Jetzt ist Schicht im Schacht

Jetzt ist Schicht im Schacht

Von Joachim Eiermann

Bühl - "Das Untersuchungsergebnis ist sehr ernüchternd", erklärt Markus Benkeser, der für Klimaschutz und Energie zuständige Experte der Stadtverwaltung. Eine Märzwoche lang dauerten die Zustandsmessungen des Bühler Bohrlochs, Relikt einer großen Bohraktion vor 40 Jahren zur Gewinnung geothermischer Energie. Diese Woche traf der Bericht des Gutachters im Rathaus ein. Demnach ist die 2 699 Meter tief ins Erdreich führende Stahlverrohrung von "großflächigen Ablagerungen" und "Spuren von Materialverlust" geprägt. Das heißt: Der Strang ist kaputt.

Mit einem derart schlechten Zustand hatte Benkeser nicht gerechnet. Er war davon ausgegangen, dass in einem geschlossenen System ohne Sauerstoffzufuhr keine größere Korrosion auftreten würde. Stattdessen entpuppte sich das im Bohrloch stehende Wasser als stark salzhaltige Lösung, die in den über vier Jahrzehnten ihre Wirkung entfaltete. "Die Chloride haben wahrscheinlich das Rohr zerfressen", erklärt Dipl.-Ingenieur Friedrich Cammerer (Bad Urach) vom Büro Hydro Data Dr. Werner Michel. Vor allem im Teufenabschnitt von etwa 490 Metern erspähte die hochsensible Messtechnik bei ihrer Multifinger-Kalibermessung (60 Tastarme) erhebliche Rohrlücken.

Was mit dem defekten Überbleibsel des Geothermieprojekts passieren wird, liegt nun in der Entscheidung des Gemeinderats. In der letzten Sitzung vor der Sommerpause Ende Juli will Benkeser Bericht erstatten. Aus seiner persönlichen Einschätzung macht er keinen Hehl: "Wir werden um eine Verfüllung nicht herumkommen." Er geht davon aus, dass das Freiburger Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau dies zur Auflage machen werde. Eigentümerin des Geländes in der Siemensstraße ist die Stadtwerke GmbH.

Auf Betreiben der Behörde waren auch die jüngsten Untersuchungen erfolgt, in die vier Institute und Spezialfirmen eingebunden waren. So musste die Stadt Bühl den Nachweis erbringen, dass vom Bohrloch keine Gefahr ausgeht.

1979 ambitioniert

gestartet

Das einstige ambitionierte Pilotprojekt "Bühl 1" war im November 1979 gestartet - betrieben von der Deutschen Schachtbau- und Tiefbohrgesellschaft (DST) und kräftig bezuschusst vom Bundesministerium für Forschung und Technologie. Es hatte zum Ziel, Haushalte in der Weststadt mit geothermische Energie zu versorgen. Doch der erhoffte Erfolg stellte sich nicht ein. Das Thermalwasser erwies sich mit 120 Grad zwar heißer als angenommen, jedoch war die Schüttung viel zu gering. Der Bohrkopf landete schließlich im harten Gneis, das bedeutete nach vier Bohrmonaten das Aus. 1982 gab es Pläne für eine Wiederaufnahme des Projekts, die alsbald verworfen wurden. Anfang der 90er wollte "Big Manni" einsteigen, der einstige Flowtex-Chef Manfred Schmider, der später wegen Milliardenbetrugs verurteilt wurde.

Geblieben ist die Bohrstelle mit einem Durchmesser von 32 Zoll (81 Zentimeter) an der Erdoberfläche, der sich in der Tiefe auf bis zu sieben Zoll (18 Zentimeter) verjüngt. Im Rahmen der Untersuchungen wurde im Bohrkeller auch der große Verschlussdeckel ausgetauscht, der kräftig Rost angesetzt hatte. Alles in allem muss die Stadt dafür rund 90 000 Euro berappen.

Rund eine halbe Million dürfte es laut Benkeser jedoch kosten, das Bohrloch nun endgültig zu schließen. Sodann bestehe aber die Möglichkeit, das rund 4 000 Quadratmeter große Grundstück veräußern zu können.

Bei einem bessereren Zustand der Verrohrung hätte es die Option gegeben, eine Erdwärmesonde zur energetischen Versorgung von ein oder zwei Gebäuden in bis zu 1 000 Meter Tiefe einzulassen. Der Aufwand, in den maroden Strang ein neues, zusätzliches Rohr einzubringen, erscheint Benkeser jedoch "zu gigantisch", dies sei wirtschaftlich nicht darstellbar. Auch Gutachter Cammerer rät unter Berücksichtigung der Investitions- und Betriebskosten vom Einbau einer Tiefensonde ab. Allenfalls im Bereich bis zu 400 Metern sei eine energetische Nutzung mit Wärmepumpe durch den künftigen Eigentümer denkbar, erklärte er im Gespräch mit der BT-Redaktion.

Der Vorschlag des Gutachters lautet, das Bohrloch in 1 150 Metern Tiefe mit einem sogenannten Packer quasi zu verkorken und das Rohr bis zur Marke von 400 Metern mit Flüssigbeton aufzufüllen. Nach oben hin ließe sich das Loch weiter mit Zement oder auch Kies schließen. Laut Cammerer werden satte 90 Kubikmeter Material benötigt. Schlussendlich wird das Ganze mit einer Stahlplatte verschlossen.

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