"Enteignung darf nicht länger ein Tabu sein"

'Enteignung darf nicht länger ein Tabu sein'

Bühl/Schwarzwaldhochstraße - Hansjörg Willig und der Verein "Kulturerbe Schwarzwaldhochstraße" waren 2013 angetreten, um dem weiteren Verfall und dem Leerstand ehemaliger Luxushotels und Kurhäuser entgegenzutreten. Zum Positiven verändert hat sich seither nichts. Im Gegenteil, der Verfall geht munter weiter, und die Politik hat dagegen keine Rezepte. Nach Ansicht von Willig hat sie zusammen mit dem Denkmalschutzamt kollektiv versagt. Im Gespräch mit BT-Redakteur Gerold Hammes zeigt der Vorsitzende des Vereins und intime Kenner des Nordschwarzwalds die Probleme, Versäumnisse, aber auch Lösungsansätze auf.

Interview

BT: Herr Willig, Sie hatten unlängst in der Sendung "Unsere Tausender im Südwesten" im Südwestfernsehen als Vorsitzender des Vereins "Kulturerbe Schwarzwaldhochstraße" einen beeindruckenden wie bedrückenden Auftritt, weil sie auch die undankbare Aufgabe hatten, die Hintergründe für die Hotel-Leerstände und Ruinenlandschaft im nördlichen Teil des Schwarzwaldes zu erläutern. Für alle, die die Sendung nicht gesehen haben, vielleicht in Kurzfassung Ihre Einschätzung.

Hansjörg Willig: Es war fürwahr eine sehr schöne Dokumentation über den Schwarzwald insgesamt. Ein trauriges Kapitel ist leider im Nordbereich der Schwarzwaldhochstraße sichtbar geworden: mit dem Schlosshotel Bühlerhöhe, dem Plättig, dem Kurhaus Sand, dem ehemaligen Kurhaus Bärenstein und eben der Hundseck als dem schlimmsten Beispiel. Und auch die Zukunft der Unterstmatt ist ungewiss, die man aber retten könnte.

BT: Sie waren einmal angetreten, um mit dem im Jahr 2013 in Bühl gegründeten Verein "Kulturerbe Schwarzwaldhochstraße" vor allem das ebenfalls heruntergekommene ehemalige Kurhaus Sand einer Nutzung zuzuführen. Welche Vorstellungen hatten Sie und Ihre Vorstandsmitglieder, und was ist aus diesen geworden?

Willig: Der ursprüngliche Gedanke für die Vereinsgründung war in der Tat, sich für den Erhalt des Kurhauses Sand zu engagieren und an einem sinnvollen Nutzungskonzept mitzuarbeiten. Der Sand ist das zentrale Drehkreuz an der Schwarzwaldhochstraße als Verbindung zwischen Rheintal und Murgtal, Baden-Baden und Freudenstadt. Der Sand wäre aus unserer Sicht ein idealer Standort für ein Infozentrum für den Nationalpark und/oder den Naturpark. In diesem Zusammenhang war auch das alte Postgebäude im Gespräch. Es gab eine ganze Reihe von Besichtigungen mit Bürger- und Oberbürgermeistern, Vertretern des Landkreises und der Landesregierung. Und es gab eine Zusage für einen Masterplan Schwarzwaldhochstraße, der dann auch kam, aber bisher nur ansatzweise umgesetzt wurde. Seitens der Kommunen und privater Investoren ist bis heute so gut wie nichts passiert.

Seitens der Eigentümer, der Kurhaus Sand GmbH und der Stiftung "Paradiesbau auf Erden", herrscht Stillstand. Sie halten solche Nutzungsvorschläge für nicht machbar, weil sie angeblich nicht dem Stiftungszweck entsprechen. Und zu einem Verkauf sind sie wohl auch nicht bereit.

BT: Damit ist das Thema Sand bis auf Weiteres wohl erledigt?

Willig: Ich bin von Natur aus ein optimistischer Mensch, aber realistisch betrachtet stehen die Chancen, dass der Sand einer sinnvollen Nutzung zugeführt wird, schlecht. Das ist schade, zumal der Sand unter Denkmalschutz steht, was man auf Hundseck leider versäumt hat. Es sticht einem ins Herz, wenn man den relativ guten Zustand des legendären und in seiner Form einmaligen Jagdzimmers und der Schwarzwaldstube kennt. Auch der Saal ist in einem relativ vorzeigbarem Zustand. Mir erschließt sich die Philosophie der beiden Geschäftsführer nicht.

