Zurück bleiben Herz und Erinnerungen

Zurück bleiben Herz und Erinnerungen

Von Gerold Hammes

Bühl - Er ist das Gesicht auf der Piazza Giovanni, offiziell auch als Johannesplatz genannt, schlechthin. Virginio Pin, den alle nur Gino nennen. Vor 40 Jahren kam er nach Deutschland. Als Gastarbeiter der ersten Generation. 1983 übernahm er das Eiscafé Venezia. Eine Institution für Kommunikation bei einem Cappuccino oder Espresso mit der so typischen italienischen Leichtigkeit, die Lebensfreude pur versprüht. Nun, im Rentenalter von 67 Jahren, zieht es Gino und seine Ehefrau Paula zurück in die Heimat. Auf dem Johannesplatz, ja in der Stadt geht eine Ära zu Ende.

Der "Eismann" zerfließt bei dem Gedanken, Bühl arrivederci sagen zu müssen, wie ein Schwarzwaldbecher in der glühenden Sonne. Den Coolman zu spielen versucht er schon gar nicht. "Hier in Bühl fühle ich mich wohl und zuhause", betonte er in einem früheren BT-Gespräch. Das Eiscafé verstand er weniger als Arbeitsplatz, vielmehr als Wohnzimmer, das er mit seinen Gästen teilte. Und das sieben Tage die Woche und zumeist zwölf bis 14 Stunden am Tag. Betriebsruhe war lediglich von Mitte Dezember bis Ende Januar. Wer ihn nach der Anzahl an Urlaubstagen in den vergangenen Jahrzehnten fragt, bekommt eine Hand als Antwort. Pin spreizt fünf Finger. Was bedeuten soll: fünf Tage.

Dabei war überhaupt nicht geplant, das ganze Berufsleben in Deutschland zu verbringen, sondern eher dem Zufall geschuldet. 1971 besuchte der damals 22-Jährige einen Freund, der in einem Eiscafé in Kiel arbeitete. Aus wenigen Tagen wurde schließlich eine ganze Saison. Im Winter ging es wieder zurück in seine Heimatgemeinde Cordignano, ein malerischer Fleck in der Provinz Treviso, 40 Kilometer nördlich von Venedig gelegen. Dort leistete der gelernte Elektrotechniker seinen Militärdienst ab, nur Arbeit gab es nicht. Sehr wohl aber in Deutschland. In der Folge war er als Geschäftsführer in Betrieben mit Filialen in Montabaur, Bad Ems, Königswinter und Hilden tätig.

Ein weiterer "Heimaturlaub" war für das weitere Leben von Pin prägend: Zuhause in Venetien lernte er 1980 seine spätere Ehefrau Paola kennen. Zwei Kinder kamen auf die Welt. Die Tochter arbeitet in Norditalien als Geschäftsführerin einer Lebensmittelkette, der Sohn ist Önologe.

Gino und Paula kamen 1983 nach Bühl und übernahmen von der Familie Pellegrini das Venezia am Johannesplatz 11 mit seinen 70 Plätzen im Café und weiteren 80 in der Fußgängerzone. Er war zuständig für die Eisproduktion und den Wareneinkauf, sie umsorgte die Gäste. Stolz berichtet der Gatte, dass er "noch nie" Eis zugekauft habe. Mit fünf Eissorten habe er begonnen, heute sind es 50. Und welche Kreation präferiert er? Er muss nicht lange überlegen: den Schwarzwaldbecher.

Der sportbegeisterte Pin setzte schnell Maßstäbe. Bei Fußballwelt- oder Europameisterschaften stellte er TV-Geräte ins Freie. Er führte in Bühl sozusagen das Public Viewing ein. Kollegen in der Nachbarschaft folgten. Und auch die "Italienischen Nächte" gehen auf seine Initiative zurück.

Pin war aber auch ein Radsportenthusiast. "Zuhause" in seinem Elternhaus machte der Veranstalter der großen Bühler Profiradrennen (Telekom-Grand-Prix, LuK-Cup), Eugen Rösinger, die Verträge mit italienischen Radsport-Größen wie Francesco Moser, Claudio Chiapuccci oder Gianni Bugno perfekt. Gino besorgte den Teams auch die Unterkunft im benachbarten "Adler", damals ebenfalls in italienischer Hand.

Jetzt also heißt es "Ciao Bühl", obwohl er einmal gesagt hatte: "Von hier werde ich nie wieder wegziehen." Hier hat er seinen Lebensmittelpunkt, seine Lebensaufgabe, seine Freunde. Hier schätzt er die "lateinische Mentalität" sprich Lebensfreude. Ihm ebenfalls ganz wichtig: "Alles ist hier sehr familiär". Vor allem Ehefrau Paula fällt der Abschied extrem schwer, weil sie den direkten Kontakt zu den Gästen hatte. Die Philosophie der beiden ist schnell umrissen: "Die Kunden von heute haben wir, aber die von morgen kennen wir noch nicht."

Dolce Vita



zelebriert

Legendär sind auch die Stammtische am Mittwochabend, wenn sich Deutsche, Italiener, Türken und Freunde verschiedenster Nationalitäten auf ein Gläschen oder Häppchen im Venezia trafen und Dolce Vita zelebrierten.

Am Sonntag, 30. Juni, geht auf dem Johannesplatz eine Ära zu Ende. Gino und Paula geben die Schlüssel ab und hinterlassen in Bühl, wie sie betonen, "Freunde, Herz und Erinnerungen". Und danach gibt es für ein paar Tage endlich mal Urlaub: am Tegernsee.

Zuhause in Cordignano wartet auch schon die nächste Aufgabe: Das Elternhaus wurde, mitten in den Reben gelegen, repräsentativ zu einem Bed & Breakfast-Betrieb ausgebaut. Bühler Gäste hätten sich für den Urlaub bereits angekündigt. Der Schmerz wird gelindert durch die Nähe zu den Kindern und den Enkeln. Und wo könnte man schönere Erinnerungen hegen an das Venezia als in Venetien.

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