhengebiet für einen Ausnahmezustand - mit Verkehrskollaps, Schneebruch, einem Großeinsatz der Räumdienste und Straßensperrungen. Beim Betreten der Wälder besteht momentan akute Lebensgefahr. Bernd Schindler, Organisator der Loipenpflege beim Nationalpark und damit zuständig für das Langlaufnetz zwischen Herrenwies und Zuflucht, rät hiervon dringend ab. In den nächsten Tagen könnte sich die Lage aufgrund der für heute vorhergesagten Sturmböen und weiterer Niederschläge in den Folgetagen sogar noch verschärfen.

Bereits am Sonntagnachmittag zeichnete sich im Bereich des Nadelöhrs Mummelsee der Ernst der Lage ab. Das Polizeipräsidium Offenburg sprach sogar von einem "Verkehrschaos". Zahlreiche Skiläufer, aber auch neugierige, "schneehungrige" Tagestouristen, die zum Beispiel der neuen Grindehütte einen Besuch abstatten wollten oder im Mummelsee-Hotel einkehrten, verstopften die Hochstraße hoffnungslos. Hinzu kam, dass sich zwischen der Passhöhe und Seibelseckle eine durchgängig parkende Autoschlange bildete, was es in dieser Form vermutlich noch nie gab. Für Linienbusse, aber selbst für die Räumfahrzeuge gab es kein Durchkommen mehr. Die Folge: Beamte des Polizeireviers Achern/Oberkirch mussten anrücken und den Verkehr - so gut es ging - wieder in die Spur bringen.

Aus selbiger geriet am Montag gegen 4 Uhr ein Lkw, als zwischen Unterstmatt und Mummelsee ein Baum auf die B 500 kollabierte, der 61-jährige Fahrer nicht mehr ausweichen konnte und in den Stamm krachte. Der Schaden blieb mit 5000 Euro noch verhältnismäßig überschaubar.

Gestern Morgen dann der Verkehrsexitus: Die Schwarzwaldhochstraße (B500) zwischen Unterstmatt und Ruhestein wurde für den Verkehr komplett gesperrt. Dies galt auch für die L86 zwischen Brandmatt und der B500 und die L87 zwischen Hinterseebach und der B500. Aus diesem Grund legte der von der Außenwelt zwischenzeitlich abgeschnittene Skilift Seibelseckle außerplanmäßig einen Ruhetag ein. Am Ruhestein, auf Unterstmatt, Hundseck (Bühlertallift) und am Mehliskopf waren die Aufstiegshilfen hingegen in Betrieb, die meisten mit Flutlicht bis 22 Uhr. Aber auch für diese Unentwegten bereitete Skilauf bei Dauernebel alles, nur keinen Spaß.

Die Abteilung Neusatz der Bühler Feuerwehr war am Sonntagabend gefordert. Kurz nach 22 Uhr hatte sich auf der Omerskopfstraße (K3765), etwa drei Kilometer unterhalb der Unterstmatt, ein Baum quer über die Fahrbahn gelegt. Ein paar Stunden später, am Montag gegen 3.30 Uhr, war beim Schönbrunn die Arbeit einer Räumdienstbesatzung der Bühler Straßenmeisterei erst einmal zu Ende: Hier verhinderten entwurzelte Bäume und Äste ein Durchkommen. Folge: Eine weitere, mit Motorsägen ausgestattete Besatzung musste nachalarmiert werden.

Der Schneebruch vom Wochenende ist aufgrund der geringen Schneelast höchst ungewöhnlich und nur erklärbar durch die ständig wechselnden Temperaturen und Niederschläge bis in höchste Lagen, mal als Schnee, mal als Sprühregen - und zwischendurch zu allem Überfluss auch noch als gefrierender Regen. Am Ende glichen die Bäume und Äste einem einzigen, zentner- bis gar tonnenschweren Eispanzer. Durch Borkenkäfer vorgeschädigtes Holz bewirkte sein Übriges. Ansonsten verlief der Verkehr auf den Zufahrtsstraßen ins Bühler und Baden-Badener Höhengebiet weitgehend störungsfrei.

Auf Störung befand sich in den beiden vergangenen Tagen die Kommunikation zwischen dem Langlaufcenter Herrenwies und dem Nationalpark. Auf Herrenwies hatten Mathias Reidel und sein Vater Günter am Sonntag eine "komplette Mannschaft" für die Verpflegung und den Skiverleih vorgehalten. Gekommen sind aber nur wenige Besucher, da die Loipen nicht gespurt waren. Der Nationalpark hatte dies auf seinem Anrufbeantworter mit einer zu geringen Schneeauflage von zehn bis 15 Zentimeter begründet. So zogen lediglich ein paar Unentwegte ihre Spuren in den Schnee. Zumindest das Wiesengelände jenseits der L83, bekrittelt Mathias Reidel, hätte präpariert werden können. Nicht nachvollziehen konnte er auch, dass selbst die Gaiskopf- und Schwarzkopfloipe, auf der bis zu 25 Zentimeter Schnee lägen, nicht gespurt worden seien. Er hat dafür nur eine Erklärung: "Es dauert jedes Jahr immer sehr lange, bis die in die Pötte kommen."

Bernd Schindler widerspricht: "Die Sicherheit hat absoluten Vorrang!" Diese sei aber momentan nicht gegeben. Gestern seien zwei Teams in zwei Loipenspurgeräten unterwegs gewesen, um die Lage zu erkunden. Ergebnis: Es bestehe akute Lebensgefahr, nicht nur für Tourenläufer, sondern auch für Fußgänger. Diese seien sich der Gefahr oft gar nicht bewusst. Schindler: "Man hört im Wald, wie die Äste unter der schweren Eis- und Schneelast runterbrechen."

Waldarbeiter des Nationalparks waren gestern auch damit beschäftigt, Zufahrten zu Wohnhäusern in Herrenwies und beim Plättig freizusägen. Auch für jene sei diese zudem physisch extrem belastende Arbeit mit hoher Gefahr verbunden.

Und diese könnte sich in den kommenden Tagen noch verschärfen. Schindler kann nur auf den "gesunden Menschenverstand" hoffen.

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