BT: Wenn aber die Sand-Eigentümer partout nicht verkaufen wollen, haben auch die Kommunen oder potenzielle Investoren keine Chance, an die Immobilie zu gelangen.

Willig: Das sieht wohl so aus, aber ich dachte immer Eigentum verpflichtet und dass man ein Haus nicht vor die Hunde gehen lassen darf. Vor diesem Hintergrund versagen die Politik und das Landesdenkmalamt kollektiv.

BT: Der Schwarzwald ist in seiner Gesamtheit eine Kulturlandschaft von höchstem Rang. Einige windige Immobilienspekulanten scheren sich einen Deut darum. Und die Politik hat immer noch kein rechtliches Instrumentarium per Gesetz erlassen, um diesem Missbrauch entgegenzutreten. Vor allem der Grundgesetzparagraf 14, wonach Eigentum verpflichtet, liest sich wie Hohn. Das muss Sie doch traurig stimmen?

Willig: Da kann man nicht nur traurig sein, sondern in der Tat sehr zornig werden. Wir haben eine solch schöne Natur- und Kulturlandschaft von höchstem Wert, die so von der lokalen und überregionalen Bevölkerung wahrgenommen wird: von Wanderern, Familien, Mountainbikern und Skiläufern. Deshalb ist die Politik dringend gefordert - und zwar auf höchster Ebene; die Landesregierung ebenso wie das Regierungspräsidium, das Landratsamt und die Anrainer-Kommunen. Alle müssen dies endlich mal zur Chefsache machen, um die Missstände zu beseitigen. Heute ist es doch so, dass viele unseriöse Immobilienbesitzer der Politik auf der Nase herumtanzen.

Verbrechen an der



Natur und Umwelt

BT: Bühlerhöhe, Plättig, Sand und Hundseck: Ehemals exzellente frühere Kurhäuser und Adressen für Kaiser, Könige oder Bundeskanzler Konrad Adenauer gammeln also weiter vor sich hin. Sehen Sie einen Ausweg aus der Sackgasse, möglicherweise über eine Novellierung des Grundgesetzparagrafen 14?

Willig: Ja, auf jeden Fall! Auch eine Enteignung solcher geschichtsträchtiger Häuser inmitten einer Kultur- und Naturlandschaft darf nicht länger ein Tabu sein. Das haben Sie in Ihrer Glosse Apropos "Warum nicht enteignen?" treffend beschrieben.

BT: Hatten Sie schon einmal Kontakt mit deren Eigentümer oder Verwaltern?

Willig: Auf dem Sand hatten wir schon viele Gespräche. Auf Hundseck ist allerdings zudem der Testamentsvollstrecker vom Sand Generalbevollmächtigter. Er vertritt ja die Meinung, dass die baufällige Hundseck zu Unrecht teilabgerissen wurde. Solange die leidige und inakzeptable Situation nicht zur Chefsache der Landesregierung wird, wurstelt jede Behörde vor sich hin und sorgt für eine Blockade. Wir haben es hier zu tun mit einer unheilvollen Mischung aus Uneinsichtigkeit, Gleichgültigkeit und Starrsinn der Immobilien-Eigentümer. Was auf Hundseck geschieht, ist für mich ein Verbrechen an der Natur, an der Umwelt und damit an der Gesellschaft. Ich wundere mich auch, dass hierfür niemand auf die Straße geht wie zum Beispiel bei Fridays for Future. Ich spüre die Betroffenheit immer mehr Bürger beim Anblick dieser Ruinenlandschaft. Viele schreiben mir oder rufen mich an und bedanken sich für unser Engagement, weil wir - bei aller Begrenztheit unserer Möglichkeiten - fast die Einzigen sind, die den Finger in die Wunde legen.

BT: Was versprechen Sie sich vom neuen Landrat Toni Huber und von der neuen Regierungspräsidentin Sylvia Felder?

Willig: Beide sind für mich die letzten Hoffnungsträger, die wir gerne mal zu einem Rundgang ins Höhengebiet einladen und ihnen die unhaltbaren Zustände vor Ort zeigen würden. Der Nordschwarzwald muss auch zur regionalen Chefsache werden!

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